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Der „Nahrung für die Seele“ verschrieben

Seit neun Jahren ist Rita Schulz Stillbeauftragte des DietrichBonhoeffer-Klinikums, bietet jungen Müttern nicht nur in der Klinik selbst Hilfe an.

Der „Nahrung für die Seele“ verschrieben

Rita Schulz (l.) stand auch Doreen Meinhold beim Stillen ihres Sohnes Marlon Phinley beratend zur Seite. Heiko Haupt ist der frisch gebackene Vater. FOTO: A. BRAUNS

VON ANKE BRAUNS NEUBRANDENBURG. Sie ist da so „reingerutscht“, sagt Rita Schulz. Und das nicht zum ersten Mal. Schon als sie als junge Krankenschwester „verdonnert“ wurde, wegen steigender Geburtenzahlen auf der Entbindungsstation auszuhelfen, fand sie dort ihre Bestimmung und ließ sich zur Hebamme ausbilden. 2000 war’s wieder so. Als leitende Hebamme sollte Rita Schulz auf Wunsch der KlinikumGeschäftsführung jemanden suchen, der eine Ausbildung zur Stillberaterin absolviert, aber das sei in der kurzen Zeit nicht möglich gewesen, also machte sie es selbst. Seit neun Jahren ist Schwester Rita Stillbeauftragte am Bonhoeffer-Klinikum und glücklich, „dass mein Arbeitgeber sich diesen Luxus leistet“. Denn sie merke an den Reaktionen der Frauen, wie wichtig die Stillberatung sei.

Als Rita Schulz 1974 ihr erstes Kind zur Welt brachte, war es keineswegs selbstverständlich, dass Mütter ihre Babys stillen. „Ich hatte so heftigen Milcheinschuss, dass alles geschwollen war und wenig Milch kam. Heute weiß ich, wir hätten kühlen müssen, aber damals hieß es: Mit ihrer Brust können Sie sowieso nicht stillen“, erzählt die 61-Jährige. Sie bekam Tabletten zumAbstillen und das Kind die Flasche, aber nach Absetzen der Medizin sei die Milch zu Hause wiedergekommen und sie stillte doch. Sie sei damals zwar schon junge Hebamme, aber total unerfahren gewesen. „Das ganze Still-Regime stimmte ja nicht zu DDR-Zeiten. Bei einem festen Rhythmus von vier Stunden konnten die Mütter ja gar nicht genug Milch bilden“, sagt sie. Diese Erfahrungen habe sie sicher auch geprägt, dass es ihr ein Bedürfnis sei, junge Mütter zu unterstützen, meint sie. Dabei hilft sie nicht nur Frauen imKlinikum, son dern auch in der Stillgruppe, die sich jeden Dienstag trifft. Sie bekommt Anrufe und E-Mails aus verschiedenen Gegenden Deutschlands mit der Bitte um Rat.

Ihr Zimmer hat die Stillbeauftragte auf der Geburtshilfe-Station, aber gefragt ist sie nicht nur dort, sondern überall, wo Frauen mit Still-Kindern sind, ob nun bei einer Mutter mit Blinddarm-OP oder bei den Frühchen. „Früher hieß es, wenn Frühgeborene in der Klinik bleiben müssen, hat sich das Stillen erledigt, aber das ist längst nicht mehr so. Eigentlich kann jedes Kind mit Milch der Mutter aufwachsen“, sagt sie. Auch wenn Frauen Medikamente nehmen, sei Stillen meistens möglich. „Viele Frauen denken, sie dürfen nicht stillen, weil sie rauchen, aber wir wissen, dass es trotzdem viel mehr Vor- als Nachteile hat“, erklärt sie. Rauchen ist morgen ein Thema des dritten Neubrandenburger Stillsymposiums in der Bethesda-Klinik, das Rita Schulz und ihre Kollegin Vera Risy organisiert haben.

Die niederländische Ärztin Elien Rouw, die auch Referentin des Symposiums ist, spricht Rita Schulz aus dem Herzen, wenn sie sagt, dass Muttermilch die normale Nahrung für Säuglinge und Stillen die damit automatisch verbundene normale Ernährungsform ist. Und Stillen sei weitmehr als Ernährung, sei Bestätigung für die Mutter, wenn ihr Kind nur durch sie wachse, sei Hautkontakt, Nähe, Bindung, „Nahrung für die Seele“. Aber Rita Schulz sieht sich nicht als Bekehrer, sie fühle sich genauso verantwortlich für die Mütter, die sich gegen das Stillen entschieden haben. „Aber ich versuche die Gründe zumindest zu hinterfragen, denn oft beruhen sie auf Unwissenheit“, sagt sie. Es sei nicht Ziel, alle Frauen zumStillen zu bringen, „aber ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu informieren, um dann eine Entscheidung treffen zu können“

Schreibabys sind Thema
Das Stillsymposium morgen von 9 bis 17 Uhr richtet sich vor allem an Schwestern, Ärzte, Erzieherinnen, Hebammen, aber manches spricht vielleicht auch andere Interessierte an – wie die Themen Rauchen oder Schreibabys. Außerdem geht’s um den Stillstart in der Klinik, um Muttermilchernährung in der Kinderchirurgie und um Bonding.
Stand 19.04.2011 Quelle: NK110415