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Kleine „Revolution“ mit Tomografen

NEUROONKOLOGIE: Moderne Technik und ärztliche Teamarbeit erhöhen für Patienten mit Hirntumoren Lebenschancen und Lebensqualität.

Kleine „Revolution“ mit Tomografen

Chefarzt Dr. Wilfried Schulz und sein Team während einer Tumoroperation.

NEUBRANDENBURG (CL) Etwa 2,5 Zentimeter groß ist der Tumor, der in der Hirnanhangdrüse auf den Sehnerv drückt. Die Patientin droht zu erblinden. Ärzte im OP 5 des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums wollen das verhindern.

Der Schädel ist geöffnet, über das Operationsmikroskop kann Dr.Wilfried Schulz, Chefarzt der Neurochirurgie, die gutartige Geschwulst erkennen. Vorsichtig löst er mit den Mikroinstrumenten das wuchernde Gewebe. Sehnerv und Hauptschlagader dürfen dabei nicht verletzt werden.

„Normalerweise wird ein Hypophysentumor heute endoskopisch durch die Nase entfernt“, sagt der Neurochirurg. In diesem Fall sei die Lage des Tumors aber ungünstig gewesen für eine „Schlüssellochoperation“. Doch der Operateur ist überzeugt, der Patientin ein Stück Lebensqualität zurückgegeben zu haben.

Im Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum werden jährlich etwa 300 Patienten mit Tumoren am zentralen und peripheren Nervensystembehandelt, mehr als die Hälfte davon sind bösartige Erkrankungen.

Eine Herausforderung für verschiedene medizinische Fachbereiche. Seit 1994 sorgt ein Neuroonkologisches Zentrum (NOZ) am Haus für deren effektivere Zusammenarbeit. „Beim neuroonkologischen Konsil zum Beispiel werden alle zwei Wochen fachübergreifend optimale Lösungen für Problempatienten gesucht“, berichtet NOZ-Leiter Neurochirurg Dr. Jamal Assaf. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit suche ihres gleichen.

Bei den meisten Hirntumoren ist die Operation die Therapie der ersten Wahl. Eine Gratwanderung oft. Denn das Bestreben, die Geschwulst möglichst vollständig zu entfernen, ist zumeist mit dem Risiko verbunden, gesundes Gewebe zu schädigen – Lähmungen oder Sprachstörungen können dann die Folge sein. „Durch neue Operationsverfahren und -techniken konnte dieses Risiko jedoch in den letzten Jahren minimiert werden“, sagt Chefarzt Schulz und fügt hinzu: „Alle Methoden, die derzeit möglich sind, bieten wir in Neubrandenburg an.“ Neben endoskopischen Eingriffen ist das vor allem die Neuronavigation. Dabei berechnet ein Computer auf der Grundlage von Untersuchungs-Daten des Magnetresonanztomografen (MRT) den optimalen Zugangsweg für den Neurochirurgen. Das bringt mehr Sicherheit für Operateur und Patient.

Die Voraussetzungen dafür schaffen Neuroradiologe Dr. Alexander Bock und seine Mitarbeiter. Herzstück ihres „Reiches“ im Klinikum ist ein hochleistungsfähiger MRT, 2003 angeschafft und gerade wieder ein wenig aufgerüstet, wie der Arzt sagt. „Er ermöglicht Untersuchungen in einer Komplexität, wie es sonst nur an Uni-Kliniken möglich ist“, so Alexander Bock.

„Wir können bei einer hohen Kontrastauflösung der Bilder das Weichteilgewebe nicht nur in alle drei Raumrichtungen studieren und selbst kleinste anatomische Strukturen sehen“, erläutert er. Möglich seien mit dem Hightech-Gerät zum Beispiel die Darstellung von Gefäßen auch ohne Kontrastmittel und von wichtigen Nervenbahnen im Gehirn sowie eine Gewebecharakterisierung mittels Spektroskopie.

Besonders hilfreich für die Operationsplanung ist die funktionelle Diagnostik mit dem MRT. BOLD-Imaging nennen Fachleute die Darstellung aktivierbarer Hirnareale entsprechend dem Sauerstoffverbrauch der jeweils durchbluteten Region. Funktionszustände des Gehirns können so im Bild dargestellt werden. „Das ermöglicht die Lokalisation des Tumors zu wichtigen Zentren im Gehirn, die Sprache, Sehen oder Motorik steuern“, sagt der Neuroradiologe. Die Bilddaten können dem Operateur über das Neuronavigationssystem ins Operationsmikroskop überspielt werden. Neurochirurg Schulz ist begeistert: „Die MRT-Bilddarstellung des Sprachzentrums kommt einer kleinen Revolution gleich.“ Um Komplikationen zu vermeiden, erfolgten Eingriffe in der Nähe heikler Regionen bisher am wachen Patienten mit umfangreicher Testung der Hirnfunktion während der Operation.

Genutzt wird das MRT auch zur Therapie-Kontrolle und für die regelmäßigen Nachuntersuchungen. Anne Peters (*), 30 Jahre jung, wird zum 24. Mal in die „Röhre“ geschoben. An das klopfende Geräusch des Riesenmagneten hat sie sich längst gewöhnt. „Hauptsache, es ist alles in Ordnung“, sagt sie. Noch während ihres Studiums wurde bei ihr ein Hirntumor festgestellt.

„Ich litt unter Krampfanfällen“, erzählt sie. Ein Westernhagen-Konzert wurde ihr nach der erschreckenden Diagnose noch gewährt, dann musste operiert werden. Das liegt neun Jahre zurück.

Und bereits wenige Augenblicke nach dem jüngsten Check hört Anne Peters im Sprechzimmer von Dr. Barbara Bauer die erlösenden Worte: Alles in Ordnung. Die Chefärztin der Neurologie ist über das Untersuchungsergebnis bereits informiert. Nun lässt sie sich Zeit für ihre Patientin aus der Uckermark. Wie es den Kindern geht, will sie wissen. Und ob denn der Mann ein wenig mehr helfe. „Oft vergessen Angehörige zu schnell, dass sich der Partner auch nach einer erfolgreichen Therapie schonen sollte.

Der Tumor kann wieder zurückkehren“, sagt die Neurologin. Dass die 30-Jährige ihr Studium beenden konnte, verdankt sie auch der Unterstützung der Ärztin. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass der Studentin trotz längerer Studienzeit das BAföG weitergezahlt wurde.

Seit 1994 ist Barbara Bauer mit ihrer Neuroonkologischen Sprechstunde nicht nur Mittler zwischen den medizinischen Fachbereichen. Sie kümmert sich ebenso um soziale Probleme ihrer Patienten und deren Familien. Wichtig ist ihr stets die Lebensqualität ihrer Patienten, deren Lebenszeit auch heute noch verkürzt ist, wie sie sagt. „Meine Arbeit erschöpft sich nicht im Verabreichen von Tabletten und Infusionen“, sagt Barbara Bauer.

Dennoch ist neben Operationen und Strahlentherapie die „Chemo“ ein wichtiger Bestandteil vieler Behandlungskonzepte. Kollegen bezeichnen die Neurologin als Spezialistin auf diesem Gebiet. Nicht nur Ärzte, auch Patienten wissen ihr großes Engagement zu schätzen.

„Dr. Bauer ist sehr rührig“, sagt Regina Kurt (*), die für zwei Stunden ins Klinikum gekommen ist.

Die Flüssigkeit, die langsam über die Armvene in ihren Körper tropft, soll einen Hirntumor bekämpfen. Diagnostiziert wurde er 1994; weil er ungünstig liegt, konnte er nicht restlos entfernt werden. Immer wieder meldet er sich zurück. Drei Operationen, Chemo- und Strahlenbehandlungen hat die 54-Jährige hinter sich. Dennoch gelang es ihr während dieser Zeit, mit ihrem Ehemann ein Haus in der Müritzregion auszubauen. Das neue Medikament, das nun noch einmal helfen soll, ist ein monoklonaler Antikörper, der die krankhafte Neubildung von Blutgefäßen unterbinden kann und den Tumor so schrumpfen lässt. Jetzt fließt mit dem Tropf neue Hoffnung für Regina Kurt.

Und die Ärzte arbeiten bereits an einer neuen Methode: „Wir haben gerade den Weg gebahnt für eine lokale Chemotherapie, wie sie bisher erst in wenigen Zentren angeboten wird“, sagt Neurochirurg Schulz. Dabei werden während der Operation gleich Chemo-Plättchen in den Rand der Tumorhöhle eingesetzt. Neue Chancen am Neubrandenburger Klinikum für Menschenmit bösartigen Hirntumoren. * NAMEN GEÄNDERT Neuroonkologisches Zentrum (NOZ) Seit 1994 arbeiten am Neubrandenburger Klinikum Neurologen, Neurochirurgen, Neuroradiologen, Strahlentherapeuten, Pathologen, Kinderärzte, Psychologen, Physio- und Ergotherapeuten, Schwestern und Seelsorger in einem Neuroonkologischen Zentrum zusammen. Ziel ist die medizinische Behandlung der Tumorpatienten auf hohem Niveau. Das NOZ unterbreitet auch Hilfsangebote an Angehörige, organisiert wissenschaftliche Foren und beteiligt sich an Studien.

Chefarzt Dr. Wilfried Schulz und sein Team während einer Tumoroperation. Das Operationsmikroskop ermöglicht gute Sicht.

Neuroonkologisches Zentrum (NOZ)

Seit 1994 arbeiten am Neubrandenburger Klinikum Neurologen, Neurochirurgen, Neuroradiologen, Strahlentherapeuten, Pathologen, Kinderärzte, Psychologen, Physio- und Ergotherapeuten, Schwestern und Seelsorger in einem Neuroonkologischen Zentrum zusammen. Ziel ist die medizinische Behandlung der Tumorpatienten auf hohem Niveau. Das NOZ unterbreitet auch Hilfsangebote an Angehörige, organisiert wissenschaftliche Foren und beteiligt sich an Studien.

  • NAMEN GEÄNDERT
Stand 22.06.2008 (Quelle/Nordkurier: 26.05.2008)