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Die Reise nach Nirgendwo

DEMENZ Immer mehr Menschen erkranken an Hirnleistungsstörungen. Früh erkannt, kann das „große Vergessen“ im Alter hinausgezögert werden.

Die Reise nach Nirgendwo

Training fürs Gehirn und für die Sinne –Schwestern und Familienpflegerin bei Übungen mit Patienten auf der gerontopsychiatrischen Station des Klinikums

VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG. Hier hält kein Bus. Doch das alte Haltestellen-Schild war wichtig auf der gerontopsychiatrischen Station der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums. Demenzkranke wollen oft verreisen. Zurück in die „guten Jahre“. Die Attrappe ermöglicht ihnen das, was sie amliebsten tun, ihre Vergangenheit aufleben lassen. Sie ist aber auch Ausdruck für einen Therapieansatz, den Fachleute Validation nennen: Die Erlebniswelt des verwirrten Menschen wird anerkannt und als gültig (valide) erklärt. Er wird nicht ständig auf seine Defizite aufmerksam gemacht. So reden die Schwestern auf der Station dem Patienten nicht die Reise zur längst verstorbenen Mutter aus; der immer wieder geäußerte Wunsch scheint ohnehin im nächsten Augenblick vergessen.

„Wir holen den Patienten emotional dort ab, wo er sich befindet“, sagt Pflegedienstleiterin Christine Heidemann. Und Chefarzt Dr. Rainer Gold erläutert: „Wenn auch die Gedächtnisleistungen der Patienten nachlassen, die Emotionalität bleibt.“ Das müsse man beachten. Auch beim Hirnleistungstraining sei es wichtig, nicht mit Lob zu sparen.

Auf der gerontopsychiatrischen Station werden ältere Menschen mit psychischen Problemen und Störungen behandelt. Einige kommen als Notfall in verwirrtem Zustand in die Klinik. „Ist es etwa Alzheimer?, fragen dann oft die besorgten Angehörigen“, berichtet Oberarzt Dr. Matthias Kinder.

Doch Verwirrtheit hat viele Ursachen. Über Fred Meyers (*) Lippen kommt seit Wochen nur Kauderwelsch. Er ist verärgert, reagiert aggressiv, weil ihn seine Frau nicht versteht. „Aber die Untersuchungen haben ergeben, dass er einen Schlaganfall hatte“, erzählt der Arzt.

In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft 1,1 Millionen Demenzkranke, zwei Drittel davon leiden an Alzheimer. Die schwere Erkrankung ist durch den Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit gekennzeichnet.

„Doch nicht jeder vergessene Termin bedeutet gleich Demenz“, sagt Chefarzt Rainer Gold. Im Frühstadium versagt das Kurzzeitgedächtnis. Der Wortschatz wird kleiner, Betroffene haben oft Schwierigkeiten, neue Informationen zu speichern, werden depressiv. Die Urteilsfähigkeit lässt nach. Später finden sich Demenzkranke in gewohnter Umgebung nicht mehr zurecht, leiden untermotorischer Unruhe, die Persönlichkeit verändert sich… „Erst wenn die kognitiven Störungen länger als sechs Monate anhalten, ist die Diagnose Demenz sicher“, sagt Rainer Gold.

Bei Diagnostik und Therapie arbeiten die Psychiater nicht nur mit anderen Fachärzten und Psychologen zusammen, sondern auch mit den Angehörigen der Patienten. „Für die Anamnese ist es besonders wichtig, was Kinder oder Ehepartner zur Krankengeschichte berichten können“, sagt der Arzt.

Verschiedene Labortests des Blutes und bildgebende Verfahren wie Computertomographie oder Kernspintomographie helfen, den unterschiedlichen Ursachen der Demenzkrankheit auf die Spur zu kommen. Bei der Alzheimer-Demenz sind es pathologische Eiweißablagerungen im Gehirn, die sogenannten Amyloidplaques und Neurofibrillen, die zum Untergang von Nervenzellen und Nervenzell-Kontakten führen. Andere Demenzen lassen sich auf Durchblutungsstörungen des Gehirns oder beispielsweise auf Stoffwechselerkrankungen zurückführen. Risikofaktor Nummer eins für das „große Vergessen“ ist das Alter.

Unentbehrlich für den „Gehirn-TÜV“ in der Klinik sind standardisierte neuropsychologische Testverfahren. Erna Krüger (*) soll ein Uhr einschließlich Uhrzeit zeichnen. Die 90-Jährige ist vom sozialpsychiatrischen Dienst in die Klinik eingewiesen worden, weil sie allein zu Hause zu verwahrlosen drohte. Sie kam plötzlich nicht mehr mit dem Haushalt klar. Die zierliche Frau wirkt durchaus nicht verwirrt. Doch den Uhr-Test schafft sie nicht. Ein möglicher Hinweis auf Demenz.

Heilbar ist Demenz nicht. „Wissenschaftler hoffen, dass der Verlauf künftig um mehrere Jahre verlangsamt und somit die Pflegebedürftigkeit hinausgezögert werden“, sagt Matthias Kinder. Voraussetzung sei eine frühzeitige Diagnose. Dann könne es mit Medikamenten wie den so genannten Acetylcholinesterase (AChE)-Hemmern gelingen, den Mangel an Botenstoffen im Gehirn auszugleichen und die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen wieder zu verbessern. Andere Medikamente verhindern, dass ein Zuviel des Botenstoffes Glutamat zu einer ständigen Überreizung des Gehirns führt. Forscher tüfteln derzeit noch an einem Impfstoff gegen Alzheimer. Vor 2012 sei damit aber nicht zu rechnen, so Matthias Kinder.

Neben der medikamentösen Behandlung ist die kognitive und psychomotorische Aktivierung für die Alltagskompetenz der Demenz-Patienten wichtig. Das beginnt bei der Körperpflege. „Natürlich dauert es länger, wenn wir den Patienten immer wieder auffordern, selbst denWaschlappen in die Hand zu nehmen. Aber die Zeit nehmen wir uns“, sagt Schwester Christine Heidemann.

Vielfältige Gruppen-Aktivitäten gehören zum Tagesprogramm auf der Station H23. Wenn „Dat du min Leevsten büst“ angestimmt wird, singen Demenzkranke oft gern mit. ZumErfolgserlebnis kann für Patienten auch das gemeinsame Kochen werden. „Das Gemüseputzen geht einigen noch gut von der Hand“, sagt Schwester Christine.

Stärker helfen wollen die Krankenschwestern pflegenden Angehörigen, die zu Hause eine große Last zu tragen haben. Daraus entstand die Idee für eine offene Gesprächsgruppe. Sie soll Begleitung, Austausch und Beratung – etwa über Entlastungen im Alltag und rechtliche Regelungen – bieten. Treff ist jeden dritten Mittwoch im Monat auf der Station. „Interessierte sind immer willkommen“, sagt Christine Heidemann.

Angehörige stationär mit aufzunehmen, um sie in der Betreuung zu schulen, ist in Neubrandenburg nicht möglich. Zu beengt sind die räumlichen Bedingungen in der Klinik, die noch im alten Gebäude in der Külzstraße untergebracht ist. Ärzte und Schwestern hoffen auf Veränderungen.

Dann kann vielleicht auch das Bushaltestellen-Schild für die Reise nach Nirgendwo wieder aufgestellt werden.

* NAMEN GEÄNDERT

FOTO: HEIKO BROSI

Infos zur Gruppe für pflegende Angehörige

  • Claudia Kleinikel und Sybille Wiedfeldt-Flock
  • Tel. 0395 7754043.

Sozialpsychiatrische Tagung

„Notfall Verwirrtheit: Ist es etwa Alzheimer?“ lautet ein Vortrag, den Dr. Matthias Kinder, Oberarzt am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum, auf der Sozialpsychiatrischen Regionaltagung am 27. Februar in Neubrandenburg halten wird. Zum elften Mal lädt die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Fachleute zu Fortbildung und Erfahrungsaustausch ein. Dr. Jürgen Hein vom Krankenhaus Angermünde wird dort über ein ambulantes Netzwerk zur Versorgung Demenzkranker in der Uckermark berichten. CL

Stand 25.08.2011