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Nur jede zweite Frau nutzt die Chance

NEUBRANDENBURG / KLINIKUM (CL) Mit der Mammographie, einer speziellen Röntgenuntersuchung, können Ärzte bereits Vorstufen eines Tumors entdecken.

Nur jede zweite Frau nutzt die Chance

Oberärztin Christiane Weigel von der Radiologie am Greifswalder Universitätsklinikum

„Zum Mammographie-Screening? Hier sind sie richtig.“ Die medizinisch-technische Röntgenassistentin Edeltraud Möller hat den fragenden Blick gesehen und bittet freundlich herein. Die meisten Frauen sind das erste Mal hier.

Seit Dezember gibt es am Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum den Bereich für die Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchungen – mit spezieller digitaler Röntgen-Technik und separatem Eingang, getrennt vom Krankenhausgeschehen. Hierher werden alle Frauen der Region im Alter von 50 bis 69 Jahren eingeladen. „Wenn einem so eine Untersuchung kostenlos angeboten wird, sollte man sie schon nutzen“, sagt eine 65-jährige Neubrandenburgerin, die gerade den obligatorischen Fragebogen ausfüllt. „Das ist doch zu meiner Sicherheit.“ Und wie alle hofft sie, dass der Befund in Ordnung ist. Das allerdings erfährt sie erst nach etwa einer Woche per Brief.

Brustkrebs ist in Deutschland die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Etwa zehn Prozent werden im Lauf ihres Lebens mit der folgenschweren Diagnose konfrontiert, die meisten nach dem 50. Lebensjahr. Jährlich sterben fast 19 000 Frauen an der heimtückischen Erkrankung.

Eine frühe Erkennung könnte die Heilungschancen verbessern und die Anzahl radikaler Operationen verringern, sagen Experten. Das Mammographie-Screening, wie die Röntgenreihenuntersuchung genannt wird, soll nun dazu beitragen.

„Die Mammographie ist derzeit die beste Methode zur Früherkennung, sie lässt bereits Krebsvorstufen erkennen“, sagt Dr. Birgitt Oldenburg. Die niedergelassene Radiologin ist eine der Screening-Befunderinnen in Neubrandenburg. Wöchentlich fährt sie ins Klinikum, um die Röntgenbilder zu begutachten. Mit Argusaugen und auch mit viel Erfahrung, führt sie doch seit Jahren in ihrer Gemeinschaftspraxis selbst Mammographie-Untersuchungen durch, bei Frauen mit einem auffälligen Tastbefund oder familiärer Vorbelastung beispielsweise.

Um eine Anerkennung als Untersuchungsstelle für das Screening hat sich die Radiologin mit ihrer Praxis jedoch nicht beworben. „Zwar haben wir die erforderliche Technik“, erläutert ihre Kollegin Dr. Andrea Münch. Doch wäre der Aufwand zu groß, um beispielsweise den organisatorischen Anforderungen zu genügen und die erforderliche Computer-Software anzuschaffen. Sinnvoll scheint es außerdem, bestehende Strukturen zu nutzen. Am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum und am Müritz-Klinikum Waren gibt es sie. Beide Untersuchungsstellen bilden die sogenannte Screening-Einheit Neubrandenburg, ein Zentrum zur Brustkrebs-Früherkennung.

Das Röntgen der Brust dauert nur wenige Minuten, die Auswertung hingegen ist aufwendig. „Jede Aufnahme muss durch zwei Befunder unabhängig voneinander begutachtet werden. Weichen die Einschätzungen der beiden Ärzte voneinander ab, beurteilt die Aufnahme ein weiterer“, erläutert die Programmverantwortliche Ärztin, Dr. Sabine Balschat, Oberärztin am Klinikum. Auffällige Befunde werden gemeinsam diskutiert. Neben den Neubrandenburger Radiologinnen Dr. Birgitt Oldenburg und Eva Fehlhaber gehört auch der Chefarzt der Gynäkologie am Müritz-Klinikum, Dr. Toralf Bauer, zu den speziell geschulten Befundern.

Seit Jahresbeginn hat das Team 1910 Mammographien aus dem Bonhoeffer- und dem Müritz-Klinikum ausgewertet. 78 Frauen wurden danach kurzfristig zu einem Gespräch und weiteren Untersuchungen eingeladen. „Wer so einen Brief bekommt, sollte sich nicht zu sehr beunruhigen“, rät Sabine Balschat. Nicht jede Auffälligkeit ließe auf einen bösartigen Tumor schließen. Doch sollte das gründlich abgeklärt werden.

Bei 19 Frauen war allerdings in den vergangenen sechs Monaten auch die Entnahme einer Gewebeprobe, eine Biopsie, erforderlich. „In 11 dieser Fälle wurden bösartige Tumore oder Krebsvorstufen diagnostiziert“, sagt die Radiologin und widerspricht damit Kritikern, die bemängeln, beim Screening werde zu häufig und voreilig invasiv untersucht. Die Tumore, so die Ärztin, seien noch winzig und nicht tastbar gewesen. Gute Chancen also auf Heilung.

Durch die Screening-Einheit Greifswald, die bereits im Juni 2006 ihre Arbeit aufnahm, wurden bisher 12 514 Frauen geröntgt, im Schweriner Früherkennungs-Zentrum 6320. In Schwerin wurden dabei umgerechnet auf 1000 untersuchte Frauen 9,3 bösartige Tumore entdeckt, wie die Kassenärztliche Vereinigung des Landes mitteilt.

Mit der ersten Bilanz könnten die Ärzte also zufrieden sein, wenn nur die Beteiligung besser wäre. „Leider hat bisher nur etwa jede zweite Frau die Früherkennungs-Untersuchung genutzt“, sagt Sabine Balschat. Vielleicht sei es für Ältere aus ländlichen Regionen zu umständlich, in die Stadt zu kommen.

Zu Beginn des Screenings habe man vor allem die 69-Jährigen eingeladen, denen aufgrund ihres Alters die Untersuchung auf Kassenkosten nur noch in diesem Jahr zugutekommt. Jetzt seien auch die Jüngeren dran beim Screening. „Möglich, dass nun mehr Frauen kommen“, hofft die Ärztin.

Screening-Programm

Das Mammographie-Screening als Programm zur Früherkennung von Brustkrebs wurde 2002 vom Bundestag beschlossen und soll flächendeckend in Deutschland eingeführt werden. EU-Leitlinien liegen ihm zugrunde. Finanziert wird die Röntgenuntersuchung von den Krankenversicherungen. Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren erhalten alle zwei Jahre eine Einladung zur Untersuchung. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es vier Screening-Zentren: Neubrandenburg mit den Untersuchungsstellen am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum und am Müritz-Klinikum Waren, Greifswald mit Einrichtungen in Demmin, Pasewalk, Stralsund und in der Hansestadt selbst.

Weitere sogenannte Screening- Einheiten sind in Schwerin und Rostock. Allen in Frage kommenden Frauen wird damit in MV die Vorsorgeuntersuchung angeboten. Im Land Brandenburg soll das Mammographie-Screening zum Jahresende starten.

Bild:

Oberärztin Christiane Weigel von der Radiologie am Greifswalder Universitätsklinikum betrachtet an einem hochauflösenden Monitor Mammographie-Aufnahmen. Mecklenburg-Vorpommern hat sich für die moderne digitale Technik beim Screening entschieden.

Stand 06.07.2008 (Quelle/Nordkurier: 13.08.2007)