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Noch „umsichtiger“ in den Bronchien

Schonend und schnell lassen sich mit endobronchialem Ultraschall und besonderer Beatmungstechnik „Schatten“ auf der Lunge abklären.

Noch „umsichtiger“ in den Bronchien

Dr. Knut Mauermann (links), Oberarzt Dr. Jens Koch und Schwester Susanne Schürgut während einer Untersuchung mittels endobronchialem Ultraschall

VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG Der Patient liegt ruhig auf der Liege in einem Untersuchungsraum des Neubrandenburger Dietrich-BonhoefferKlinikums. Chef-Anästhesist Dr. Knut Mauermann hat ihm über die Vene ein kurzwirksames Narkosemittel verabreicht und die selbstständige Atmung mit einem Relaxans zur Muskelentspannung vollständig „ausgeschaltet“ . Über einen dünnen Katheter strömt nun ein befeuchtetes Sauerstoff-Gasgemisch in die Atemwege des Patienten. „20 bis 30 Liter pro Minute mit hoher Frequenz und bei einem Arbeitsdruck von 1 bis 2,5 bar. In den Atemwegen ist der Druck jedoch nicht höher als bei einer konventionellen Methode“, erläutert der Anästhesist. Jet-Ventilation nennen Ärzte diese Hochfrequenzbeatmung. Ein aktives Ausatmen ist dabei nicht möglich. Die mit Kohlendioxid angereicherte verbrauchte Luft strömt vielmehr über die offenen Atemwege und den Kehlkopf nach außen. Der Gasaustausch erfordert die volle Aufmerksamkeit des Anästhesisten. „Bei dieser hohen Atemfrequenz kann es passieren, dass die Kohlendioxidkonzentration im Blut deutlich ansteigt“, sagt Knut Mauermann.

Die aktuelle Atemfrequenz liegt jetzt bei 150. Der Brustkorb des Patienten hebt und senkt sich kaum noch. Beste Bedingungen für Dr. Jens-Uwe Koch, Leitender Oberarzt der Klinik für Innere Medizin 2. Er will mit einer speziellen Bronchoskopie dem „Schatten“ auf der Lunge auf die Spur kommen, den ein Röntgenbild zeigt. Der Patient, Mitte 60 und Raucher, leidet unter ständigem Husten. Veränderungen im Lungengewebe ließ auch eine Computertomographie-Untersuchung (CT) erkennen. Verdacht: Lungenkrebs. „Das Lungenkarzinom ist eine der häufigsten bösartigen Erkrankungen, zu 85 Prozent aufs Rauchen zurückzuführen“, sagt der Internist.

Mehr als 1.000 Bronchoskopien, auch Lungenspiegelungen genannt, werden nach seinen Angaben am Neubrandenburger Klinikum jährlich durchgeführt. Zumeist, um einem Verdacht auf Lungenkrebs nachzugehen. Aber auch um Lungenentzündungen abzuklären oder um Fremdkörper aus den Atemwegen zu entfernen. Der Begriff Lungenspiegelung ist allerdings irreführend, erläutert Jens-Uwe Koch: „Mit dem Bronchoskop können wir nur die Luftröhre und die großen Bronchien bis zu den sogenannten Lappenabgängen in ihren ersten bis dritten Aufzweigungen einsehen, nicht aber die Lunge.“

Der Internist strebt diesmal eine „umsichtigere“ Untersuchung an. Das ist mit Hilfe des endobronchialen Ultraschalls (EBUS) möglich. Seit fast einem Jahr arbeiten die Neubrandenburger Internisten mit dem speziellen Endoskop, nach Auskunft des Klinikums neben Schwerin als zweite medizinische Einrichtung in Mecklenburg-Vorpommern.

Beim endobronchialen Ultraschall wird dem Patienten wie bei einer einfachen Bronchoskopie ein flexibler Schlauch über den Mund in die Luftröhre eingeführt. Wesentlicher Unterschied zum herkömmlichen Bronchoskop stellt ein Ultraschallkopf an der Spitze des Endoskops dar, zusätzlich zur üblichen Mini-Kamera. So können Ärzte nicht nur die Atemwege von innen beurteilen, sondern auch Strukturen jenseits der Bronchialwände unter die Lupe nehmen. „Oft liegen krankhafte Veränderungen hinter Luftröhre und Bronchien“, sagt Dr. Koch.

Bei dem Mittsechziger sind es zwei vergrößerte Lymphknoten im Brustraum. „Der peripher auffällige Lungenherd ließ sich über die herkömmliche Bronchoskopie nicht abklären. Vermutlich hat der Lungentumor bereits gestreut und Metastasen, also Tochtergeschwülste gebildet“, erläutert der Arzt.

Gewissheit könne letztlich nur eine histologische Untersuchung des Gewebes im pathologischen Labor bringen. Um Gewebeproben dafür zu entnehmen, wäre eigentlich eine Operation mit großem Schnitt erforderlich. „Die wollen wir dem Patienten aber ersparen“, sagt Jens-Uwe Koch. Eine CT-gestützte Punktion des Gewebes indes käme aufgrund der Lage des vermeintlichen Tumors nicht in Frage, die Lunge könnte zusammenfallen, befürchten die Ärzte.

Stattdessen schiebt der Internist über den Arbeitskanal des dünnen Endoskops eine winzige Biopsienadel durch die Wand der Bronchien zu einem der auffälligen, im Durchmesser 2,5 Zentimeter großen Lymphknoten vor und punktiert ihn. „Eine größere Herausforderung ist der kleinere“, sagt Dr. Koch und schaut auf das Ultraschallbild. Es zeigt einen Lymphknoten neben der Luftröhre und in der Nähe großer arterieller Blutgefäße, die nicht verletzt werden dürfen. Die Punktion erfordert höchste Konzentration und viel Fingerspitzengefühl von dem Internisten am Bronchoskop. Der Anästhesist indessen sorgt dafür, dass keine Atembewegung die Gewebeentnahme auf engstem Raum stört.

Während der Patient fünf Minuten nach dem Eingriff aus der Narkose erwacht, sind die Gewebeproben bereits auf dem Weg in die Pathologie, wo sie näher untersucht werden. Dank EBUS kann somit schnellstmöglich eine individuelle Therapiestrategie eingeleitet werden.

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Ein winziger Ultraschallkopf am Bronchoskop ermöglicht dem Arzt, auch Strukturen jenseits der Bronchialwände zu sehen.
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Die mit der dünnen Punktionsnadel entnommenen Gewebeproben werden auf einen Objektträger gegeben.

FOTO HEIKO BROSIN

Stand 24.08.2011 Quelle: NK100308