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ITS braucht gegenseitiges Verständnis

Auf dem Zertifikat für Angehörigenfreundlichkeit wollen sich die Mitarbeiter der Intensivstationen nicht ausruhen. Sie hoffen auf Kritik und Anregung.

ITS braucht gegenseitiges Verständnis

Die Arbeit auf den Intensivstationen ist mit viel Technik rund um die Patienten verbunden. Der stellvertretende Stationsleiter Christian Böttcher will aber auch die Arbeit mit den Angehörigen weiter verbessern.

VON ANKE BRAUNS NEUBRANDENBURG. Christian Böttcher erinnert sich gut an sein schlimmstes Erlebnis als Pfleger.

An das kleine Kind, das sie lange reanimierten und doch nicht retten konnten. An die Mutter, mit der er lange zusammen saß und ihr das tote Kind hielt. „Das Geschwisterkind hatte an dem Tag auch noch Geburtstag. In dem Fall habe ich die meiste Kraft investiert“, erzählt der stellvertretende Stationsleiter der beiden Intensivstationen (ITS) des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums. Doch er muss gar nicht an das schlimmste Szenario denken. Egal, ob Patienten verletzt nach Unfällen, nach Herzinfarkten oder schweren Operationen auf der ITS liegen oder ob bei jungen Menschen nach einem Unfall der Hirntod festgestellt wird und eine Entscheidung über eine Organspende gefällt werden muss – gerade auf einer Intensivstation braucht es viel Erfahrung, um mit betroffenen Angehörigen umgehen und ihnen in extremen Situationen Beistand geben zu können.

„Diese Arbeit mit Angehörigen ist aber nicht Teil der Ausbildung und es gibt kaum Weiterbildungsangebote dafür“, weiß er. Weil den 30-Jährigen das Thema angehörigenfreundliche Intensivstationen schon lange interessiert, hat er in seiner Ausbildung zum Stationsleiter eine Arbeit dazu geschrieben. Von der Stiftung Pflege ist den ITS des Klinikums vor kurzem ein Zertifikat für ihre Angehörigenfreundlichkeit überreicht worden (der Nordkurier berichtete). Christian Böttcher hatte von der Ausschreibung gelesen und die Bewerbung für die ITS des Klinikums eingereicht. Als er an seiner Arbeit schrieb, habe er gemerkt, „dass unser Team in der Hinsicht schon sehr weit ist, dass wir viele Bedingungen einer angehörigenfreundlichen Station schon erfüllen, auch räumlich“, sagt er. So verfügt die ITS über einen Trauerraum, in dem Angehörige von verstorbenen Patienten Abschied nehmen können, sowie über einen Übernachtungsraum für Angehörige. Zudem sei die Krankenhausseelsorge jederzeit in Bereitschaft. Und das Wichtigste: ImGegensatz zu über 90 Prozent aller Intensivstationen gebe es auf den ITS des Klinikums keine Besuchszeiten. „Wir haben eine Richtbesuchszeit von 16 bis 20 Uhr, weil da kaum Diagnostik stattfindet, aber engste Angehörige dürfen in lebensbedrohlichen Situationen jederzeit auf die Station“, sagt er.

Das Zertifikat „Angehörige willkommen – ein erster Schritt zur angehörigenfreundlichen Intensivstation“ haben die ITS des Klinikums bisher als einzige im Land bekommen, in Ostdeutschland wurde es noch Stationen in Berlin verliehen. Die Mitarbeiter haben die Zertifikate gegenüber dem Besucherraum aufgehängt und denken, „dass die Angehörigen uns daran messen und uns kritischer sehen. das wollen wir ja auch, wir wollen uns weiter verbessern“, erklärt Christian Böttcher. Bis die ITS nach drei Jahren die Erneuerung der Zertifikate beantragt, soll eine Informationsbroschüre für Angehörige erarbeitet werden. „Und wir planen eine große Tafel, auf der wir das Personal mit Fotos vorstellen.“

Das wird eine ziemlich große Tafel – allein 70 Pflegende arbeiten auf den beiden ITS. Durch die hohe Arbeitsbelastung und den großen psychischen Druck sei die Fluktuation beim Personal sehr hoch. „Wir übernehmen jedes Jahr Auszubildende und stellen zusätzlich erfahrene Schwestern ein“, sagt Christian Böttcher. Für die Mitarbeiter heißt es, in vielen schwierigen Situationen – 2008 wurden auf den ITS 2630 Patienten betreut – nicht nur medizinisch einwandfreie Arbeit zu leisten, sondern auch die Angehörigen einzubeziehen, ihnen Abläufe zu erklären und beizustehen. Andererseits braucht es auch das Verständnis der Angehörigen für die Arbeit auf der ITS. „Dabei kommt es aber in den meisten Fällen nur darauf an, es den Besuchern vernünftig zu erklären“, weiß Christian Böttcher.

Er wünscht sich, dass die Pflegekräfte der Stationen besser geschult werden können im Umgang mit Angehörigen. Besonders schwer ist das bei Todesfällen – 200 bis 220 Patienten sterben pro Jahr auf den ITS des Klinikums. Jedoch selbst in der Zusatzausbildung für Anästhesie- und Intensivmedizin, die 13 Schwestern haben, werde „das Thema vernachlässigt“. Christian Böttcher denkt daran, perspektivisch selbst Weiterbildungen zum Thema Angehörigenarbeit zu organisieren. Die neue Krankenhausseelsorgerin Anke Leisner, die eine Extra-Ausbildung zur Arbeit auf Intensivstationen gemacht hat, bietet den Mitarbeitern zudem kollektive Besprechungen an.

FOTO: A. BRAUNS

Stand 24.07.2009 Quelle: NK090722