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Organspende - ja oder nein? Angehörige stehen vor einer schweren Entscheidung

Auf der Intensivstation I 21 des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums sterben jedes Jahr rund 300 der mehr als 1400 Patienten. Ein kleiner Teil davon erleidet nach schweren Blutungen innerhalb des Schädels, nach schwerem Schädel-HirnTrauma oder Sauerstoffmangel den nicht wiederherstellbaren Verlust der Hirnfunktionen. Ist der Hirntod festgestellt, werden Angehörige in ihrem Schmerz auch noch mit schweren Fragen konfrontiert: Hätte der Tote mit einer Organspende anderen Menschen helfen wollen? Geben Sie selbst im Sinne des Betroffenen die Zustimmung zu einer Organentnahme? Für Dr. Knut Mauermann (48), Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, gehören diese Gespräche zu den schlimmsten Stunden in seinem Beruf, vor denen man sich aber nicht drücken dürfe, wie er sagt. Anke Brauns sprach mit ihm, nachdem das Klinikum jetzt erneut für sein besonderes Engagement für die Organspende ausgezeichnet wurde.

Organspende - ja oder nein? Angehörige stehen vor einer schweren Entscheidung

Dr. Knut Mauermann ist Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum. In dieser Funktion hat er oft auch mit dem sensiblen Thema Organspende zu tun.

Diese Ehrung hat ja nicht nur schöne Seiten.
Nein, auch einen bitteren Beigeschmack. Es ist traurig, dass wir viele Menschen haben, denen wir trotz vielfältiger Möglichkeiten nicht dauerhaft helfen können, die dann letztlich ihren schweren Erkrankungen oder Verletzungen erliegen. Aber Organspenden können anderen Menschen das Leben retten. Es ist eine medizinische Therapie, die nachweislich hilft. Obwohl das Thema Hirntod und Organspende in der Intensivmedizin nur einen ganz kleinen Aspekt darstellt, ist es aber ein ganz wichtiger.
Wie viele Fälle betrifft das denn auf der Intensivstation in Neubrandenburg?
In diesem Jahr trat bei 14 Patienten der Hirntod ein. In zehn Fällen bekamen wir von den Angehörigen die Zustimmung zur Organentnahme. Dies ist sehr erfreulich und im Vergleich mit anderen Krankenhäusern eine eher überdurchschnittliche Einwilligungsbereitschaft.
Hatten die Betroffenen denn im Vorfeld ihren Willen bekundet, zum Beispiel durch einen Organspendeausweis?
Alle Patienten hatten nichts Schriftliches hinterlassen. Deshalb musste in den Gesprächen der Wille des Betroffenen ermittelt werden. Das heißt, die Familie muss dann überlegen, wie sich der Angehörige in der Lebenssituation selbst entschieden hätte. Insbesondere dann, wenn man gerade unermessliches menschliches Leid erfährt, ist das sehr schwer.
Für den Arzt, der diese Gespräche führt, ist es sicher auch nicht leicht.
Man braucht dafür viel Erfahrung und Kraft. Ich arbeite seit 22 Jahren in diesem Fachgebiet, doch nach wie vor würde ich mich am liebsten vor diesen Gesprächen drücken. Aber ich kann es nicht. Sehr viele Menschen warten auf ein Spenderorgan, viele von ihnen sterben aus den Wartelisten heraus. Organtransplantation ist eine etablierte Behandlung, um Menschen das Überleben zu sichern oder dauerhaft ihre Gesundheit und Lebensqualität zu verbessern. Letztlich ist die Wahrscheinlichkeit, eine Organtransplantation zu benötigen, viel, viel größer als die Wahrscheinlichkeit, zu den wenigen Menschen zu gehören, die einen Hirntod erleiden. Wir haben immer wieder Patienten mit transplantierten Organen, die wegen anderer Beschwerden zu uns ins Klinikum zur Behandlung kommen. Diese Menschen leben mitten unter uns.
Das ist ja im Allgemeinen bekannt, macht den Angehörigen die Entscheidung in der Akutsituation aber nicht leichter.
Nein, sie sind in der Regel aus zweierlei Sicht verständlicherweise völlig überfordert. Einerseits müssen sie sich mit dem Verlust eines geliebten Angehörigen auseinandersetzen und diesen akzeptieren lernen. Andererseits haben sie in dieser tragischen Situation den Willen ihres Angehörigen hinsichtlich Organspende zu ermitteln, wobei diese Entscheidung sie, genauso wie der Tod des Angehörigen, ein Leben lang nicht mehr loslassen wird. Etwas einfacher für alle Beteiligten wäre es, wenn der Wille des Patienten bekannt wäre. Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen mit der Problematik Krankheit und Tod sowie Vorsorge beschäftigen und ihren Willen in einer geeigneten Form dokumentieren und regelmäßig an die sich ändernden eigenen Lebensziele und Wertvorstellungen anpassen.
Sie sind aber kein Freund des Organspendeausweises.
Abgesehen davon, dass mir in den Gesprächen noch nie einer vorgelegt wurde, finde ich es nicht gut, dieses wichtige Thema auf die Größe eines EU-Führerscheins zu reduzieren. Selbst wenn es so einen Ausweis gibt, weiß man nicht, ob sich die Auffassung des Menschen zu Organ- und Gewebespenden nicht inzwischen doch geändert hat. Besser ist es aus meiner Sicht, diesen Willen mit seinen engsten Vertrauten zu besprechen und in eine generelle Vorsorge einzubauen, am besten in eine Vorsorgevollmacht. Man kann einen oder mehrere engste Vertraute als Bevollmächtigte in der Vorsorgevollmacht einsetzen. Mit demjenigen oder denjenigen sollte man immer mal wieder über seine eigenen Lebensziele, Lebensinhalte und seine Wertvorstellungen reden, da sich diese mit dem Älterwerden durch Erfahrung, Erlebtes und viele äußere Einflüsse ändern.
Worin besteht der Unterschied zwischen Organ und Gewebespende?
Eine Gewebespende wie Hornhaut oder Knochen kann grundsätzlich bei jedem Verstorbenen vorgenommen werden. Eine Organspende geht jedoch nur bei hirntoten Patienten, bei denen der Kreislauf und andere Organfunktionen künstlich bis zur Organentnahme aufrechterhalten werden. Diese Phase nennen wir Konditionierung.
Das kommt ja für Angehörige erschwerend hinzu, dass die Patienten nicht tot erscheinen. Da kann man schon zweifeln.
Ja, aber nur der Laie. Die Feststellung des Hirntodes basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und erfolgt immer genau nach den Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes der Bundesärztekammer, das heißt, es gibt keinen Grund für Zweifel. Mit dem Abschluss der Hirntodbestimmung steht damit der Todeszeitpunkt des Patienten fest.
Haben die Familien für die Entscheidung über die Organspende Bedenkzeit?
Natürlich, die braucht man in der Regel auch. Man spricht mit den engsten Angehörigen, versucht den mutmaßlichen Willen des Patienten herauszufinden, sich zu erinnern, ob es Äußerungen in diese Richtung gab.
Das Klinikum ist kein Transplantationszentrum, aber die Organe werden hier entnommen. Was passiert, wenn die Angehörigen die Zustimmung gegeben haben?
Ein Patient ist, auch wenn er hirntot ist, Patient auf unser Intensivstation. Er ist immer in unserer Hand, wird würdevoll und korrekt behandelt. Nach der Zustimmung folgt die sogenannte Organkonditionierung. Die Angehörigen können auch weiterhin am Patientenbett zugegen sein. Wir besprechen mit ihnen, wie und wann sie bezüglich der Organentnahme informiert werden möchten. Dies ist ganz wichtig, damit die Familien das Geschehene verarbeiten können. Es darf selbstverständlich nur explantiert werden, was vorher im Gespräch festgelegt und danach in den Patientenunterlagen dokumentiert wurde. Die wichtigsten Organe hierbei sind Nieren, Herz, Lunge, Leber und Bauchspeicheldrüse. Damit könnte man sechs bis sieben Menschen helfen. Nach der Organentnahme im Zentral-OP wird der Patient verschlossen wie jeder andere Operierte auch und kommt zurück auf die Intensivstation. Hier haben die Angehörigen die Möglichkeit, nochmals Abschied zu nehmen, wenn sie es wünschen.
Erfahren Angehörige, ob die Organspende anderen Menschen geholfen hat?
Das können sie. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation ist für die Koordinierung des gesamten Organspendeprozesses verantwortlich und demnach aktiv bei uns auf der Intensivstation präsent, sobald es eine Zustimmung zur Organspende gibt. Durch den direkten Kontakt erhalten die Angehörigen und wir immer eine Rückmeldung, welche Organe durch Eurotransplant vermittelt und erfolgreich an einem Transplantationszentrum transplantiert werden konnten. So erhalten alle nach erfolgter Transplantation auf Wunsch einen Informationsbrief. Auch sind die Mitarbeiter der DSO im Vorhinein als auch im Nachhinein zu Gesprächen bereit.
Stand 16.12.2014 Quelle: NK141210