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Wenn das „Ventil“ nicht richtig schließt

FORUM ZU HERZKLAPPENFEHLERN | NEUBRANDENBURG (NK). Viele Leser nutzten gestern die Möglichkeit, sich beim Telefonforum unserer Zeitung über Behandlungsmöglichkeiten bei Herzklappenerkrankungen zu informieren. Auskünfte am Telefon gaben Prof. Dr. Lothar Eckel, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Klinikum Karlsburg und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung, sowie Dr. Volker Bohlscheid, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 3 am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg.

Wenn das „Ventil“ nicht richtig schließt

Prof. Dr. Lothar Eckel und Dr. Volker Bohlscheid

Bei mir wurde eine Undichtigkeit zweiten Grades der Aorten- und der Mitralklappe festgestellt. Was kann ich tun, damit sich dieser Zustand nicht verschlechtert?
Kontrollieren Sie regelmäßig Ihren Blutdruck; Werte um 120/80 mmHg gelten als normal. Ansonsten können Sie ein Fortschreiten der Erkrankung nicht hinauszögern. Bei einer Undichtigkeit der Klappen strömt immer wieder Blut ins Herz zurück, das führt zur Luftnot. Zunehmende Verkalkungen oder eine Bindegewebsschwäche können die Ursache für eine Verschlechterung des Zustandes sein, also dafür, dass das Ventil nicht mehr richtig schließt. Wenn bei Ihnen in Belastungssituationen, beispielsweise beim Treppensteigen die Luftnot zunimmt, sollten Sie sich noch einmal einemKardiologen vorstellen. Er kann mittels Ultraschall untersuchen, ob die Undichtigkeit zugenommen hat. Ab drittem Grad muss operiert werden. Dabei wird die Aortenklappe in der Regel ersetzt, die Mitralklappe repariert.
Ich bin 84 Jahre alt, vor 15 Jahren hatte ich eine Bypass-Operation. Jetzt wurde eine Klappenundichtigkeit festgestellt aufgrund eines Mitralklappenprolaps. Auch erhielt ich einen Herzpass. Ist die Diagnose schlimm?
Eine Klappenundichtigkeit kann man im Ultraschall bei fast jedem Menschen feststellen. Ein ganz bisschen bereitet keine Probleme. Schlimm wird es, wenn es sich um eine hochgradige Undichtigkeit handelt. Dann muss eine Operation erwogen werden. Auf jeden Fall sollten Sie regelmäßig zu Ihrem Internisten oder Kardiologen zur Ultraschallkontrolle gehen. Der Prolaps, also der Vorfall eines Herzklappensegels allein macht noch keine Probleme. Er kann aber zur Undichtigkeit der Klappe führen und gelegentlich auch Herzrhythmusstörungen verursachen. Der Herzpass, den Sie erhielten, wurde früher ausgestellt und war wichtig für die sogenannte Endokarditis-Prophylaxe. Betroffene Patienten sollten vor einer Operation eine Antibiotika-Behandlung erhalten, weil man eine Herzinnenhautentzündung be fürchtete. Diese Prophylaxe ist nur noch für Hochrisiko-Patienten erforderlich. Die entsprechenden Vorschriften wurden in diesemJahr geändert. 80 bis 90 Prozent der Patienten brauchen diese vorbeugende Antibiotika-Behandlung nicht.
Ein Kardiologe stellte bei mir eine Herzklappenundichtigkeit ersten Grades fest, bei der zweiten Untersuchung war es dann eine Undichtigkeit zweiten Grades, bei der dritten Untersuchung wieder ersten Grades.Wie ist das möglich?
Ursache kann ein erhöhter Blutdruck sein. Der Blutdruck ist der Widerstand, gegen den das Herz arbeitenmuss. Bei einemhohen Blutdruck muss das Herz stärker pumpen, die Herzkammer vergrößert sich, die Klappensegel weichen voneinander. Sinkt der Blutdruck, verändert sich auch dieser Zustand wieder. Ärzte bezeichnen das als dynamische Herzklappeninsuffizienz. Für Sie ist eine regelmäßige Verlaufskontrolle wichtig. Ihr Blutdruck sollte so weit wiemöglich abgesenkt werden.
Bei mir steht eine Herzklappen-OP an. Kann der Klappenersatz nicht per Katheter erfolgen?
Die kathetergestützte Klappenimplantation ist zwar heute möglich, gehört aber noch zu den experimentellen Behandlungsmethoden und ist nicht ohne Risiken. Langzeitergebnisse fehlen. Sie wird darum nur bei Patienten vorgenommen, bei denen ein operativer Klappenersatz aufgrund des Allgemeinzustandes nicht möglich ist.
Ich bin 60 Jahre alt. Bei mir wurde eine Verengung der Aortenklappe zweiten Grades festgestellt. Wann muss operiert werden?
Das hängt einerseits von Ihren Beschwerden ab, ob beispielsweise Luftnot unter Belastung auftritt. Andererseits kann der Kardiologe bei einer Ultraschalluntersuchung messen, wie hoch die Belastung des Herzens ist und ob es bereits zu einer Verdickung der Herzwände gekommen ist, was zu einer Schädigung des Herzens führt. Die Entscheidung zur Operation sollte nicht zu spät getroffen werden – die Schäden am Herzen bilden sich nur zum Teil zurück und das kann dauern. Gehen Sie regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen.
Wie wird eine undichte Mitralklappe operiert?
Die Klappe wird rekonstruiert, indem sie durch eine spezielle Nahttechnik abgedichtet wird. In über 90 Prozent der Fälle ist das möglich. Für den Patienten bringt das große Vorteile. Weil seine körpereigene Klappe erhalten werden kann, muss er keine gerinnungshemmenden Mittel nehmen.
Welche Beschwerden machen Herzklappenfehler?
Hinweis auf einen Herzklappenfehler können Luftnot in Belastungssituationen, bei einer Erkrankung schweren Grades auch im Ruhezustand sein. Dazu können Herzstolpern, Druckgefühl in der Brust, Schwindel und Anfälle von Bewusstlosigkeit auftreten.
Sind mechanische oder biologische Klappenprothesen besser?
Die mechanische Herzklappe hält ewig, sie ist praktisch verschleißfrei, erfordert allerdings die Einnahme gerinnungshemmender Medikamente. Die biologische Herzklappenprothese hat den Vorteil, dass der Patient keine gerinnungshemmenden Medikamente benötigt. Ihre Lebensdauer ist aber begrenzt. Nach 15 Jahren sind zehn bis zwanzig Prozent so degeneriert, dass sie wieder ersetzt werden müssen. Daher beschränkt sich ihr Einsatz auf ausgewählte Patientengruppen; das Alter spielt dabei eine Rolle. Die Qualität der biologischen Klappen hat sich verbessert. Es ist durchaus denkbar, dass sie künftig 20 Jahre halten und dass sie somit auch jüngeren Patienten eingesetzt werden können. Jetzt liegt das Alter bei 60 bis 65 Jahren. Biologische Herzklappenprothesen gibt es inzwischen auch ohne Kunststoffgerüst. Sie haben etwas bessere Flusseigenschaften.
Mir wurde eine Aortenklappe im Klinikum Karlsburg eingesetzt. Muss ich zu den Nachuntersuchungen ebenfalls dorthin?
Sie können zu einem niedergelassenen Kardiologen oder kardiologisch versierten Internisten gehen. Untersuchungen sollten jährlich, besser zweimal im Jahr stattfinden. Wichtig für Sie zu wissen: Bei jedem Eingriff, bei dem Bakterien in die Blutbahn gelangen können, wie beimZähneziehen, ist vorher eine Antibiotika-Prophylaxe notwendig. So wird abgesichert, dass sich die Herzklappe nicht infiziert, was zum Tode führen kann.

Weitere Infos in der Broschüre „Herzklappenerkrankungen heute“, erhältlich gegen Einsendung von drei Euro in Briefmarken bei der Deutschen Herzstiftung e. V., Vogtstraße 50, 60322 Frankfurt am Main.

Stand 27.11.2008