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Ruhestand kontra Arbeitseifer

AUSGESCHIEDEN Mit Waleri Pletnjow verliert das Klinikum Neubrandenburg einen der dienstältesten Ärzte.

VON ROBERT KIESEL NEUBRANDENBURG. Vollkommen realisiert hat der frischgebackene Ruheständler Walery Pletnjow das Ende seines aktiven Arbeitslebens noch nicht, das gibt der Oberarzt für Anästhesie und Intensivmedizin gern zu. "Ich fühlemich wie im Urlaub, als könnte es morgen wieder los gehen", versichert der 65-Jährige. Angesichts seiner beruflichen Vita verwundert dies kaum, 40 Arbeitsjahre verbrachte er im Schicht- und Bereitschaftsdienst, allein 35 Jahre davon in den Operationssälen des Klinikum Neubrandenburg.

Begonnen hat seine medizinische Laufbahn 1962 mit der Aufnahme des Studiums in Wolgograd. An der Universität lernte er seine spätere Ehefrau kennen, die in der DDR aufgewachsen war und der er im Dezember 1968 nach Abschluss des Studiums eben dorthin folgte. Seine erste Anstellung fand Walery Pletnjow am Kreiskrankenhaus Anklam, wo er sich dazu entschied, eine Facharztausbildung für Anästhesie und Intensivmedizin zu beginnen. "Das war damals eher aus dem Bauch heraus", erinnert er sich heute. Auf sein Bauchgefühl kann sich Pletnjow offenbar verlassen, "wenn ich könnte, würde ich es nochmal so machen", versichert er heute. Die Individualität jedes einzelnen Patienten reize ihn immer wieder aufs Neue, langweilig sei ihm seine Arbeit nie geworden.

Die ersten fünf Berufsjahre pendelte der angehende Anästhesist zwischen Krankenhäusern in Greifswald, Berlin und Anklam, 1974 entschied er sich nach beendeter Facharztausbildung für den Wechsel an das Bezirkskrankenhaus Neubrandenburg. "Damals hatte das Klinikum den Status ganz neu verliehen bekommen, das hat gelockt", erklärt Pletnjow.

Gern erinnert er sich an die sehr gute personelle wie materielle Ausstattung zu dieser Zeit. "Teilweise waren wir besser ausgestattet als die Berliner Charité, zum Beispiel was die Beatmungsventilatoren angeht", verrät Pletnjow. Auch die neuesten Medikamente standen meist zur Verfügung, imNotfall bediente man sich per Kurierfahrer an der so genannten "Regierungsapotheke" in Berlin, die auch westdeutsche Präparate vorrätig hielt.

Nach den wesentlichsten Unterschieden zwischen den Zeiten vor und nach der Wiedervereinigung befragt, kommt die Antwort ohne langes Zögern. "Es ist vor allem die Menschlichkeit, die heute auf der Strecke bleibt", erklärt Walery Pletnjow. Seiner Ansicht nach wird heute nur noch das Nötigste getan, die Medizin immer mehr kommerzialisiert und die Krankenhäuser arbeiten immer stärker am Profit orientiert. Pletnjow versteht dies als gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die nicht auf den Gesundheitsbereich beschränkt ist.

Die Lust am Beruf hat er sich davon aber nicht nehmen lassen und wer weiß, vielleicht wird aus dem Ruhestand doch noch ein ganz normaler Jahresurlaub.

Stand 25.08.2011