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Bevor das Augenlicht für immer verlischt

Auf einmal sind die Badfliesen schief und krumm. Dann ist da immer ein Fleck, genau dort, wo ich gerade hinsehe. So beginnt die Krankheit, an der die meisten Deutschen erblinden. Auf dem 4. Gesundheitsforum des Klinikums gibt es Informationen dazu.

Bevor das Augenlicht für immer verlischt

Prof. Dr. Helmut Höh

NEUBRANDENBURG. „Das ist mir noch nie so aufgefallen, die Fliesen über der Badewanne sind zum Teil ziemlich unordentlich verlegt“, sagt der 66-Jährige zu seiner Frau. Stutzig geworden nimmt sie die Fliesen einmal ganz genau ins Visier. „Bist du sicher, ich kann nichts feststellen. Stimmt eventuell etwas mit deinen Augen nicht?“, meint sie besorgt.

„Das ist gut möglich. Wenn die Fliesenfugen verzerrt erscheinen, der Türrahmen auf einmal einen Bogen hat, sind das Anzeichen einer altersbedingten Augenerkrankung“, erklärt Prof. Dr. Helmut Höh, Chefarzt der Augenklinik des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums. Bei dieser Erkrankung geht die Stelle des schärfsten Sehens im Augapfel kaputt. Die Augenärzte nennen das feuchte Makuladegeneration. Sie ist so gefährlich, weil durch sie die meisten Menschen in Deutschland ihr Augenlicht verlieren, warnt der Chefarzt. Nicht so tragisch, aber auch sehr schlimm: das scharfe Sehen und das Lesevermögen können für immer verloren gehen.

Darum rät Helmut Höh dringend, dass Menschen mit Sehstörungen, wie der oben genannte 66-Jährige, schnell zum Augenarzt gehen. Wer mehr zu dieser Erkrankung erfahren möchte und vielleicht unsicher ist, was sein Sehvermögen betrifft, kann am 4. Gesundheitsforum des Klinikums teilnehmen, das Prof. Dr. Helmut Höh leitet. Für die Nordkurier-Leser gewährt er jetzt schon einen Blick auf die Hintergründe der altersbedingten Gefahr für die Sehkraft.

Die Stelle des schärfsten Sehens im Auge nennt sich auch „gelber Fleck“, der seine Bezeichnung von gelben Farbstoffen hat, die dort als Sonnenschutz eingelagert sind. Vom gelben Fleck aus leitet der Sehnerv wie ein Kabelschacht die Informationen, die das Auge aufnimmt, an das Gehirn weiter. Dort werden dann die „Bilder entwickelt“.

Der gelbe Fleck befindet sich auf der Netzhaut, dahinter liegt die Aderhaut. Über deren Blutgefäße wird die Netzhaut ernährt. Die Gefahr dabei: Im Laufe der Jahre lagern sich zwischen beiden Häuten Schlacken aus dem Stoffwechsel ab, die liegen wie ein Hindernis im Weg, behindern den Austausch, die Netzhaut bekommt zu wenig Sauerstoff. „Das geht ganz langsam, über Jahrzehnte. Das Sehen wird schlechter, aber es bleibt“, beschreibt Helmut Höh diese Form der Makuladegeneration, die die trockene genannt wird und rund 85 Prozent der Fälle ausmacht.

Viel gefährlicher sind die „restlichen“ 15 Prozent, die „feuchte Makuladegenration“. Dabei wachsen Äderchen in die Netzhaut, platzen irgendwann, Blut, Wasser und andere Flüssigkeiten können an die Stelle des schärfsten Sehens vordringen. „Wird diese Erkrankung nicht behandelt, gehen scharfes Sehen, Lesevermögen und möglicherweise das Augenlicht ganz verloren“, erklärt Helmut Höh.

So bemerkt der Betroffene die Erkrankung: Erst sieht er ein welliges Bild, schließlich einen Fleck genau dort, wo immer er hinsieht. Dieser Fleck wird immer größer. „Bis zum Jahr 2000 gab es dagegen keine Therapie. Wir konnten nur sagen, dass sich der Patient damit leider abfinden muss“, blickt der Chefarzt zurück.

Der Durchbruch, über den er sich als Experte besonders freut, kam mit den neuen Medikamenten im Jahr 2007. „Mittlerweile handelt es sich bei deren Anwendung um eine Standardbehandlung mit einer Erfolgsrate von 75 bis 80 Prozent. So schnell ist bisweilen der medizinische Fortschritt“, kommentiert Helmut Höh.

Und das war ein großes Problem zu Anfang: Die Medikamente sind sehr teuer, die Kassen wollten die Behandlung nicht bezahlen. Der Chefarzt rief bei Heike Rademacher von der Neubrandenburger Selbsthilfekontaktstelle an und bekam Unterstützung. Die „Selbsthilfegruppe feuchte Makuladegeneration“ wurde gegründet.

„Als ehrenamtlicher Koordinator der Gruppe stellte sich Karl-Heinz Ackermann zur Verfügung. Als Rentenberater verfügt der sehr versierte Mann über eine Zulassung zum Sozialgericht und konnte auf diesem Weg die Finanzierung der Behandlung erstreiten“, erzählt Helmut Höh. Gerichtsverfahren sind in MecklenburgVorpommern nicht mehr erforderlich. Lediglich ein Kostenvoranschlag muss der Krankenkasse noch vorgelegt werden, ergänzt der Chefarzt.

Die Selbsthilfegruppe als wertvolle Organisation der Hilfe gibt es heute noch, weiß der Augenexperte. Dort können auch ganz alltägliche Dinge ausgetauscht werden: ,Wie erkennst du Flecken auf deinen Kleidern?‘; ,Wie kriegst du das mit dem Kochen gut hin?‘; ,Wie geht man mit dem Lesegerät um?‘...

Stand 09.05.2014 Quelle: NK140507