Sections
Personal tools
zertifiziert nach
Ausgezeichnet
 
start » gf » Archiv » „Na und, dann werd’ ich eben abhängig“

„Na und, dann werd’ ich eben abhängig“

Um Kinder und Jugendliche vor Alkoholsucht zu bewahren, wollen Suchtberater, Sozialarbeiter, Klinikum und Stadt enger zusammenarbeiten.

VON ANDREAS SEGETH NEUBRANDENBURG. Jeden Monat endet für zwei bis drei Jugendliche eine „feuchtfröhliche“ Party in der Notaufnahme des Neubrandenburger Bonhoeffer-Klinikums. Diagnose: „Alkoholintoxikation“, wie der Mediziner sagt. Zu deutsch: Alkoholvergiftung. Im Sommer sei es immer ein wenig mehr. „Herausragende“ Ereignisse seien stets die „School’s out“-Partys zumSchuljahresende am Brodaer Strand und die Silvesternacht, berichtet Regina Tanzer, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme im Bonhoeffer-Klinikum. Betroffen seien meist Jugendliche ab 15 Jahren, Jüngere eher selten.

Die Fälle im Klinikum sind natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Das Ausprobieren und Testen von Alkohol oder auch anderen Drogen gehöre zum Jugendalter dazu – genauso wie die Tatsache, dass man sich bei deren Wirkung verschätzen könne, sagt der Diplompsychologe Siegfried Dumlupinar aus der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Wichtig sei es aber, hier keine Dauerprobleme entstehen zu lassen. Dazu wäre es nötig, mit dem Jugendlichen möglichst zeitnah zu sprechen – beispielsweise über Lebensumstände, Probleme und den Umgang mit ihnen. Aber auch schnelle Aufklärung und die Vermittlung von Hilfen wären an dieser Stelle ratsam – möglichst noch amKrankenbett.

Ein Bundesmodellprojekt mit dem Namen „Hart am Limit“ (HaLt) hatte in Rostock und Güstrow genau dieses Anliegen: Die KinderIntensivstationen meldeten jeden Fall akuter Alkoholvergiftung an eine Projektärztin. Diese suchte die Jugendlichen direkt am Krankenbett auf, führte ein Erstgespräch und bot Termine für eine ambulante Weiterbetreuung an – je nach Einzelfall durch Drogenberater, Sozialarbeiter, Kinder- und Jugendpsychiater oder gar in stationären Therapien. Ziel des Projekts war es, die Zahl der Alkoholvergiftungen und der Rückfälle zu senken, die Einstellung unter Jugendlichen in Bezug auf Alkohol zu verändern und nicht zuletzt auch Folgeschäden zu verhindern – psychische Störungen, Probleme in der Ausbildung oder Konflikte mit dem Gesetz.

Die Erfolge, die mit dem2007 abgeschlossenen Projekt einhergingen, veranlassen nun Neubrandenburger Mediziner und Suchtberater, über eine ähnliche Struktur für die Viertorestadt nachzudenken. Laut Landesministerium für Soziales und Gesundheit hat das HaLt-Projekt nachgewiesen, dass das Erstgespräch am Krankenbett mit dem komatös eingelieferten Jugendlichen hoch wirksam gewesen sei – die Wiederholungsquote konnte durch die Intervention deutlich gesenkt werden.

Erste Kontakte und Gespräche zwischen Kinder- und Jugendklinik, Haus der Begegnung, Stadtverwaltung und Caritas zu diesem Thema gebe es bereits, bestätigen Drogenberaterin Juliane Hartmann und Streetworker Winfried Wossidlo von der Neubrandenburger Suchtberatungsstelle der Caritas. Das Problemsei, dass die Suchtberatungsstellen diese Aufgaben derzeit nicht zusätzlich bewältigen könnten, eine neue Stelle scheitere am Geld.

Dass Handlungsbedarf besteht, können sie nur bestätigen. Haben sie auch sonst mit der kompletten Spannbreite an legalen und illegalen Betäubungsmitteln zu tun, bei unter 18-Jährigen sei Alkohol die Droge Nummer eins. Aus welcher Bevölkerungsschicht der junge Mensch kommt, spiele keine Rolle.

Fakt sei aber: Je mehr Alkohol- und Drogenkonsum zu Hause vorgelebt werde, desto gefährdeter seien die Kinder. Eine 17-Jährige habe zu ihr gesagt: „Na und, dann werd’ ich eben alkoholabhängig, dann ist das eben so“, erzählt Juliane Hartmann aus einer Familie, in der Alkoholkonsum an der Tagesordnung ist. Hier müsse man mit einer Therapie kontern, die Frage nach dem Wohin im Leben stellen und auch jene, was die 17-Jährige einmal ihren eigenen Kindern mit auf den Weg geben wolle. Die Hemmschwelle für Jugendliche, Alkohol zu trinken, sei im Laufe der Jahre erheblich gesunken. Und das nicht nur durch Filme oder Werbung. Wer greife denn noch ein, wenn er Kinder und Jugendliche rauchen oder trinken sieht, fragt Hartmann. Das Jugendschutzgesetz werde oft zu leichtfertig umgangen: So wie in einer Neubrandenburger Diskothek, wo Minderjährige in den Morgenstunden per Lautsprecher vor Kontrollen des Ordnungsamtes gewarnt wurden, nennt sie nur ein Negativbeispiel.

Kriterien für das Suchtverhalten

Suchtberater kennen acht Kriterien, an denen man erkennt, ob jemand Suchtverhalten zeigt. Wenn drei von ihnen nachweisbar sind, spricht man von Suchtverhalten, bei Kindern und Jugendlichen reichen durchaus auch schon ein oder zwei. (QUELLE: CARITAS)

  1. Zwanghafter Wunsch zum Konsumieren
  2. Entzugssymptome (Zittern u. ä. )
  3. Konsum, um Entzugssymptome zu mildern
  4. Kontrollverlust: Man kann selbst nicht einschätzen, wann es genug ist.
  5. Toleranzsteigerung: Man braucht immer mehr, um den gleichen Effekt zu erzielen.
  6. Jegliches Verhalten ist auf die Droge fixiert (Beschaffung und Konsum).
  7. Vernachlässigung von anderen Dingen wie Schule, Arbeit, Hobbys, Interessen
  8. Anhaltender Konsum, obwohl man sich des Suchtverhaltens bewusst ist.

Professionelle Hilfe findet man bei der Suchtberatungsstelle der Caritas, Am Pferdemarkt 2, (0395 5665314) und im Haus der Begegnung, Ihlenfelder Straße 103, (0395 425640). Jeder Kontakt wird streng vertraulich behandelt.

Stand 25.08.2011 Quelle: NK090318