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Johann Hinrich Wichern

Auszug aus der Mitarbeiterzeitung des Dietrich- Bonhoeffer-Klinikum „Azur

In Gegenwart der Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde am 1. Februar 2008 das Wichernjahr der Diakonie und Evangelischen Kirche in Berlin eröffnet.

Am 21. April vor zweihundert Jahren wurde Johann Hinrich Wichern in Hamburg geboren. Viele diakonische Einrichtungen tragen seinen Namen, doch wer ist Wichern? Die einen halten Johann Hinrich Wichern für den bedeutendsten praktischen Theologen, den das evangelische Christentum deutscher Prägung hervorgebracht hat. Anders das Votum des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (1949-1959), der meinte: „Wichern hatte keine Zeit, ein guter Theologe zu werden, weil es ihn drängte, ein guter Mensch zu sein.“ Diese Bewertung hängt sicher auch damit zusammen, dass Wichern lebenslang Kandidat der Theologie geblieben ist und nie Pastor wurde, weil es damals zu viele Amtsanwärter gab. Also war er - wie damals üblich - als Lehrer tätig. Er war ein guter und wacher Pädagoge. Ihm entging das Elend vieler Familien in Hamburg nicht, das durch Arbeitslosigkeit, unzumutbare Wohnverhältnisse und Alkohol geprägt war. Vor allem Kinder und Jugendliche waren die Leidtragenden, weil sie kaum eine Schule besuchen und keine Berufsausbildung machen konnten. Wichern zeigte sich besonders sensibel für die Not anderer, weil er sie am eigenen Leib erfahren hatte. In bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen unter sieben Geschwistern verlor er mit 15 Jahren seinen Vater. Als ältestes Kind musste er nun zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Bereits als 18jähriger hat er als Erzieher gearbeitet. Diese Erfahrung prägte seinen beruflichen Werdegang. Nach einem Theologiestudium in Göttingen und Berlin hat er mit Unterstützung wohlhabender und sozial eingestellter Christen 1833 in Hamburg das Rauhe Haus gegründet, wo Kinder und Jugendliche in familienähnlichen Strukturen lebten und ausgebildet wurden. Die pädagogischen Aufgaben wurden von dazu ausgebildeten Diakonen wahrgenommen. Dieses Beispiel machte Schule, auch in Mecklenburg, wo Wichern viele Mitstreiter fand. 1843 wurde in Rostock der Hauptverein für Innere Mission, der Vorläufer des Diakonischen Werkes gegründet. Es folgte 1845 ein Rettungshaus in Rostock -Gehlsdorf, der heutige Michaelshof. Eine ähnliche Einrichtung war das Haus Bethanien, das 1851 in Rattey Jugendlichen eine Perspektive bot und später nach Neubrandenburg verlegt wurde. Bereits 1848 wurde in Wittenberg der Zentralausschuss für Innere Mission gegründet, wodurch die soziale Arbeit der evangelischen Kirchen vernetzt und strukturiert werden konnte. Damit war der erste Wohlfahrtsverband in Deutschland gegründet. „Die Liebe gehört mir wie der Glaube“, sagte Wichern und formulierte sein persönliches Leitbild, dass das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen ist. An diesen Beispielen ist ablesbar, was die Bedeutung Wicherns damals und heute ausmacht:

Wichern war ein großer Organisator. Er hat nicht nur schöne Ideen zur Veränderung der Gesellschaft entwickelt, im Möglichen geschwebt, wie Dietrich Bonhoeffer einmal sagte, sondern sie in die Tat umgesetzt. Er war davon überzeugt, dass jeder Christ durch seine Taufe den Auftrag hat, Gottes Liebe in die Welt zu tragen. Das war keine Gefühlsduselei, sondern harte soziale Arbeit, die auch persönliche Opfer an Zeit und Geld forderte. Die Struktur, die sich für eine solche Betätigung anbot, war der Verein. Hier konnten sich Engagierte einbringen und beteiligen unabhängig vom Staat und landesherrlichen Kirchenregiment. So waren Glaube und Liebe gleichwertige Grundelemente christlicher Existenz und hatten eine institutionelle Gestalt. Wichern hatte die Begabung, Menschen zu begeistern. Viel ist er gereist und hat Vorträge über seine Arbeit gehalten und durch Schriften die soziale Arbeit der Inneren Mission bekannt gemacht. So ist Wichern als großer Sozialreformer in die Geschichte eingegangen. Aber er hat nicht nur die Gesellschaft verändern wollen, sondern hat auch die Verantwortung des Einzelnen eingefordert, weil er den Menschen Veränderungen zutraute. Wir sollten auch heute die individuelle Verantwortungsfähigkeit stärken angesichts des Trends, alle Ursachen von Problemen nur in den gesellschaftlichen Verhältnissen zu sehen.

Am 22. Oktober diesen Jahres wird in Hamburg unter Beteiligung des Bundespräsidenten Horst Köhler in einem Festakt das Wichernjahr abgeschlossen. Es ist zu hoffen, dass viele Menschen, nicht nur Mitarbeitende in Kirche und Diakonie, ein Bild von seinem Wirken und seiner sozialpolitischen Bedeutung haben. Faszinierend bis heute ist sein Unternehmergeist aus christlichem Glauben.

Dr. Hartwig Daewel,
Landespastor und Aufsichtsratsvorsitzender der Evangelischen Krankenhausbetriebsgesellschaft mbH

Literaturhinweise

  • Uwe Birnstein, Der Erzieher. Wie Johann Hinrich Wichern Kinder und Kirche retten wollte, Wichern-Verlag, Berlin 2007 (ISBN 78-3-88981-232-2)
  • Harald Jenner, Innere Mission und Diakonie in Mecklenburg, Band 1, Kiel 1998
  • Sigrid Schambach, Johann Hinrich Wichern, Ellert & Richter Verlag, Zeit-Stiftung.
Stand 04.10.2008