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Rund um die Uhr am Krankenhausbett

„Besuchszeit von 14 bis 16 Uhr“ – Schilder mit diesem Aufdruck sind in deutschen Krankenhäusern der Regelfall. Auf den Intensivstationen des Neubrandenburger Bonhoeffer-Klinikums sind Angehörige zu jeder Tagesund Nachtzeit willkommen – einmalig im Nordosten.

NEUBRANDENBURG. Es piept, nicht laut, aber stetig. Nervtötend. Und doch irgendwie beruhigend. Denn so lange das Piepen konstant bleibt, so lange sind es auch die Werte des Patienten. Ändern sie sich, wird das Piepen lauter, fordernder. Auch die Schritte auf dem Flur beschleunigen sich, denn nur schnelles Eingreifen kann jetzt das Leben des Patienten retten. Intensivstationen (ITS) haben für gesunde Menschen etwas Beängstigendes, Bedrohliches – wer hier liegt, bei dem geht es fast immer um Leben oder Tod. Das ist auf den beiden Intensivstationen am Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum mit ihren insgesamt 35 Betten nicht anders. Und doch unterscheiden sie sich von sehr vielen anderen: Während nämlich anderswo Intensivpatienten weitestmöglich abgeschottet werden, sind in Neubrandenburg Besucher rund um die Uhr willkommen.

Bereits zum zweiten Mal ist den Stationen im Klinikum der Viertorestadt deshalb das Zertifikat „Angehörige jederzeit willkommen – ein erster Schritt zur angehörigenfreundlichen Intensivstation“ verliehen worden. Der bundesweite Verein Pflege e. V. würdigte damit die Vorreiterrolle der Neubrandenburger bei der „uneingeschränkten Öffnung der Station für den Angehörigen“. 60 Intensivstationen bundesweit seien dem Beispiel der Neubrandenburger inzwischen gefolgt – in Mecklenburg-Vorpommern sind die Intensivstationen des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums aber die einzigen mit diesem Qualitätsprädikat. Schon vor knapp zehn Jahren, als die Stationen in neue Räumlichkeiten zogen, habe man sich von den bis dahin starren Besuchszeiten verabschiedet, erklärt Stationsleiter Christian Böttcher. „Eintritt nur nach telefonischer Anmeldung“, steht zwar an den Zugängen zu den beiden Stationen. Doch das Haustelefon, das gleich über dem Schild angebracht ist, darf wirklich jederzeit von Besuchern benutzt werden. Wer dann von einer Schwester oder einem Pfleger in Empfang genommen wird, muss sich die Hände desinfizieren und bei Kranken, die für Infektionen besonders anfällig sind, Mundschutz und Kittel anlegen – viel mehr Beschränkungen gibt es gar nicht. Außer, dass im Regelfall nicht mehr als zwei Personen mit einem Mal zu einem Patienten gelassen werden. Und außer, dass es sich um wirklich nahe Angehörige handeln muss – doch von wenigen für die Medien spektakulären Unfällen oder Gewaltverbrechen einmal abgesehen, versucht auch kaum jemand, der nicht ganz direkt betroffen ist, einen Intensivpatienten zu besuchen.

„Diskussion über den Wegfall der Besuchszeiten gab es im Team überhaupt nicht; jeder von uns würde es doch auch so wollen“, erinnert sich Christian Böttcher. Dr. Knut Mauermann, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Bonhoeffer-Klinikum, formuliert es noch deutlicher: „Besuchszeiten nur von 14 bis 16 Uhr, das geht einfach nicht. Was sollen denn Menschen tun, die um diese Zeit arbeiten müssen? Und wie sieht es mit denjenigen aus, die spät am Abend erfahren, dass sich der Zustand ihres Angehörigen, der auf der ITS liegt, dramatisch verschlechtert hat. Sollen sie bis morgens warten? Ich würde jedem Kollegen, der das nicht verstehen will, vorschlagen, es sich einmal andersrum vorzustellen: Was würde er sich wünschen, wenn er selbst einen Angehörigen auf der Intensivstation hätte? Oder wenn er selbst dort liegen müsste?“ Alltäglichen, gelebten Humanismus nennt Dr. Mauermann das. Und hat dafür gleich noch weitere Beispiele parat: Auf den Neubrandenburger Intensivstationen muss niemand stundenlang im Wartezimmer sitzen, bis er zu einem Patienten gelassen wird. Angehörigengespräche werden im geschützten Raum des Arztzimmers geführt und nicht dort, wo andere mithören können. Und ganz wichtig ist dem Mediziner auch, dass niemals am Bett des medikamentös ruhiggestellten Patienten über ihn gesprochen wird. Dass damit für Ärzte und Pfleger ein Mehraufwand verbunden ist, gibt Christian Böttcher unumwunden zu. Doch vieles ließe sich allein durch ein paar organisatorische Veränderungen in den Griff bekommen. In der Frühschicht gebe es zum Beispiel eine medizinische Fachangestellte, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, die Angehörigen zu betreuen – diejenigen, die persönlich kommen, in Empfang zu nehmen, und diejenigen, die anrufen, weiterzuleiten undweiterzuverbinden. „Detaillierte Auskünfte geben wir nur autorisierten Angehörigen und nur im persönlichen Gespräch“, betont der Stationsleiter. „Aber viele Angehörige wollen auch einfach nur wissen, ob der Patient ohne Komplikationen durchgeschlafen hat, diese Auskünfte geben wir auch am Telefon.“

Die Angehörigen seien sehr dankbar für die Möglichkeit, sich jederzeit auf der Station aufhalten zu dürfen, so Böttcher – sie würden deshalb auch kleine Einschränkungen in Kauf nehmen. Die seien vor allem dann unumgänglich, wenn in einem Zweibettzimmer beim anderen Patienten medizinische Interventionen nötig werden. Gehe es dem eigenen Angehörigen plötzlich sehr viel schlechter, gebe es in der modernen Intensivmedizin mittlerweile Bestrebungen, nahestehende Menschen die Reanimationsbemühungen mit verfolgen zu lassen, „damit sie sehen, dass wirklich alles Menschenmögliche getan wird“, so Christian Böttcher. Für das Stationsteam bedeute auch das allerdings einen spürbaren Mehraufwand, denn ein Mitarbeiter müsse sich ausschließlich um den Angehörigen kümmern. Das könne nur, wer entsprechend ausgebildet sei – „meine Leute sind aber auch sehr an Weiterbildung interessiert“, lobt der Stationsleiter sein Team, in dem der Altersschnitt nicht einmal bei 30 Jahren liegt. Trotz der Mehrbelastung für die Mitarbeiter – aus seiner Sicht hat die Freigabe der Besuchszeiten viele Vorteile für den Stationsbetrieb: „Es gibt keine Stoßzeiten mehr, es kommen nicht mehr alle binnen zwei Stunden, sondern über den ganzen Tag verteilt.“ Starre Besuchszeiten werden im Übrigen nach einer von der Stiftung Pflege vorgestellten Studie zwar akzeptiert, durch neun von zehn Angehörigen aber dennoch nicht eingehalten, wenn ein ihnen nahestehender Mensch auf einer Intensivstation liegt. An diesem frühen Vormittag ist es nur eine einzige Frau, die in einem der Patientenzimmer inmitten piepender und leuchtender Apparaturen am Krankenbett ihres Mannes sitzt. Seit anderthalb Wochen liege er nun schon hier, erzählt sie mit leiser Stimme. Täglich würde sie nicht nur nach ihrem Mann sehen, sondern auch abends vor dem Einschlafen und morgens gleich nach dem Aufwachen auf der Station telefonisch nach seinem Befinden fragen. An diesem Morgen hätte man ihr erklärt, dass sich sein Zustand verschlechtert hätte – daraufhin habe sie ihren Arbeitgeber verständigt, und nun sei sie hier und hoffe, ihrem Mann dadurch Kraft zum Weiterkämpfen zu geben. Dass sie sich dabei nicht an starre Besuchszeiten halten muss,empfindet sie als sehr angenehm. Überhaupt helfe ihr die hilfsbereite Atmosphäre auf der Station, mit der Ausnahmesituation ferig zu werden – irgendwie. Es sei wissenschaftlich belegt, dass Angehörige eine wichtige Rolle als Therapeuten spielten, betont Christian Böttcher. „Sie sind die Kontakte zur Außenwelt, sie sind ,Anwalt‘ und Sprachrohr des Patienten.“ Und Chefarzt Dr. Mauermann ergänzt: „Zum Gesundwerden braucht der Mensch ein funktionierendes soziales Umfeld. Dazu gehört auch, dass Angehörige so oft und so lange wie möglich am Krankenbett sitzen und sich, wenn sie wollen, auch an der pflegerischen Betreuung des Patienten beteiligen.“

Was die größte Hilfe ist, würde im Einzelfall entschieden. Patienten, die nicht bei Bewusstsein sind, sprechen beispielsweise auf Körperkontakt an, auf eine Hand, die ihre hält. Sie registrieren, wenn eine bekannte Stimme vorliest oder vertraute Musik erklingt. Eine entsprechend vorbereitete CD könne auch helfen, wenn der Patient wieder zu sich käme. „Angehörige sollten alles tun, um dem Patienten die Rückkehr ins Leben zu erleichtern“, so Dr. Mauermann. Das könne auch bedeuten, ihn zu motivieren,wenn der Kranke resignieren und notwendige Übungen wie das Atemtraining einfach nicht mehr durchführen will. „Wir begrüßen das, sagen ihnen aber, dass sie trotz allem auch an sich selbst denken und mit ihren Kräften haushalten müssen“, erklärt Christian Böttcher. Wenn möglich, sollten sie sich also am Krankenbett abwechseln. Und wer möchte, kann im Angehörigenzimmer auf der Station versuchen, etwas Schlaf zu finden. Bei Bedarf stehe rund um die Uhr ein Seelsorger für Gespräche bereit. Angehörige Verstorbener können außerdem in Neubrandenburg in einem separaten Raum Abschied nehmen. Ganz ohne Schläuche und Geräte und ohne das nervtötende Piepen.

Karin Koslik

Stand 28.02.2013