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Zu Familie Kauz nur noch mit Helm

GEBURTSTAGSGESCHENK Ausgerechnet im Klinikum wird Joachim Stapel der Gabentisch bereitet. Überraschend sieht er sich seinen Lieblingen gegenüber.

Zu Familie Kauz nur noch mit Helm

Mit Augenbinde wurde Joachim Stapel ins Klinikum gelotst. FOTO: MA

VON MARLIS TAUTZ NEUBRANDENBURG. Am 60. Geburtstag ins Krankenhaus – so ein Pech, ließe sich schlussfolgern. Nicht so indes für den Neubrandenburger Joachim Stapel. Er wurde gestern Nachmittag, Schlag 16 Uhr,mit verbundenen Augen ins Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum bugsiert, wo ihn Familie, Freunde, gute Bekannte und eine Überraschung erwarteten. Unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit hatte Ehefrau Martina mit den Söhnen Thomas und Georg einen Wunsch wahr werden lassen, den sich der Naturschützer, Vogelkundler und Hobbyfotograf selbst vielleicht nicht einmal gestattet hätte – die Ausstellung seiner schönsten Fotoaufnahmen.

„Das können andere viel besser“, soll Joachim Stapel immer behauptet haben, wenn die Familie seine Bilder lobte. Mehrere Hundert mögen es sein und tausende Dias, allesamt Zeugen einer Leidenschaft für Flora und Fauna, die zurückreicht bis in die Kindheit auf dem Dorf. Joachim Stapel wuchs auf mit einer Weißstorchkolonie über dem Kopf. Auf seinem Geburtshaus, dem Gutsschloss in Leppin bei Burg Stargard, nisteten einst zehn Brutpaare. Heute ist es – immerhin wieder – ein Storchenpärchen, Joachim Stapel hat den Rotstrümpfen das Ehebett bereitet und beim neuen Schlossherrn um Verständnis für die Übermieter geworben. Beharrlich, mit Überzeugungskraft und imSinne des Artenschutzes, demer seit 1990 als Mitarbeiter der städtischen Naturschutzbehörde auch noch hauptamtlich dient. Als Stellmachermeister im Umgang mit Holz vertraut, versteht es Joachim Stapel, großen wie kleinen Vögeln die Wohnungen passgenau zurecht zu zimmern. Und nicht zu vergessen: Mit Sicherheitsstandard. Bei seinen wehrhaften Konstruktionen hat er stets auch listige Nesträuber wie Marder und Katzen im Sinn.

Das Haus der Stapels auf dem Lindenberg-Süd ist das Paradebeispiel einer Wohngemeinschaft von Mensch und Tier. Neben dauerhaften und saisonalen Mitbewohnern wie Fledermäusen, Meisen, Staren, Schwalben, Fröschen oder Igeln erhalten dort auch immer wieder verletzte oder geschwächte Vögel ein Obdach. Joachim Stapel hat seine ganze Familiemit der Liebe zur Natur angesteckt. Unter den Bildern im Klinikum sind auch welche mit den Söhnen, die ganz selbstverständlich Greifvögel halten, die vielen nur aus Bildbänden bekannt sind. Auch dafür sagen sie ihm Dank an seinem 60.

So dauert es einige Zeit, bis JoachimStapel die Stimme wiederfindet. „Ein Mann, der nicht nur einen, sondern viele Vögel hat“, wie die engagierte Ausstellungsfrau des Klinikums, Marion Stein, in Anspielung auf die Platzierung der Bilder auf der Neurologischen Station sagt. Viele Vögel – und zu jedem eine Geschichte. Zum Waldkauz, der Joachim Stapel die Klauen in den Nacken schlug, als dieser die jungen Käuze beringen wollte. „Seitdem trage ich einen Feuerwehrhelm mit extra breitem Nackenschutz“, verrät der Ornithologe. Sein größter Wunsch an seinem großen Tag: Noch 20 Jahre fit und gesund. Um Vögeln nachzusteigen, Turm- und Wanderfalken für seine Nistkästen zu werben, Kraniche zu beobachten oder seinen Liebling, Meister Adebar, wieder und wieder anfliegen zu sehen. Mitte der 90er- Jahre hatte er ihn sogar in die Viertorestadt zurückgelockt, nachmehr als 70 Jahren nahmen die Vögel auf dem Schornstein des ehemaligen Schlachthofs ihr Quartier.

Stand 25.08.2011 Quelle: NK 090326