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Hörtest mit Piepmaus und Brummbär

SCREENING Seit zehn Jahren werden im Neubrandenburger Klinikum alle Neugeborenen untersucht, ob sie von Anfang an auch ganz Ohr sein können.

Hörtest mit Piepmaus und Brummbär

„Achtung, hören!“, fordern Sylvia Sudik (links) und Dr. Dagmar Kayser den dreijährigen Niko auf. Bei der Spielaudiometrie verwandelt sich der Messplatz auch in einen Spielplatz.

VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG. Lene hat ihr kleines Hörgerät auf den Tisch gelegt. Unter den blonden Zöpfen trägt sie jetzt Kopfhörer. Konzentriert schaut die Achtjährige zu Sylvia Sudik. „Auf dem linken Ohr wirst du jetzt ein Rauschen hören. Wir ,beschummeln‘ es, damit sich das rechte Ohr nicht ,ausschalten‘ kann“, erläutert die Mitarbeiterin des Kinderaudiologischen Zentrums der Neubrandenburger HNO-Klinik dem Kind die Verfahrensweise. Lene nickt. Sie hat die Worte verstanden. Das gelingt ihr ohne Hörgerät nicht immer. Erst vor zwei Jahren haben Ärzte festgestellt, dass das Mädchen auf dem rechten Ohr unter einer Innenohrschwerhörigkeit leidet. „Wir waren erschrocken. Lene hatte sich bis dahin doch ganz normal entwickelt“, sagt die Mutter.

„Eine einseitige Schwerhörigkeit geht nicht mit Sprachentwicklungsproblemen einher“, bestätigt Dr. Dagmar Kayser, die Leiterin des Kinderaudiologischen Zentrums am Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum. Oft werde das Problem erstmals beim Telefonieren bemerkt oder in der Schule, wo im „Störlärm“ eine einzelne Stimme schwer herauszufiltern ist. Um dieses räumliche Hören nicht einzuschränken, sei eine Versorgung mit einem Hörgerät wichtig. Lene trägt es seit dem siebenten Lebensjahr.

Bei einer beidseitigen Innenohrschwerhörigkeit allerdings, an der etwa eines von tausend Kindern leidet, kann die späte Diagnose schwerwiegendere Folgen haben. In den ersten Lebensjahren lernen die Kinder zu sprechen, davon abhängig vollzieht sich ihre geistige und seelische Entwicklung. „Wird ein schwerhöriges Kind erst nach dem ersten Lebensjahr mit Hörgeräten versorgt, ist seine Chance, die Sprache zu erwerben, bereits geringer“, sagt die HNO-Ärztin. Ein Jahr später nehme die Chance deutlich ab. Noch vor zehn Jahren erhielten schwerhörige Kinder in der Regel jedoch erst mit drei Jahren Hörgeräte.

Heute kann ihnen früher geholfen werden. „Dank des Hörscreenings für Neugeborene“, sagt Dagmar Kayser. Seit 1998 werden alle im Neubrandenburger Klinikum geborenen Kinder diesem objektiven Hörtest unter zogen. „Mittels eines speziellen Verfahrens, das die Aktivität der Sinneszellen im Innenohr misst – evozierte otoakustische Emission, kurz OAE genannt – können ab dem zweiten Lebenstag zuverlässig Hörstörungen erkannt werden, die größer als 30 Dezibel sind“, erläutert die Ärztin. Bei Auffälligkeiten sollten Eltern ihr Baby dann möglichst rasch einem HNO-Arzt vorstellen. Der klärt ab, ob weitere Untersuchungen notwendig sind.

Darauf spezialisiert ist das Kinderaudiologische Zentrum, das vor zehn Jahren gegründet wurde. Neben Oberärztin Dagmar Kayser bemüht sich dort die Gesundheitsfürsorgerin und Mitarbeiterin für Funktionsdiagnostik Sylvia Sudik einfühlsam um die kleinen Patienten.

Maximilian, fünf Jahre, soll aufpassen, wann die Piepmäuschen und die Brummbären aus den Kopfhörern tönen. Er wartet ein wenig ungeduldig. Denn jedes Mal, wenn er die hohen und tiefen Töne hört, klopft er erst mit einem Baustein an den Kopfhörer und darf ihn dann verbauen. Das macht Spaß. Sylvia Sudik an den Lautstärkereglern lässt Maximilian nicht aus den Augen. „Ich sehe es, wenn ein Kind den Ton hört“, sagt sie.

Für Jolina, 14 Monate alt, sind solche Spielchen noch zu schwierig. Sie sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter, als Geräusche um sie herum ertönen. „Wauwau?“, fragt die Kleine und dreht den Kopf zum Lautsprecher mit dem Hundegebell. Mutter und Diagnostikerin sind zufrieden.

Diese subjektiven Verfahren gehören zu einer Reihen von Tests, mit denen der gesamte Verlauf der Schallleitung und -empfindung untersucht wird.

„Den Goldstandard der Untersuchungen aber bildet die BERA, die Hirnstammaudiometrie“, sagt die Ärztin. „Hiermit können wir für jedes Ohr getrennt objektiv die Lautstärke und Frequenzen bestimmten, bei denen das Kind hört.“ Die Untersuchung ist schmerzfrei, versichert Dagmar Kayser. „Im Gegensatz zu vielen anderen Einrichtungen wird sie in unserem Haus während des natürlichen Schlafs durchgeführt.“ Nur sehr selten sei die Gabe eines Beruhigungsmittels notwendig.

Bestätigt sich der Verdacht einer Innenohrschwerhörigkeit, können die präzisen Messergebnisse für die erforderliche Hörgeräteanpassung genutzt wer den. „Wir arbeiten eng mit einem Pädakustiker zusammen“, sagt die Ärztin. Bisher wurden so 55 Kinder beidseitig und 6 Kinder einseitig mit Hörgeräten versorgt. Mit einer künstlichen Hörschnecke, dem Cochlearimplantat, konnte 7 Kindern geholfen werden, die kein oder nur noch ein sehr geringes Hörvermögen haben. Sie wurden zur Operation an Zentren nach Greifswald oder Rostock überwiesen.

Seit 2002 gibt es in Mecklenburg für alle Neugeborenen in den Kliniken den frühen Hörtest. „Wir waren das erste Bundesland, in dem ein flächendeckendes Neugeborenen-Hörscreening in die Praxis umgesetzt wurde“, sagt die Neubrandenburger Ärztin. Möglich sei das durch Spenden und das Engagement der Krankenhäuser gewesen.

Eine gesetzlich festgelegte Finanzierung des Screenings gab es bislang nicht. Ab 2009 soll es nun jedoch in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden.

Gute Voraussetzungen, allen Kindern mit angeborenen Hörschädigungen einen Therapiebeginn im sechsten Lebensmonat zu garantieren. Trotz aller Bemühungen haben die Experten dieses Ziel bisher nicht erreicht.

Felix (Name geändert) beispielsweise erhält erst mit zehn Jahren Hörgeräte. Der Besuch einer Förderschule hätten ihm eventuell erspart werden können, wenn Eltern und behandelnde Ärzte den Empfehlungen nach dem Neugeborenen-Screening gefolgt wären, sagt die Ärztin.

Stand 30.07.2008