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Beim Schlaganfall zählt jede Minute

NEUBRANDENBURG. Der Schlaganfall ist immer noch dritthäufigste Todesursache. Mit einem Aktionstag am 12. November wollen Mitarbeiter des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums Neubrandenburg über den Hirninfarkt aufklären. Mit Dr. Torsten Rehfeldt, 1. Oberarzt der Neurologischen Klinik und Leiter der Stroke Unit, sprach Cornelia Langbecker.

Beim Schlaganfall zählt jede Minute

Medizinische Überwachung rund um die Uhr: Schwester Katrin und Dr. Torsten Rehfeldt überprüfen die Patientenwerte.

Ein zu hoher Blutdruck gilt als einer der größten Risikofaktoren für einen Schlaganfall. Hand aufs Herz, Dr. Rehfeldt, kennen Sie Ihre aktuellen Blutdruckwerte?

Mein Blutdruck wird hin und wieder auf Station gemessen, wenn ich mich sehr aufgeregt habe, und dann ist er meistens hoch. Normalerweise liegt mein Blutdruck bei 140/80 mmHg, und das ist bereits grenzwertig

Ab wann gilt ein Blutdruck als zu hoch?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in ihren Richtlinien klare Grenzwerte festgelegt. Danach ist ein Blutdruck von 120/80 mmHg und niedriger günstig, um Herz-KreislaufErkrankungen zu vermeiden. Ab 140/80 ist meist eine medikamentöse Behandlung erforderlich. Leider kennen viele Menschen ihreWerte nicht. BeimAktionstag bieten wir darum eine individuelle Risikobestimmung an, zu der auch eine Blutzuckermessung und ein Gefäßultraschall gehören.

Kann einen Schlaganfall vermeiden, wer gesund lebt?

Bedingt, denn nicht alle Ursachen lassen sich ausschließen. Der Schlaganfall ist nun mal eine Erkrankung vor allem des höheren Lebensalters und hat auch etwas mit genetischen Faktoren zu tun. Zusätzliche Risikofaktoren aber wie Bluthochdruck, Diabetes, hohe Blutfettwerte lassen sich beeinflussen.

Vorbeugend kann jeder selbst etwas tun – beispielsweise regelmäßig Ausdauersport treiben, wie Fahrrad fahren, Schwimmen, Walken, Joggen. Oder mit dem Rauchen aufhören. Vor allem, wer aus einer Familie kommt, in der die Eltern, Großeltern oder Geschwister bereits einen Schlaganfall hatten, sollte darauf achten.

Woran erkennt man einen Schlaganfall? Der Schlaganfall tut in der Regel nicht weh, auch Hirnblutungen müssen nicht schmerzhaft sein. Meistens kommt es zu halbseitigen Lähmungen, manchmal hängt ein Mundwinkel herab. Typisch sind plötzliche Sprachstörungen oder Sehstörungen wie Doppelbilder, auch Schwindel.

Warum wollen Ärzte nicht, dass der Nachbar die Fahrt in die Klinik übernimmt oder ein Taxi? Seit zehn Jahren haben wir die Möglichkeit, den Schlaganfall gezielt zu behandeln.Mit Medikamenten – über einen Tropf verabreicht oder per Katheter direkt ans Gerinnsel gespritzt – können wir die Gefäße wieder öffnen, den Thrombus auflösen.

Vom Beginn der Symptome bis zum Einsetzen der Thrombolyse dürfen aber nur maximal drei Stunden vergehen. In jeder Minute, die bis zum Therapiebeginn vergeht, sterben im Gehirn Millionen Nervenzellen ab, und die Chancen für den Patienten, sich zu erholen, verschlechtern sich. Drei Stunden sind fix vorbei. Darum ist es wichtig, schnell den Notarzt zu informieren. Auch nicht erst über den Umweg Hausarzt. Im Rettungswagen werden sofort Blutdruck und Blutzucker kontrolliert und der Patient an ein EKG angeschlossen. 30 Prozent aller Schlaganfälle gehen mit einem Herzinfarkt einher. Neue Medikamente und Verfahren werden künftig ermöglichen, das Zeit-Fenster noch länger geöffnet zu halten. Das ändert aber nichts daran, dass die Gefahr irreparabler Schäden steigt, je später behandelt wird. Der Schlaganfall ist die häufigste Ursache für lebenslange Behinderungen. Unsere Ergotherapeuten bieten beim Aktionstag einen Selbsterfahrungsversuch an, um nachzuempfinden, welche Probleme neurologische Ausfälle im Alltag mit sich bringen.

Bekommt ein Anrufer Ärger, wenn er „falschen Alarm“ ausgelöst hat? Nein. Bei Verdacht auf einen Schlaganfall sollte sofort die 112 angerufen werden.

Die Neubrandenburger Klinik für Neurologie hat vor einem Jahr von der Deutschen Schlaganfall-Hilfe das Zertifikat einer Stroke Unit, also einer überregionalen Spezialstation, zuerkannt bekommen. Was ist das Besondere an einer Stroke Unit? Die Bündelung von Kompetenz. Für die Betreuung von Patienten mit akuten Schlaganfällen steht hier ein speziell ausgebildetes Teamaus Ärzten, Pflegekräften, Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden zur Verfügung, und das rund um die Uhr. Die intensive Überwachung von Blutdruck, Temperatur und Blutzucker und die schnelle Klärung der Ursache des Schlaganfalls sind wichtig, weil in den ersten Tagen die Gefahr groß ist, dass er sich wiederholt.

Andererseits beginnt noch auf der Stroke Unit die Rehabilitation, um mögliche neurologische Ausfälle zu behandeln.

Ein Leser schrieb in einem kürzlich veröffentlichten Brief über seine Sorgen, dass Schlaganfall-Zentren Zeitverlust für den Patienten mit sich bringen würden...

Die Angst ist unbegründet. Voraussetzung für die Zertifizierung einer Stroke Unit ist auch ein Notarztkonzept, in dem mit den Rettungsdiensten der Region festgelegt ist, wie der Patient schnellstmöglich zur Diagnostik und Behandlung kommt. Das muss nicht immer in einer Stroke Unit sein, aber ein Neurologe sollte die Erstbehandlung schon übernehmen. Ziel ist, mit den Stroke Units eine qualitativ hochwertige Schlaganfallbehandlung flächendeckend in Deutschland anzubieten. 250 dieser Spezialstationen werden dafür gebraucht, mehr als 180 gibt es inzwischen. In Mecklenburg-Vorpommern sind wir mit den Stationen in Neubrandenburg, Greifswald, Stralsund, Rostock und Plau gut aufgestellt.

Kommt ein Schlaganfall wirklich immer aus heiterem Himmel? Oder gibt es auch frühzeitige Warnsignale?

Alle Schlaganfall-Symptome können kurzzeitig bereits als Vorboten auftreten: Da schläft vorübergehend jemandem die Hand ein. Oder es kommt zu einem kurzzeitigen Erblinden auf einem Auge. Diese flüchtigen Durchblutungsstörungen werden oft nicht ernst genommen. Und damit möglicherweise Chancen vertan, einen schweren Schlaganfall zu vermeiden. Also auch kurzzeitige Symptome bedeuten: unverzüglich zumArzt!

Gerinnsel verstopft Gefäße

Unterschieden wird beim Schlaganfall zwischen der plötzlich auftretenden Minderdurchblutung, dem ischämischen Hirninfarkt, und der akuten Hirnblutung. Ursache für eine Hirnblutung ist zumeist das Zerreißen eines Blutgefäßes aufgrund eines langjährig bestehenden Hochdrucks. 80 Prozent aller Schlaganfälle aber sind Folge einer plötzlichen Minderdurchblutung (Ischämie), die auf eine Verstopfung oder Verengung kleinerer Blutgefäße direkt im Gehirn oder der Halsschlagader zurückzuführen ist. So kann sich aufgrund einer Herz-RhythmusStörung im Herzen ein Gerinnsel (Thrombus) bilden, das mit dem Blutstrom zum Gehirn wandert und dort ein Gefäß verstopft. Verkalkungen wiederum können eine hochgradige Einengung der Halsschlagader bewirken. Der plötzliche Sauer- und Nährstoffmangel führt zum Absterben von Nervenzellen in der betroffenen Hirnregion

Individuelles Risiko wird ermittelt

Zu einem Schlaganfall-Aktionstag lädt am 12. November das Team der Neubrandenburger Stroke Unit, einer speziellen Schlaganfallstation der Neurologischen Klinik, ins Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum ein. „Noch immer werden Schlaganfall-Symptome nicht richtig erkannt, so dass wertvolle Zeit vergeht, bevor der Patient in die Klinik kommt“, sagt die Chefärztin der Neurologischen Klinik, Dr. Barbara Bauer. Eingeladen sind Betroffene und Angehörige ebenso wie Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste und andere Interessierte. Jeweils um 15 und 17 Uhr gibt es Vorträge zu Symptomen und Risikofaktoren. Angeboten wird eine individuelle Schlaganfall-Risikobestimmung mit Gefäßultraschall, Blutdruck- und Blutzuckermessung.

165 000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen Schlaganfall.

Schlaganfall-Aktionstag, 12. November, 14 bis 18 Uhr, Bethesda-Klinik am Klinikum Neubrandenburg

Stand 10.11.2008 (Quelle Nordkurier 081110)