Sections
Personal tools
Navigation
zertifiziert nach
Ausgezeichnet
 
start » gf » Nachrichten » archiv » 2010 » Kind von totem Mann erlaubt

Kind von totem Mann erlaubt

Das Rostocker Oberlandesgericht hat entschieden, dass das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg befruchtete Eizellen herausgeben muss.

Kind von totem Mann erlaubt

Großes Medieninteresse begleitete Ines S. (r.) gestern im Oberlandesgericht Rostock.

ROSTOCK (FRZ/DPA). Eine junge Witwe aus Vorpommern darf das Kind ihres inzwischen verstorbenen Mannes austragen.

Das Oberlandesgericht (OLG) Rostock entschied gestern in zweiter Instanz, dass die 29jährige Ines S. auch nach dem Tod des Ehepartners Anspruch auf künstlich befruchtete Eizellen hat. Das kinderlose Paar hatte Anfang 2008 neun zusammen mit Spermien eingefrorene Zellen im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg einlagern lassen. Nach einemtödlichen Motorradunfall des Mannes wenige Monate später verweigerte das Krankenhaus jedoch die Herausgabe. Das Landgericht Neubrandenburg hatte dies in einem ersten Zivilprozess für rechtens erklärt.

Die Frau legte daraufhin Berufung beim OLG ein – und bekam nun Recht. Zwar sei es strafbar, eine Eizelle mit dem Samen eines Mannes nach dessen Tod künstlich zu befruchten, argumentierten die Rostocker Richtermit Verweis auf das Embryonenschutzgesetz. Im konkreten Fall seien die Spermien allerdings schon vor demTod des Partners untrennbar eingeschlossen worden. Männliches und weibliches Erbgut seien zumZeitpunkt des Einfrierens eine „innige Verbindung“ eingegangen. Von einer rechtswidrigen Verwendung der Eizellen könne nicht mehr gesprochen werden, wenn die Befruchtung zu Lebzeiten des Mannes geschah.

Nach dem herbeigesehnten Richterspruchwollte – oder konnte – Ines S. sich zunächst nicht äußern. „Meine Mandantin ist überglücklich. Sie muss jetzt erstmal den ganzen Stress bewältigen“, sagte die Neubrandenburger Rechtsanwältin SilkeMettner, die die Klage für die 29-Jährige zum Erfolg geführt hatte.

Das Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg will nach Aussage von Sprecherin Anett Seidel die schriftliche Begründung des Urteils gründlich prüfen, wird den Richterspruch aber voraussichtlich akzeptieren. Man sei vor allem daran interessiert gewesen, Rechtssicherheit für das eigene Handeln zu erhalten, sagte Seidel.

Richter als Geburtshelfer

VON CORINNA PFAFF, ROSTOCK. Die Erleichterung nach dem Urteilsspruch stand Ines S. ins Gesicht geschrieben. Sie ließ ihren Freudentränen freien Lauf, kaum, dass der Richter am Oberlandesgericht Rostock gestern die Entscheidung verkündet hatte. Das Klinikum Neubrandenburg muss die neun Eizellen herausgeben, die dort imReagenzglasmit dem Sperma ihres Ehemanns eingefroren sind und um die Ines S. so lange gekämpft hat.

Ihr Mann Sandro war 2008 bei einem Unfall ums Leben gekommen, bevor Ines S. künstlich befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt werden konnten.

Während die 29-Jährige noch weinend in den Armen ihrer Schwester liegt, erklärt ihre Anwältin Silke Mettner den zahlreichen Medienvertretern: „Die letzten Jahre waren eine erhebliche seelische und körperliche Belastung für meine Mandantin. Aber nun kann sie sich und ihrem verstorbenen Mann ihren Herzenswunsch erfüllen und Mutterwerden.“Nach einer gewissen Erholungszeit werde sie den nächsten Versuch, schwanger zu werden, wagen. Die Witwe hatte zum ersten Prozess 2009 am Landgericht Neubrandenburg erklärt, dass sie die Behandlung in Polen fortsetzen wollte.

Aus Kostengründen und wohl auch wegen der, wie ihre Anwältin sagt, „komplizierten standesärztlichen Regeln“ in Deutschland.

In erster Instanz hatte das Neubrandenburger Landgericht gegen Ines S. entschieden und damit ihrem Kinderwunsch zunächst ein Stoppzeichen gesetzt. Der Senat am Oberlandesgericht ist nun zu einem anderen Urteil gekommen. Mit der Herausgabe der Eizellen verstoße die Klinik nicht, wie von dieser befürchtet, gegen das Embryonenschutzgesetz. Strafbar wäre es, die Eizelle mit dem Samen eines Toten künstlich zu befruchten. Hier aber sei das Sperma schon zu Lebzeiten des Mannes „verwendet“ worden und eine „innige Verbindung“ mit der Eizelle eingegangen. Auch wenn es noch nicht zu einer Verschmelzung der Kerne gekommen war – Voraussetzung für die Entstehung eines Embryos. Der Prozess der Befruchtung sei durch das Einfrieren lediglich unterbrochen worden.

Vertreter der Klinik waren gestern nicht im Gericht. Professor Roland Sudik, Chefarzt der Frauenklinik, hatte aber schon zu Prozessbeginn erklärt, die Entscheidung des Oberlandesgerichts in jedem Fall zu akzeptieren. „Wir wollen der Frau keine Steine in den Weg legen. Alles, was wir wollen, ist Rechtssicherheit“, hatte er betont. Das hatten auch Silke S. und ihre Anwältin akzeptiert, die nicht von einem „Streit“ mit der Klinik sprechen wollten. „Für meine Mandantin ist die Entscheidung wichtig. Auch, wenn sie mal einen neuen Partner haben sollte, ist sie auf die künstliche Befruchtung angewiesen, um schwanger zu werden.“ Die Richter hatten bei der Entscheidung auch das noch gar nicht geborene Kind im Auge. Sein Wohl sei nicht gefährdet, weil der verstorbene Ehemann das Kind unbedingt gewollt habe, argumentierten sie.

„Ich denke, mit dem Urteil haben wir einen Stein ins Rollen gebracht“, sagt die Rechtsanwältin. Das Embryonenschutzgesetz aus dem Jahr 1991 habe Lücken.Der Druck auf die Politik, das Gesetz zu überarbeiten, sei nun größer.

Moralisch richtige Entscheidung

Ethikmediziner bewerten die Entscheidung des Oberlandesgerichts als moralisch richtig. „Es ist gut, dass die Richter der moralischen Intuition von Menschen gefolgt sind und nicht einer spitzfindigen Textauslegung“, sagte gestern die Göttinger Professorin für Ethik und Geschichte der Medizin, Claudia Wiesemann. „Das Paar hat sich für eine künstliche Befruchtung entschieden und den wesentlichen Schritt dazu noch gemeinsam vollzogen. Dies sollte ausschlaggebend sein“, betonte Wiesemann, die auch Präsidentin der Akademie für Ethik in der Medizin in Göttingen ist. Gegen die Entscheidung des Paares sollte sich auch nicht der Gesetzgeber stellen. Das Embryonenschutzgesetz habe nur eine künstliche Definition aufgestellt, was eine Befruchtung ist, sagte die 51-Jährige.

„Wenn man die Menschen danach fragt, dann sagen sie: Wenn die Samenzelle in die Eizelle eindringt.“ Durch das Einfrieren könne der Prozess sehr lange verzögert werden. Daraus resultierte das Problem der Witwe. Dabei wollte ihr Mann auch die künstliche Befruchtung.

Auch der oberste Mediziner der Universität Rostock, Emil Reisinger, wertet das Urteil als „vernünftige Entscheidung in einem Einzelfall“.

Der Chef der medizinischen Fakultät betonte gegenüber dem Radiosender Antenne MV, dass die Revision einen speziellen Fall betreffe und „dadurch nicht Tür und Tor“ für ähnliche Urteile geöffnet worden seien. „Wenn die Klinik voreilig befruchtete Eizellen herausgibt und im Nachhinein irgendein Problem auftaucht, dann gibt es natürlich die Möglichkeit von Schadenersatzansprüchen, Unterhaltszahlungen und dergleichen.“ Auf die Forschung werde sich das Urteil nicht auswirken, da es einen individuellen Streit vor Gericht beendet habe.

Stand 16.05.2010 Quelle: NK100508