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Wieder sehen mit fremder Hornhaut

GEWEBESPENDE Dass Organe transplantiert werden, weiß jeder. We nig bekannt ist, dass in Kliniken auch Herzklap pen, Haut und Knochen gebraucht werden.

Wieder sehen mit fremder Hornhaut

Herzklappen werden in Stickstofftanks gelagert.

VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG/ROSTOCK.

Nicht mehr sehen zu können, das ist für Gertrud Müller (*) unvorstellbar. Dabei trübte sich ihr Augenlicht vor 15 Jahren bereits merklich. „Irgendwie sah alles so milchig aus“, beschreibt es die 72-Jährige. Ihr Augenärztin diagnostizierte eine unheilbare Hornhauterkrankung, erblich bedingt. „Da erinnerte ich mich, dass auchmein Großvater erblindet war.“ Dieses Schicksal bleibt Gertrud Müller wohl erspart. Bereits vor zehn Jahren erhielt sie am Dietrich-Bonhoeffer-KlinikumNeubrandenburg eine Spenderhornhaut rechts, mit der sie gut sehen kann, wie sie sagt. Jetzt wurde ihr auch am linken Auge eine Hornhaut transplantiert. „Ich bin zuversichtlich“, freut sich die Seniorin.

„Ohne Hornhautspenden könnten wir vielen Patienten nicht helfen“, sagt der Chefarzt der Neubrandenburger Augenklinik Prof. Dr. Helmut Höh. Die Hornhaut (Kornea) ist die durchsichtige äußere Begrenzung, sozusagen das „Fenster des Auges“. Wird sie trübe, verschlechtert sich das Sehvermögen. Ursachen können Entzündungen, Geschwüre, starke Vorwölbungen oder Verdickungen sein. Auch schwere Verletzungen der Hornhautmit anschließenden Vernarbungen sind eine Indikation für den Austausch gegen eine gesunde, klare Hornhaut, so Professor Höh. Hornhaut-Prothesen aus Kunststoff hält der Augenarzt für eine noch nicht so richtig „ausgereifte“ Alternative.

Etwa 5000 Patienten erhalten in der Bundesrepublik nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) jährlich eine Spenderhornhaut. Der Bedarf ist vermutlich fast doppelt so hoch.

Die Verpflanzung der Augenhornhaut eines Verstorbenen gehört zu den häufigsten Gewebetransplantationen. Doch auch andere Gewebespenden werden in Krankenhäusern dringend gebraucht. „Neben Hornhaut werden bei uns Knochen und Gefäße transplantiert“, bestätigt Andreas Kellner, Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Ansprechpartner in Sachen Gewebespenden am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum.

Wer auf seinemOrganspendeausweis also einer Entnahme ohne Einschränkungen zugestimmt hat, kann nach seinem Tod ebensomit Herzklappen, Augenhornhaut, Knochen und gro ßen Blutgefäßen anderen Menschen helfen, Lebensqualität wiederzuerlangen. Möglich ist es aber auch, bestimmte Organe oder Gewebe von einer Spende auszuschließen.

Seit August 2007 sind Gewebespenden in Deutschland durch das Gewebegesetz geregelt. Dem Gewinnstreben und Handel sind dadurch Grenzen gesetzt – völlig ausgeschlossen sind sie nicht. Gewebe ist ein begehrterWertstoff. „Wo Mangel herrscht, gibt es eine Kommerzialisierungsgefahr“, sagt Dr. Axel Manecke, Mecklenburg-Vorpommerns Regionalleiter für Gewebespenden in der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) in Rostock. Die DGFG ist eine gemeinnützige Einrichtung in Deutschland, die Gewebespenden und -transplantationen organisiert.

„Unser Ziel ist es, alle Krankenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern zu vernetzen“, sagt der Regionalleiter. Mit 18 Häusern habe die DGFG bereits Verträge, so mit dem Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum. Seit April werden von dort Meldungen über Verstorbene anonymisiert an die DGFG nach Rostock weitergeleitet. „Und das nicht nur von der Intensivstation“, sagt Dr. Manecke. In den anderen Kliniken habe es da anfangs durchaus auch abwehrende Haltungen gegeben, berichtet er. Inzwischen aber kommen aus dem DietrichBonhoeffer-Klinikum – prozentual gesehen – mehr Gewebespenden als aus anderen Krankenhäusern. „Neubrandenburg liegt dabei bundesweit an der Spitze“, bestätigt Dietrich Schweder, DGFG-Gewebespendenkoordinator in Rostock.

Dietrich Schweder übernimmt in der Region Neubrandenburg zumeist die Gespräche mit den Angehörigen der Verstorbenen, die für eine Gewebespende in Frage kommen. Dafür hätten die behandelnden Ärzte gar nicht die Zeit und wohl auch manche Hemmschwelle, meint er.

Bei seinen Telefonanrufen gehe es auf keinen Fall darum, jemanden zu überreden, sagt er. „Wir erfragen, wie der Wille oder der mutmaßliche Wille des Verstorbenen war. Ist der nicht bekannt, entscheiden die Angehörigen nach ihren Wertvorstellungen.“ Auch wolle man die Hinterbliebenen nicht in ihrer Trauer stören. „Einige reagieren sogar erleichtert auf unseren Anruf, weil es ihnen so gelingt, die Trauer besser zu verarbeiten“, so Dietrich Schweder. Die Gespräche seien sehr intensiv und würden hohe Sensibilität erfordern.

„In erster Linie geht es aber immer darum, einem lebenden Menschen etwas zu geben“, beschreibt Dietrich Schweder den Ansatz für seine Tätigkeit. Demnächst will die DGFG Angehörigen-Sprechstunden in den Krankenhäusern einrichten – aufgrund der vielen Fragen zur Gewebespende. Auch über den Verbleib der Spende werde auf Wunsch informiert. „Gerade konnte ich einer Frau mitteilen, dass ein 31-jährigen Mann die Hornhäute ihres verstorbenen Vaters erhalten hat“, sagt Dietrich Schweder.

Immer wieder treffen die DGFG-Mitarbeiter auf die Angst der Angehörigen, der Verstorbene könnte regelrecht „ausgeschlachtet“ werden. „Wichtig ist es zu wissen, dass eine Organ- und Gewebespende eine Operation ist und keine Obduktion“, sagt Dr. Manecke. Ein Organ oder Gewebe, das verletzt wird, könne nicht mehr transplantiert werden, auch deshalb werde mit größter Sorgfalt gearbeitet. „DieWürde des Verstorbenen hat höchste Priorität“, betont der Arzt. Nach der Entnahme werde der Leichnam wieder so rekonstruiert, dass es den Angehörigen möglich ist, in Würde Abschied zu nehmen. Prothesen würden entnommene Augen und Knochen ersetzen. Der chirurgische Schnitt werde wieder vernäht, eine Naht sei dann allerdings zu sehen.

Im Unterschied zu Organverpflanzungen bleibt den Ärzten zur Gewebeentnahme mehr Zeit, 72 Stunden beispielsweise für die Augenhornhaut, 36 Stunden für Knochen. Danach kommen die Präparate in Gewebebanken, die oft großen Kliniken angegliedert sind.

Bundesweit gehören bisher 20 dieser Banken zum Netzwerk der DGFG. Neben Hornhautbanken – die gibt es auch in Greifswald, Rostock und Schwerin – haben sich in Deutschland ebenso kardiovaskuläre Banken für Herzklappen und Blutgefäße sowie muskulo-skelettale Banken für Knochen, Weichteile und Haut etabliert. Dort werden die Gewebe der Verstorbenen aufbereitet und konserviert, entstehen aus den Präparaten Transplantate. „Dem geht eine umfassende medizinische Untersuchung des Gewebes voraus, die einen höchstmöglichen Empfängerschutz gewährleistet“, sagt Dr. Manecke. „Seit dem neuen Gesetz wird Gewebe wie ein Arzneimittel behandelt“, begründet der Arzt die streng reglementierte Vorgehensweise.

Die Kosten für die Gewebetransplantation übernimmt die Krankenkasse des Empfängers. „Die DGFG macht dabei keine Gewinne“, betont der Regionalleiter. „Unser Ziel ist es, möglichst allen Patienten rasch ein Gewebetransplantat zur Verfügung zu stellen.“

(Namen geändert)

Stand 21.12.2009 Quelle: NK091214