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„Bombe“ im Gehirn wird entschärft

ANEURYSMA Aussackungen der Gefäße können gefährlich werden. Ein innovatives Verfahren ermöglicht eine Behandlung, auch ohne den Schädel zu öffnen. VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG

„Bombe“ im Gehirn wird entschärft

Gefahr der Hirnblutung gebannt: Platin-Spiralen füllen ein Hirnaneurysma.

NEUBRANDENBURG. „Ich habe abends die Küche aufgeräumt, mich gebückt und bekam plötzlich ganz starke Kopfschmerzen, rasende Schmerzen“, erinnert sich Manuela Tiemer aus Neustrelitz. Noch in der Nacht veranlasste ein Arzt im Neustrelitzer Krankenhaus eine Computertomographie (CT). Zwei Hirnaneurysmen wurden dabei entdeckt, eine dieser Aussackungen der Gefäßwand war gerissen, eine Hirnblutung die Folge. Eine schnelle Operation am Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikumrettete der Neustrelitzerin das Leben. Richtig aufgewacht ist sie allerdings erst in einer Reha-Klinik in Plau am See. „Fünf Wochen meines Lebens fehlen mir“, sagt sie.

„Ein gerissenes Aneurysma˘ ist eine Katastrophe, eine lebensgefährliche Erkrankung“, bestätigt Dr. Thomas Grieshammer, leitender Oberarzt der Klinik für Neurochirurgie des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums. 30 Prozent der Betroffenen würden˘ innerhalb von 24 Stunden sterben, andere mit schweren Beeinträchtigungen wie Halbseitenlähmungen überleben. „Nur bei einem geringen Teil der Patienten mit einer Aneurysma-Ruptur ist eine komplette Heilung möglich“, so der Arzt.

Etwa zwei Prozent der erwachsenen Deutschen sind nach Schätzungen Aneurysma-Träger, viele, ohne es zu wissen. „Vermutlich ist die Zahl höher, als bisher angenommen“, sagt Dr. Grieshammer. Die große Gefahr: Reißt die dünner gewordene, überlastete Gefäßwand, kommt es zu einer lebensgefährlichen Hirnblutung (Subarachnoidalblutung), einer besonderen Form des Schlaganfalls. Jährlich trifft es 100 von einer Million Menschen in Deutschland. Dann gilt, es schnell das Aneurysma aus der Blutzirkulation „auszuschalten“.

„Durch die zunehmende Anwendung von Computertomographie und Magnetresonanztomographie werden aber immer häufiger Gefäßaussackungen zufällig entdeckt, bevor sie zum Problem werden“, sagt Dr. Alexander Bock, Leiter der Neuroradiologie am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum.

Um die „tickende Zeitbombe“ im Gehirn zu entschärfen, muss nicht mehr in jedem Fall der Schädel geöffnet werden. Immer häufiger greifen Mediziner zum Katheter und behandeln das Aneurysma endovaskulär, also über den Gefäßweg. „Die Entscheidung, welche Methode zur Anwendung kommt, wird am Neubrandenburger Klinikum von Neurochirurgen und Neuroradiologen gemeinsam getroffen und ist unter anderem abhängig von Lage und Umfang des Aneurysmas, vom Gesamtzustand des Patienten und bei einer Blutung auch vom Zeitpunkt der Ruptur“, erläutert Neurochirurg Thomas Grieshammer.

Bei der Operation, dem so genannten Clipping, wird mit einer Titan-Klammer das Aneurysma abgeklemmt. Der Blutzustrom in die Aussackung kann dadurch vollständig unterbunden werden. „Wichtig ist es, den Clip genau anzusetzen“, sagt der Neurochirurg. So dürfen kleinere Gefäße, die sich in der Nähe des Aneurysma befinden, nicht ungewollt mit abgeklemmt werden. Unterstützung erhält der Operateur durch die hochauflösende CT-Angiographie. Mit diesem Diagnostik-Verfahren˘ können alle arteriellen Gefäße des Körpers aus jeder Perspektive dargestellt und betrachtet werden – ohne Arterienpunktion und ohne Katheter. „Eine hochmoderne Methode, die nur an größeren medizinischen Zentren möglich ist, aber eine exakte OP-Planung ermöglicht“, sagt Thomas Grieshammer.

Alternativ zur Operation gibt es seit 1991 das sogenannte Coiling (coil, englisch für Spule), entwickelt vom Italiener Guido Guglielmi. Dabei führt der Neuroradiologe einen winzigen Katheter über die Leistenarterie und durch die Bauchschlagader bis ins Gehirn. „Über den Katheter werden haarfeine, weiche Platin-Spiralen, die Coils, in das Hirn-Aneurysma geschoben. Dort rollt sich die elektrisch ablösbare Spirale zu einem festen Knäuel auf. Sie füllt zwar nur zu zwei Drittel die Ausbuchtung, verursacht aber eine Thrombenbildung und verhindert so die weitere Blutzirkulation imAneurysma“, erläutert Alexander Bock. Die Gefahr der Ruptur sei dadurch gebannt, eine Operation mit all ihren Risiken nicht nötig. „Der Patient ist nach zwei bis drei Tagen schnell wieder auf den Beinen“, nennt der Neuroradiologe einen weiteren Vorteil des Verfahrens. Nachbehandlungen seien bei fünf Prozent aller Fälle erforderlich. Bis zu drei Viertel aller Eingriffe – bei gerissenen Aneurysmen ebenso wie bei zufällig entdeckten – erfolgen nach Auskunft von Alexander Bock inzwischen endovaskulär.

Das Neubrandenburger Klinikum gehörte 1995 zu den ersten deutschen Krankenhäusern, die das Coiling ins Behandlungsprogramm aufnahm. „Seitdem sind wir bemüht, alle technischen Entwicklungen auf diesem Gebiet mitzumachen“, sagt der Leiter der Neuroradiologie. Probleme bereiteten anfangs oft die „breitbasigen“ Aneurysmen, wo weder ein Clip gut hält, noch Coils den gewünschten Erfolg bringen, weil sie verrutschen können. „Diese Aneurysmen lassen sich besser behandeln, seitdem wir über einen zweiten Katheter kurzzeitig einen Ballon oder auch einen Stent, eine Gefäßstütze, einführen, um die Mikrospiralen im Aneurysma-Sack zu fixieren“, erläutert der Neuroradiologe.

Seit diesem Jahr folgen Ärzte einem neuen Denkansatz: „Wir müssen den Blutfluss so ,dirigieren‘, dass er im Aneurysma-Sack nicht wirksam werden kann“, sagt Alexander Bock. Dazu werden entsprechende Stents in die Gefäße eingesetzt, die gleichzeitig die schwache Gefäßwand stärken. Auf ein zusätzliches Befüllen der Aneurysma-Ausbuchtung kann dabei mitunter verzichtet werden.

Risikofrei indes ist auch die minimal-invasive Therapie nicht. Dass während der Behandlung die ,Bombe‘ platzen kann, ist nicht völlig auszuschließen. Wird ein Aneurysma zufällig entdeckt, ist darum nicht immer gleich auch eine Therapie erforderlich, wohl aber eine regelmäßige Kontrolle“, sagt Dr. Bock. Dabei sei einzuschätzen, wie hoch die Rupturgefahr ist.

Manuela Tiemer, für die der Rollstuhl schon bereitstand, hat sich zurückgekämpft ins Leben, Eine zweite Aneurysma-Operation hat sie inzwischen gut überstanden und ist den Ärzten dankbar. Die 51-Jährige arbeitet wieder, treibt Sport und fühlt sich topfit, wie sie sagt. Und sie hat eine Selbsthilfegruppe gegründet. „Ich habe während der Reha erlebt, wie sich Menschen nach einer Hirnblutung quälen, wie wichtig es sein kann, von jemandem Hilfe zu bekommen, der eigene Erfahrungen hat“, sagt die Neustrelitzerin. Seit 2004 treffen sich auf ihre Initiative jeden dritten Montag im Monat in der Neubrandenburger DRK-Selbsthilfekontaktstelle Frauen und Männer mit Aneurysma-Erfahrung. Interessierte sind immer willkommen, so Manuela Tiemer.

Infos: Selbsthilfekontaktstelle Tel. 0395 5603955

Defekt der Gefäße

Aneurysmen sind Erweiterungen der Blutgefäßwand. Hirnaneurysmen sehen meist sack- oder beerenförmig aus. Ihre Größe variiert zwischen einem Millimeter und mehreren Zentimetern.

Warum Gefäß-Aussackungen entstehen, ist nicht völlig geklärt. „Wir gehen von angeborenen Ursachen wie Defekte im Gefäßsystem und eine genetische Disposition für eine Gefäßwandschwäche ebenso aus wie von erworbenen, bei denen Arteriosklerose und Bluthochdruck eine Rolle spielen“, erläutert Neurochirurg Dr. Thomas Grieshammer vom Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg.

FOTO: HELIOS GMBH

Stand 02.11.2008