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Streit auf OP-Messers Schneide

Kinderchirurgen im Osten des Landes fühlen sich von der Greifswalder Universitätsmedizin bedrängt, seit diese regelmäßig Sprechstunden in Anklam und Pasewalk anbieten. Was steckt hinter dem Streit?

NEUBRANDENBURG/GREIFSWALD, Von unserem Redaktionsmitglied Karin Koslik

Unter den Kinderchirurgen im Osten des Landes herrscht dicke Luft: Seit Ende Januar bietet die Kinderchirurgie der Universitätsmedizin Greifswald zweimal monatlich Sprechstunden in Anklam und Pasewalk an. Dass die Kassenärztliche Vereinigung dem zugestimmt hat, leuchtet Neubrandenburger Fachärzten nicht ein.

„Die kinderchirurgische Versorgung in dieser Region ist jahrelang von unserer Klinik und den in Neubrandenburg niedergelassenen Kinderchirurgen gewährleistetworden – und es gab nie Probleme“, beteuert der Chefarzt der KinderchirurgieamNeubrandenburger DietrichBonhoeffer-Klinikum, Dr.Wolfgang Beyer. „Anders als bei Kinderärzten gab es in unserem Fachgebiet nie eine Versorgungslücke.“ Kinderchirurgie, so erläutert der Neubrandenburger Klinikchef, sei eine Subspezialisierung, die nicht flächendeckend angeboten werden könne.

Dass die entsprechende Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern mit weiteren Wegen verbunden ist, sei in der Struktur des Landes begründet – aber es würde keine Qualitätseinbuße bedeuten. Das habe auch die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie anerkannt, so Dr. Beyer. Bereits zweimal – 2009 und 2012 – wurde seiner Klinik das Gütesiegel „Ausgezeichnet. für Kinder“ zuerkannt, unter anderem auch, weil sie in einem 24-Stunden-Bereitschaftsdienst den kranken oder verletzten Kindern zur Verfügung steht.

Dass in Neubrandenburg hervorragende Arbeit geleistet wird, erkennt auch der Chef der Greifswalder Kinderchirurgie, Prof. Dr. Winfried Barthlen, an. Dass man sich dort allerdings über sein zusätzliches Versorgungsangebot in Ostvorpommern erregt, versteht er nicht. „Eine Studie des Instituts für Community Medicine zur Versorgungsqualität in der Region hat ergeben, dass es eine eklatante Unterversorgung mit Kinderärzten, vor allem aber mit Kinderchirurgen gibt“, erläutert der Mediziner. „Das wollen wir verändern.“ Er habe daher bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nach einer Ermächtigung angefragt, die ihm, nachdem die KV Stellungnahmen von Ärzten der Region eingeholt hatte, bewilligt wurde.

„So ist das übliche Procedere – aber im konkreten Fall sind wir nicht befragtworden“, bedauert Dr. Uwe Matschke, der zusammen mit seinem Kollegen Imad El-Mahmoud in Neubrandenburg eine Praxis für Kinderchirurgie betreibt. Auf Nachfrage hätte die KV ihnen erklärt, dass diesmal nur die Kreisstellen befragt worden seien, und die hätten ein positives Votum abgegeben. Sie selbst wollten jetzt von der ihnen angebotenen Möglichkeit Gebrauch machen und Widerspruch einlegen. Denn auf Dauer könne die Greifswalder Konkurrenz für sie existenzgefährdend werden.

Das Einzugsgebiet der Neubrandenburger Praxis reicht nach Angaben ihrer Inhaber von Ueckermünde bis Teterow, von Demmin bis Fürstenberg/Havel. „Nur so kommen wir auf die 250 000 Einwohner, die man braucht, um eine Doppelpraxis wie unsere wirtschaftlich zu führen“, betont Dr. Matschke. Über zu lange Wege hätten sich Eltern dennoch nie beklagt.

„17,8 Prozent unserer kleinen Patienten, die wir ambulant operieren, kommen aus der Region, in der jetzt die Greifswalder Kollegen agieren“, so Dr. Matschke.

Noch würde die neue Konkurrenz zwar keine spürbaren Lücken in den Bestellbüchern der Gemeinschaftspraxis hinterlassen. „Aber wir ziehen da Parallelen zu 2008, als wir unsere Zweigpraxis in Demmin eröffnet haben. Damals musste sich das neue Angebot auch erst rumsprechen, bevor die Leute es angenommen haben.“

Dass Prof. Barthlen an jedem zweiten Montag für je zwei Stunden in den beiden ehemaligen Kreisstädten Sprechstunden abhält, hat sich in den letzten sechs Wochen durchaus schon herumgesprochen. Der Zulauf ist so groß, dass der Greifswalder Kinderchirurg daran denkt, die Sprechzeiten zu erweitern. Die Patienten, die sein Angebot nutzten, kämen überwiegend aus so schwierigen sozialen Verhältnissen, dass sich „die Eltern die 100 Kilometer bis Greifswald gar nicht leisten könnten, auch nicht die 50 Kilometer bisNeubrandenburg“ , so der Kinderchirurg.

Auch dem unterschwelligen Vorwurf, er wolle durch die Außensprechstunden die OP-Zahlen seiner Klinik nach oben treiben, widerspricht Barthlen: „Die meisten Entscheidungen, die ich in Pasewalk treffe, sind Entscheidungen gegen eine Operation – obwohl der überweisende Hausarzt den Eltern zugeraten hatte.“ Denn heute sei es eben nicht mehr erforderlich, Nabelbrüche oder Vorhautverengungen schon im Kleinkindalter zu operieren. „Die Kinderchirurgie entwickelt sich enorm weiter, dazu muss man sich ständig weiterbilden – ein Hausarzt kann das auf diesem Gebiet gar nicht leisten“, betont Prof.

Barthlen. „Aber es ist nun mal ganz wichtig, dass Kinder kinderspezifisch behandelt werden.“ Und zumindest darin stimmen auch seine Neubrandenburger Kollegen voll mit ihm überein.

Stand 19.03.2012 Quelle: NK120314