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Zivildienst hat ausgedient

offene Fragen und Lücken bleiben, Nachfolgemodell wird schwer vermisst. Wenn ab dem 1. Juli die Wehrpflicht ausgesetzt wird, entstehen in vielen hiesigen Einrichtungen Lücken. Wie die gefüllt werden sollen, ist noch unklar.

Zivildienst hat ausgedient

Zivi Martin Bröcker, Mittlerweile macht ihm der Transport von Kranken so viel Spaß, dass er seinen Pflichtdienst freiwillig verlängerte.

VON ANNE DIETRICH NEUBRANDENBURG. „Die Zivildienststellen waren eine feste Größe, mit der man rechnen konnte – das ist in Zukunft so nicht mehr möglich“, sagt Matthias Pätzold, Sozialpädagoge in den Diakoniewerkstätten Neubrandenburg. Er sieht mit der auslaufenden Wehrpflicht zum 1. Juli eine zumindest problematische Situation auf die Werkstätten zukommen. Denn die Zivis besetzen in der Einrichtung pro Jahr 37 Stellen. Zum Teil gingen deren Verträge auch über den 30. Juni dieses Jahres hinaus. „Was passiert mit diesen Zivis? Müssen die entlassen werden?“, fragt Pätzold. Da sei einiges unklar.

Zwar leisteten die Zivis keine Basisaufgaben in den Diakoniewerkstätten, allerdings unterstützten sie Fachkräfte bei der Betreuung erheblich. „Es ist schade, dass das nun wegfällt“, findet Matthias Pätzold. Zwar werde an vielen Stellen über den Bundesfreiwilligendienst diskutiert, eine Lösung ist bisher aber noch nicht gefunden. Es wisse noch niemand, wie und ob er – so wie bei den Zivildienst-Stellen – den Bedarf anmelden muss. Oder wann der neue Dienst beginne.

Auch in anderen Einrichtungen in Neubrandenburg regt sich Kritik daran, dass nicht klar ist, wie sich die Situation ab Juli entwickeln wird. „Diese Planungsunsicherheit ist ein Problem, denn die Versorgung muss abgesichert sein“, sagt Hannelore Kreibeck, Pflegedirektorin des Dietrich Bonhoeffer-Klinikums (DBK). Da hier die meisten Zivildienstleistenden der Viertorestadt angestellt sind, wird die Lücke am größten sein. Doch auch für Einrichtungen mit nur einer Zivildienststelle hat die Aussetzung der Wehrpflicht Folgen. Und auch die können – mangels Nachfolgemodell – noch nicht überblickt werden: „Wenn es nicht möglich ist, die Stelle weiter zu besetzen, bedeutet das, wir können weniger eigene Projekte stemmen“, erklärt Sandra Möller, Umweltbildungsreferentin des hiesigen Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Denn die Aufgaben des Zivis müssten aufgefangen werden. Der BUND könnte zwar weiterhin seine Arbeit erledigen und wäre in seiner Existenz nicht bedroht. „Es wäre aber schade und ärgerlich“, findet Möller.

Noch dazu gerät der BUND Neubrandenburg in eine Lage, die er vorher explizit vermieden hat: Anstelle von einem Zivildienstleistenden und einem FÖJler stand schon häufiger zur Debatte, zwei Freiwil lige zu beschäftigen. Denn bei Zivildienstleistenden müssen die Einrichtungen mehr Gelder zuschießen. Außerdem bedeuten sie einen größeren bürokratischen Aufwand, erklärt Möller.

Doch während es vom Bundesamt für den Zivildienst klare Stellenzuweisungen gibt, sind die Einrichtungen bei den Freiwilligen ökologischen und sozialen Jahren von ihren Trägern abhängig und diese von den Bewerberzahlen. „Einen zweiten FÖJler haben wir nie bekommen“, sagt die Umweltbildungsreferentin.

Es habe zwar seit Anfang der 1990er Jahre nie den Fall gegeben, dass eine der beiden Stellen imhiesigen BUND nicht besetzt werden konnte. Allerdings gebe es immer weniger Bewerbungen bei den Trägern, auch wegen der jetzt nachrückenden geburtenschwachen Jahr gänge, erklärt Sandra Möller. In anderen Einrichtungen – wie den Diakoniewerkstätten – erlebteman im vergangenen Jahr zwar eine leichte Zunahme von Bewerbungen für das FSJ. Mit fünf Interessierten blieb die Zahl jedoch auf relativ niedrigemNiveau.

Ob sich diese Zahlenmit den vielen von ihrer Wehr- oder Ersatzpflicht entbundenen jungen Männern ändern werden, ist fraglich: „Für meine Arbeit im Krankenhaus habe ich mich hauptsächlich entschieden, weil ich entweder Ziviloder Grundwehrdienst ableisten musste“, sagt beispielsweise Martin Bröcker, Zivi am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum.

Und auch Tim Kirchner, Zivildienstleistender beim BUND in der Viertorestadt, bewarb sich erst um seine Stelle, als klar war, dass er einen Ersatzdienst ableisten muss. „Ich dachte, ich tue in der Zeit etwas, das sinnvoll ist undmir liegt“, sagt Kirchner. Ein richtig freiwilliger Entschluss sei es aber nicht gewesen.

In Zahlen: Zivildienst in der Viertorestadt
Aktuell sind in der Viertorestadt an 16 verschiedenen Einrichtungen knapp 50 Zivildienststellen besetzt: Jeweils einer beim BUND, dem Studentenwerk Greifswald, das für die Neubrandenburger Mensa zuständig ist, dem Schwimmsportverein „Delphin“ und der ambulanten Tagespflege der AWO.

Allein im Dietrich-BonhoeferKlinikum sind es 23 und sieben in den Diakoniewerkstätten auf dem Datzeberg. Außerdem vier in der Kranichschule und jeweils drei in der Landesschule für Körperbehinderte, bei dem Behindertenfahrdienst und dem Institut für Transfusionsmedizin.

Weil der Dienst jeweils nur sechs Monate dauert, sind es auf das Jahr gerechnet jedoch wesentlich mehr: So leisteten seit 2005 durchschnittlich 37 junge Männer pro Jahr ihren „Wehrersatzdienst“ in den Diakoniewerkstätten ab.

Im Gegensatz dazu ist die Zahl derjenigen jungen Leute, die vollkommen freiwillig für sechs bis zwölf Monate in einer ökologischen oder sozialen Einrichtung ihrer Wahl arbeiten (FÖJ/FSJ) gering: Sie beläuft sich in den Diakoniewerkstätten auf zwei im Jahr.

Stand 13.02.2011 Quelle: NK110212