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Strahlen stoppen Entzündungen

Mithilfe von Linearbeschleunigern werden am Neubrandenburger Klinikum nicht nur Patienten mit bösartigen Tumor-Erkrankungen behandelt.

NEUBRANDENBURG (CL)„Strahlung an“ „Strahlung an“ warnt die Leuchtschrift. Die dicke Stahltür zum Behandlungsraumist geschlossen. Draußen kontrollieren Medizinisch-technische Radiologieassistentinnen an Monitor und Computer den Verlauf: Harte Strahlen treffen zielgerichtet auf das Tumorgewebe eines Patienten, sollen es zerstören. Die schmerzfreie Behandlung dauert nur wenige Minuten. Zwei Linearbeschleuniger sind an diesem Tag im Einsatz, die Patienten im Viertelstunden-Takt bestellt.

Die Strahlentherapie ist neben Operationen und Chemotherapie eine wichtige Säule in der Krebsbehandlung, seit 1995 auch amDietrich-Bonhoeffer-Klinikum. Was viele jedoch nicht wissen: „Strahlen werden nicht nur zur Behandlung von bösartigen Tumoren eingesetzt“, sagt Chefärztin Dr. Regina Berndt-Skorka. Jeder vierte Patient, der in die moderne Neubrandenburger Klinik für Strahlentherapie kommt, leidet unter einer gutartigen Erkrankung.

„Dass niedrig dosierte Strahlen schmerzlindernd und entzündungshemmend wirken können, ist eigentlich keine neue Erkenntnis, auch wenn die Wirkungsmechanismen heute noch nicht vollständig erforscht sind“, sagt die Ärztin. „Nachgewiesen ist aber zum Beispiel, dass sich durch die Bestrahlung der saure pH-Wert im entzündeten Gewebe normalisiert“, erläutert Regina Berndt-Skorka. Tatsache sei auch, dass sich im bestrahlten Gebiet die Anzahl weißer Blutkörperchen erhöht. „Die Immunantwort des Körpers wird also aktiviert“, sagt die Chefärztin, deren Team sich auch an wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema beteiligt.

Anders als bei der Tumorbestrahlung steht bei gutartigen Erkrankungen nicht die zellabtötende Wirkung im Vordergrund. Bestrahlt wird darum mit einer wesentlich geringeren Dosis: insgesamt maximal 3,5 Gray (Gy). Nebenwirkungen wie Hautreizungen sind darum kaum zu befürchten. Bei der Krebsbehandlung wird eine Gesamtdosis von 70 Gy und mehr eingesetzt.

Die Palette der behandelbaren Krankheiten ist groß. Besonders hilfreich ist eine Strahlentherapie bei degenerativen Erkrankungen – von der Arthrose in Hüft- und Kniegelenk bis zum „Tennisellenbogen“. Die schmerzhafte Schultersteife kann nach Auskunft der Strahlen-Expertin in 70 bis 80 Prozent aller Fälle auf diese Weise erfolgreich behandelt werden. Beim „Fersensporn“ liegen die Erfolgschancen gar bei 90 Prozent. Auch Achillessehnen-Reizungen, ein häufiges Jogger-Leiden, stehen auf der Behandlungs-Liste. Zunehmend kommen Patienten mit einem Verschleiß mehrerer kleiner Fingergelenke (Polyarthrose) in die Strahlenklinik. „Prinzipiell ist es auch möglich, die ganze Wirbelsäule bei Spondylose zu bestrahlen“, sagt die Chefärztin.

Orthopäden beziehen die Strahlentherapie gern in ihre Behandlungspläne ein. „Nach dem Einsatz künstlicher Hüftgelenke kann es zu Verkalkungen im Weichteilgewebe kommen, was trotz erfolgreicher Operation dem Patienten Schmerzen bereitet und die Beweglichkeit des Gelenks beeinträchtigt“, erläutert die Ärztin. Eine prophylaktische Bestrahlung vier Stunden vor der OP habe sich dagegen bewährt.

Ionisierende Strahlen werden nach Auskunft der Ärztin außerdem gegen eine krankhafte Vermehrung des Bindegewebes eingesetzt. Dabei haben sich Knötchen an den Sehnen der Handinnenflächen (Morbus Dupuytren) oder der Füße (Morbus Ledderhose) gebildet, sodass Beweglichkeit oder Gehfähigkeit eingeschränkt sind. Auch einer Peniskrümmung (Induratio penis plastica), die ebenfalls auf eine gutartige Bindegewebserkrankung zurückzuführen ist, lässt sich mit niedrig dosierten Strahlen beikommen.

Zu den entzündlichen Erkrankungen, bei denen Strahlen helfen können, gehören unter anderem Furunkel und Schweißdrüsenabszesse. „Es gibt junge Leute, die jahrelang unter die sen immer wiederkehrenden sehr schmerzhaften Abszessen leiden. Rechtzeitig bestrahlt, lässt sich die Entzündung vermeiden. Ist der Abszess bereits vorhanden, kann durch die Behandlung der Reifeprozess unterstützt werden“, erläutert die Strahlentherapeutin. Darüber hinaus kann mit den Strahlen auch einer Vergrößerung der männlichen Brustdrüse, wie sie nach einer Hormonbehandlung bei Prostatakrebs auftreten kann, entgegengewirkt werden.

Die meisten Patienten, die mit gutartigen Erkrankungen in die Strahlenklinik kommen, haben bereits Behandlungen mit Medikamenten, Operationen oder Physiotherapie hinter sich. „Bei einer chronischen Mittelohrentzündung zum Beispiel ist der HNO-Arzt der erste Ansprechpartner und überweist den Patienten bei Bedarf an uns“, erläutert Dr. Regina Berndt-Skorka die Verfahrensweise.

Obwohl bei gutartigen Erkrankungen niedrig dosierte Strahlen zum Einsatz kommen, werden die Patienten mit gleicher Sorgfalt behandelt wie Tumorkranke, betont die Chefärztin. Dazu gehört die exakte Berechnung der Dosis und des zu bestrahlenden Zielgebietes durch den Physiker. In einigen Fällen, so zur Behandlung der endokrinen Orbitopathie, dem Hervortreten des Augapfels als Folge einer Schilddrüsenüberfunktion, ist eine Bestrahlungsmaske als Lagerungshilfe erforderlich. Die wird individuell in der klinikeigenen Werkstatt angefertigt und garantiert in diesem Fall, dass am Linearbeschleuniger zielgenau nur der Raum hinterm Augapfel bestrahlt wird.

Die Behandlungsdauer ist unterschiedlich. Bei chronischen Entzündungen werden in der Regel sieben Bestrahlungen, dreimal in der Woche eine Minute lang verordnet. Der angestrebte heilende Effekt tritt manchmal erst nach acht Wochen ein. „Die Strahlentherapie wirkt sehr verzögert“, sagt die Ärztin. Beim „Fersensporn“ aber beispielsweise sei manchmal durchaus sofort eine Linderung zu spüren.

AAA-BBB-CCC

Stand 16.10.2008