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Gefährliches Übergewicht

Immer häufiger müssen XXL-Patienten auf die Intensivstation

Mühsam setzt Gabriele S. einen Fuß vor den anderen. Gestützt auf einen Rollator. Am Ende des Krankenhausflurs muss sie verschnaufen. „Die Knie wollen nicht mehr“, sagt die 39-Jährige schwer atmend. Nach kurzer Pause setzt sie die Übung an der Seite des Physiotherapeuten fort. Sie träumt davon, wieder gesund zu werden und mit dem Fahrrad durch die Natur zu radeln. Doch bis dahin ist es noch ein schwerer Weg.

Gabriele S. ist extrem übergewichtig – adipös, wie Mediziner sagen. Als sie auf die Intensivstation kam, wog die 1,58 m kleine Frau 211 kg. „Ich hatte Atemnot, fühlte mich schlapp, meine Lippen waren blau“, erzählt die Neubrandenburgerin. „Durch extremes Übergewicht werden viele Organe in Mitleidenschaft gezogen“, sagt Dr. Jens-Peter Keil, Chefarzt der Klinik für Konservative interdisziplinäre Intensivmedizin des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums. „Häufig haben die Patienten Komplikationen mit der Atmung. Das Herz schafft es nicht mehr, den Kreislauf aufrechtzuerhalten, die Nieren versagen.“ Kombiniert mit Diabetes, Bluthochdruck und ungünstigen Blutfettwerten könne Adipositas zu einem lebensbedrohlichen Zustand führen.

Dass Deutschland ein gewichtiges Problem hat, ist nicht zu übersehen. Jeder fünfte Erwachsene ist krankhaft übergewichtig. Immer häufiger müssen auf der Intensivstation Patienten mit extremer Adipositas behandelt werden.

Krankenhäuser stellen sich zunehmend darauf ein. Für seine XXL-Patienten hat das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum spezielle Betten, Stühle und Rollatoren angeschafft. Die Chirurgen haben so genannte bariatrische Operationen in ihr Programm aufgenommen. Das Verkleinern des Magens gehört dazu.

Im Adipositas-Konzept der Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern wird der Fokus jedoch vorrangig auf die konservative Therapie gelegt. „Dabei geht es nicht nur darum, dem Versagen eines einzelnen Organs entgegenzuwirken. Zur Anwendung kommt ein multimodales Behandlungskonzept, zusätzlich erhält der Patient eine spezielle Form der fachübergreifenden Frührehabilitation“, erläutert Dr. Keil. Im therapeutischen Team arbeiten darum neben Ärzten verschiedener Fachrichtungen und speziell geschulten Pflegekräften auch Krankengymnasten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Ernährungsfachleute eng zusammen, um den Übergewichtigen wieder auf die Beine zu stellen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wichtig dafür ist eine bilanzierte Ernährungstherapie. Mittels einer so genannten Bioelektrischen Impedanzanalyse werden neben dem Körpergewicht auch Fettanteil, Muskelmasse und Wassergehalt des Patienten ermittelt und durch eine indirekte Kalorimetrie der Ruheenergieverbrauch bestimmt. Das sind Voraussetzungen für einen sehr individuellen Speiseplan. „Vier Wochen dauert es, bis der Magen schrumpft, wenn er an kleine Portionen gewöhnt ist“, erläutert Ernährungsmediziner Dr. Keil.

Gabriele S. schafft jetzt schon nicht mehr das angebotene Frühstück, wie sie sagt. Innerhalb von zehn Tagen hat sie 17 Kilogramm Körpermasse „verloren“, davon 6 Liter Wasser und 11 kg Fett. „Die Muskulatur ist erhalten geblieben dank intensiver Physiotherapie und eiweißreicher Kost“, sagt der Arzt. Nun wird für die Neubrandenburgerin eine Anschlussreha in einer der wenigen Adipositas-Kliniken organisiert. Gabriele S. freut sich darauf. Nicht immer gelingt es, einen Patienten so schnell zu mobilisieren.

Der Intensivmediziner Dr. Keil wünscht sich, krankhaft Übergewichtigen früher helfen zu können. „Derzeit dürfen wir sie auf unserer Intensivstation erst aufnehmen, wenn sie lebensbedrohlich erkrankt sind.“ Krankenkassen sollten seiner Meinung nach bereits präventiv eine intensivierte Adipositas-Therapie bezahlen. Bei einem Body-Mass-Index von über 40 oder von über 35 und Begleiterkrankungen seien Betroffene in der Regel nicht mehr in der Lage, allein mit den schweren Problemen klar zu kommen.

(Nordkurier, 10. Mai 2012)

Stand 31.05.2012