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„Steckbrief“ der Zellen ermöglicht maßgeschneiderte Brustkrebs-Therapie

Interdisziplinäre Zusammenarbeit im Brustzentrum

Von Cornelia Langbecker

Mit fast detektivischem Spürsinn gehen Chefärztin Dr. Katy Roterberg und Assistenzärztin Inga Schmundt im OP-Raum vor. Bei einer 69-jährigen Patientin ist Brustkrebs diagnostiziert worden. Der etwa bohnengroße Tumor wurde bei einer Vorsorgeuntersuchung, dem Mammografie-Screening ent-deckt. Jetzt soll er entfernt werden. Doch zuvor „bewaffnet“ sich Inga Schmundt mit einem Strahlende-tektor. Er wird bei der Suche nach dem so genannten Wächter-Lymphknoten in der Achselhöhle der Patientin helfen. Der ist wichtig für den weiteren Verlauf der Operation.

Das Mammakarzinom, der bösartige Tumor der Brustdrüse, ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Rund 58.000 Mal im Jahr stellen Ärzte in Deutschland diese Diagnose. „Rechtzeitig erkannt und behandelt, sind die meisten Erkrankungen heilbar“, sagt Dr. Katy Roterberg, Chefärztin der Frauenklinik und Leiterin des Brustzentrums am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. In diesem Zentrum arbeiten seit zwölf Jahren Gynäkologen, Radiologen, Pathologen, Nuklearmediziner, Onkologen und Strahlenthe-rapeuten eng zusammen. Jährlich werden mehr als 700 Patientinnen hierher durch niedergelassene Ärzte oder nach einem auffälligen Befund beim Mammografie-Screening überwiesen.

Erster Anlaufpunkt ist die Radiologie. „Manchmal ist eine zusätzliche Ultraschalluntersuchung erforder-lich“, erläutert Chefärztin Dr. Sabine Balschat. „In jedem Fall wird eine Gewebeprobe zur feingewebli-chen Untersuchung entnommen.“ Das geschieht mit Hilfe der so genannten Vakuum- oder Stanzbiopsie minimal-invasiv ambulant, ohne Vollnarkose und ohne sichtbare Narben als Folge. Die Begutachtung der Gewebeprobe durch den Pathologen unter dem Mikroskop sichert letztlich die Diagnose.

Dass es sich um einen bösartigen Tumor handelt, steht somit bereits vor der OP fest. Nun wollen die Ärztinnen herausfinden, wie stark er sich ausgebreitet hat. Der Wächter-Lymphknoten wird helfen. Las-sen sich in ihm bösartige Zellen nachweisen, müssen mehrere Achsellymphknoten entfernt werden, denn aus jeder ausgewanderten Zelle kann eine Tochtergeschwulst entstehen. Ist der Befund hingegen negativ, kann auf ein „Ausräumen“ der Achselhöhle verzichtet werden. Vorteil für die Patientin: „Schmerzhafte Lymphstaus, wie sie nach Entfernung aller Lymphknoten auftreten können, lassen sich weitestgehend vermeiden“, so Ärztin Inga Schmundt.

Der Strahlendetektor in ihrer Hand ist fündig geworden, wie Pieptöne signalisieren. Er reagiert auf eine schwach radioaktive Substanz, die Stunden zuvor im Bereich des Tumors gespritzt wurde. Durch einen kleinen Schnitt wird der Lymphknoten nun entfernt und zur Untersuchung ins Pathologische Institut geschickt.

Mit kleinen Schnitten um den Warzenhof operieren die Ärztinnen indes weiter. Bei mehr als 70 Prozent aller Patientinnen kann die Brust erhalten werden. Doch damit nicht genug. „Wir operieren on-koplastisch“, sagt die Chefärztin: „Der Tumor wird mit einem Sicherheitssaum herausoperiert, gleichzei-tig beachten wir alle individuellen kosmetischen Aspekte.“

Ein Anruf noch während der Operation aus der Pathologie: Der Lymphknoten ist frei von Krebszellen. Auch der Sicherheitssaum. Die Gynäkologinnen sind zufrieden.

Einen Tag später treffen sich die Experten des Brustzentrums zum Konsil. Jeder Fall wird in diesem Gre-mium diskutiert. Zwar arbeiten die Neubrandenburger nach Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft. „Doch lässt dieser Therapie-Korridor durchaus Platz für individuelle Entscheidungen zur Nachbehand-lung mit Strahlen-, Chemo-, Antihormon- und Antikörper-Therapie“, sagt Dr. Roterberg. Dabei ist das Ziel der Ärzte: „Nur soviel Therapie, wie wirklich nötig, maßgeschneidert für jede Patientin.“

Als Grundlage dafür liefern die „Detektive“ im weißen Kittel vom Institut für Pathologie den „Steckbrief“ der Krebszellen. Er sagt u. a. aus, wie aggressiv der Tumor ist, in welchem Stadium er sich befindet und ob seine Zellen Andockstellen für Hormone oder Wachstumsfaktoren haben.

Die 69-jährige Patientin erhält nach der Operation eine lokale Strahlentherapie und eine antihormonelle Tablettenbehandlung. Ihre Chancen, wieder gesund zu werden, stehen sehr gut. Auch, weil der kaum tastbare Knoten in ihrer Brust frühzeitig entdeckt wurde. Dank Vorsorgeuntersuchung, die allen Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren in Deutschland angeboten wird.

(erschienen im Gesundheitsmagazin, Kurierverlag, September 2012)

Stand 01.10.2012