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Mehr Licht im Behandlungsdschungel

1993 wandte sich das Bonhoeffer-Klinikum der Gruppe unheilbarer Schwerstkranker und ihren Angehörigen zu. Es eröffnete die erste Palliativeinheit in Ostdeutschland.

Mehr Licht im Behandlungsdschungel

Dr. Axel Goebel FOTO: WEINREICH

Heute wird im Klinikum das Zentrum für Palliativmedizin gegründet. Mit dem Leiter, Oberarzt Dr. Axel Goebel, sprach Christina Weinreich.

Bis heute gibt es die Palliativabteilung im Klinikum. Was ändert sich mit der Begrifflichkeit „Zentrum für Palliativmedizin“?
Ein wichtige strukturelle Säule der Palliativmedizin ist die spezialisierte ambulante Palliativersorgung (SAPV – die Red.), die wir mit unserem Team seit 2009 anbieten und dabei in die Häuslichkeit des Patienten gehen können. Doch erst im April dieses Jahres konnte auch die endgültige Finanzierbarkeit dieser spezialisierten Leistung sichergestellt werden. Damit sind nun verlässliche Strukturen für Arzt und Patienten entstanden. Zusammen mit unseren vielen Kooperationspartnern erfüllen wir nun die strukturellen, fachlichen und personellen Voraussetzungen, um diesen Schritt gehen zu können. Mit dem Zentrum bieten wir sterbenskranken Menschen, deren Angehörige und Freunde, die sich um sie kümmern, eine zentrale Anlaufstelle und somit Hilfe aus einer Hand und über eine zentrale Rufnummer. Hier bekommen sie Orientierung im Dschungel der medizinischen Betreuungsmöglichkeiten bei derart schweren Erkrankungen. Dabei steht das ganzheitliche Behandlungskonzept im Vordergrund.
Was bedeutet das konkret?
Schmerztherapie und Symptomkontrolle werden mit Palliativpflege und psychosozialer Betreuung verbunden. Dabei steht den Patienten ein Team aus Ärzten, Pflegenden, Psychologen, Therapeuten, Sozialdienst und Seelsorge zur Seite. Wir befassen uns nicht nur mit dem Symptomen der Krankheit, sondern dem gesamten Menschen.
Fünf Betten standen 1993 in der Palliativabteilung. Heute sind es zehn…
…die auch immer ausgelastet sind. 14 Pflegekräfte kümmern sich um die Schwerstkranken. Die Sensibiliät für dieses Gebiet der Medizin wächst und das Interesse von Kollegen, sich in dieser Fachrichtung auszubilden nimmt zu.
In welchem Umkreis ist das SAPV-Team unterwegs?
Es betreut etwa 15 bis 20 Patienten im Umkreis von 30 Kilometern rund um die Viertorestadt. In diesem Jahr hat das Team etwa 90 Menschen auf ihrer letzten Wegstrecke begleitet. Die Palliativmedizin will aber nicht den Hausarzt ersetzen, er ist immer eingebunden, wie auch andere Partner. Die spezialisierte ambulante Palliativmedizin gibt Sterbenskranken zur gewünschten häuslichen Geborgenheit auch ein Gefühl der Sicherheit.
Was sind Gründe für eine stationäre Aufnahme bei Ihnen?
Meist handelt es sich um ein komplexes Geschehen, bestehend aus körperlichen, pflegerischen, psychologischen und sozialen Problemen. Patienten, die einmal bei uns in Betreuung sind, können sich Tag und Nacht über unsere Hotline melden und bekommen Hilfe oder ggf. auch, unter Umgehung der Notfallambulanz, ein Bett auf unserer Station.
Wer zu Ihnen kommt, ist in der Regel austherapiert. Was vermag die Palliativmedizin da noch auszurichten?
95 Prozent unserer Patienten sind Tumorpatienten. Der Rest sind Patienten mit fortgeschittenen kardiologischen, neurologischen und pulmonalen Erkrankungen in der Lebensendphase. Wir können mehr tun, als mancher denkt. Kranken auf ihrem letzten Weg die Lebenssituation zu verbessern bedeutet sehr viel.
Worin besteht der Unterschied zwischen einer Palliativstation und einem Hospiz?
Wer ins Hospiz geht, der bereitet sich in der Regel unmittelbar auf seine letzte Lebensphase vor, weil kein anderer Weg möglich ist. Auch auf unserer Station sterben natürlich Patienten, dennoch übernehmen wir Patienten nicht primär zum Sterben. Wir bemühen uns, den Sterbenskranken zu stabilisieren. Durch frühzeitige palliative Betreuung lässt sich zum Teil sogar mehr Lebenszeit gewinnen.
Sie sind seit über zehn Jahren im Klinikum und in der Palliativmedizin tätig. Eine psychisch sicher nicht leichte Aufgabe. Wie gehen Sie und ihre Kollegen damit um?
Unter uns herrscht ein sehr gutes Klima und ich fühle mich in diesem Bereich der Medizin sehr wohl. Es ist für mich eine zutiefst ärztliche Aufgabe, ein Bereich, den unsere moderne Industriegesellschaft gern versucht hat über viele Jahre auszublenden, der nun aber wieder mehr und mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Es gibt hier viel Dankbarkeit von Patienten und Angehörigen. Ich komme jeden Tag gern zur Arbeit und habe im Laufe der Jahre sehr viel für mich selbst gewonnen.
Stand 26.09.2013 Quelle: NK111112