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Funkbilder aus dem Dünndarm

Eine winzige Kamera-Pille hilft Ärzten, Blutungen und Schleimhautveränderungen im Verdauungstrakt schneller aufzuspüren.

Funkbilder aus dem Dünndarm

Kamera-Pille: nicht größer als ein Bonbon / Auswertung am Computer: Dr. Thomsen

VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG. Mehrmals musste Peter Beier (*) im lebensbedrohlichen Schockzustand ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Ärzte konnten die Ursache für den vorausgegangenen extremen Blutverlust trotz mehrerer Magen- und Darmspieglungen nicht finden. Erst eine kleine Videokapsel, die der Mann wie ein Pille schlucken musste, löste das Rätsel: „Der Patient litt unter einem gutartigen Darmtumor, der entfernt werden konnte“, berichtet Dr. Thomas Thomsen, seit Mai Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 1 am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum.

„Die Videokapselendoskopie ist die erste Methode, den Darm mit einem bildgebenden Verfahren komplett zu untersuchen“, sagt der Gastroenterologe Thomas Thomsen, der sich seit fünf Jahren mit der Methode beschäftigt. Seit Mai wird die Kapselendoskopie auch am KlinikumNeubrandenburg angeboten. Nicht nur für Patienten aus dem eigenen Haus. „Wir arbeiten mit den Krankenhäusern der Region zusammen, einschließlich dem Prenzlauer“, sagt der Chefarzt.

Der vier bis fünf Meter lange Dünndarm, der wichtig ist für die Aufnahme von Nährstoffen, Spurenelementen und Mineralien, ließ sich bisher weder mit Röntgentechnik noch mit der Magnetresonanztomographie (MRT) gut untersuchen. Auch die sogenannte Doppelballon-Enteroskopiemit speziellen Endoskopen, die durch den Mund und durch den Anus eingeführt werden, kann nicht den kompletten Darm sichtbar machen, wie Thomsen erläutert.

Licht ins Dunkel der Gedärme bringt seit 2001 die von einer israelischen Diagnostikfirma entwickelte Funkkapsel zum Schlucken. „Wir erhalten ein sehr feines Bild der Schleimhaut und können Veränderungen, wie Blutungsquellen, Geschwüre und Entzündungen finden, die der Röntgen-Diagnostik entgehen“, sagt Thomsen.

Das winzige medizinische „U-Boot“ ist mit raffinierter Technik ausgestattet: eine Chipkamera, LCD-Lampen, gespeist von winzigen Batterien. Die Ärzte müssen dem Patienten zur Untersuchung keinen Schlauch mehr einführen. Stattdessen schluckt Frau oder Mann nach vorausgegangener gründlicher Darmreinigung die 26 mal 11 Millimeter kleine Kamerakapsel und kann sich – je nach Gesundheitszustand – frei bewegen und sogar nach Hause gehen.

Dank der natürlicher Darmbewegung wandert die sogenannte Pillcam schmerzlos durch den Verdauungstrakt, sendet dabei zwei Bilder pro Sekunde aus dem Inneren des Dünndarms. Etwa 70 000 Aufnahmen kommen bei ihrer Reise zusammen. Aufgezeichnet werden sie von einem Datenrekorder mit achtarmiger Antenne, den der Patient amGürtel trägt „Nach sechs bis acht Stunden macht es dann irgendwann auf der Toilette plop und die Kapsel ist wieder draußen“, beschreibt Thomsen das Ende der Untersuchung. Selbstverständlich werde jede Kapsel nur einmal verwendet.

Die gesendeten Daten wertet der Arzt dann amComputer aus. Fast 200 Quadratmeter Oberfläche des Darms sieht er dabei wie in einem Videofilm.

Geeignet ist die Kapselendoskopie nach Angaben von Chefarzt Thomsen vor allem, um Blutungsquellen rasch aufzuspüren. Sogenannte mittlere gastroenterale Blutungen seien nicht selten die Ursache für Blutarmut. Geeignet sei die neue Untersuchungsmethode auch bei chronischen Entzündungen wie Morbus Crohn oder bei Tumoren.

„Wobei Krebs des Dünndarms glücklicherweise ganz selten ist“, sagt der Gastroenterologe.

Wer jedoch beispielsweise unter einem Reizdarmsyndrom oder Blähungen leide, dem bringe die Kapselendoskopie nichts.

Die Kosten der Untersuchungen werden von den Krankenkassen nach Einzelfallprüfung übernommen. Sie stützen sich bei ihrer Entscheidung auf Kriterien, die von Krankenkassen und Ärzten gemeinsam aufgestellt wurden, erläutert der Mediziner.

Möglich ist die Kapselendoskopie inzwischen auch für den Dickdarm. Die Dickdarm-Kapsel ist mit zwei Chipkameras ausgerüstet. „Für die Untersuchung des Dickdarms musste die Ausleuchtung verbessert und ein Aus- und Einschalten während der Passage durch den Dünndarm ermöglicht werden“, zählt Thomsen die erforderlichen technischen Veränderungen auf. Die sanfte, aber teure Untersuchungsmethode ersetzt derzeit allerdings nicht die Darmspiegelung als Vorsorgeuntersuchung.

„Nur in Ausnahmefällen, etwa bei Patienten mit besonders langem oder kurvenreichem Dickdarm, wird diese spezielle Kapsel eingesetzt“, so Thomsen.

Im Vergleich zur alternativen Methode der Enteroskopie ist die Kapselendoskopie weniger invasiv, dem Patienten bleibt eine Narkose erspart und das Risiko einer Blutung oder Perforation ist nahezu ausgeschlossen. Ihr Nachteil: „Sie ist eine rein diagnostische Methode“, erläutert der Arzt. Die Kapsel ist nicht steuerbar und kann auch keine Gewebeproben entnehmen. „Noch nicht“, sagt Thomsen. Denn auch dafür hätten Wissenschaftler bereits einen Prototyp entwickelt. Die neue Generation der Pillcams wird das alles können und bei Bedarf im Darm auch Medikamente injizieren. „Die Möglichkeiten dieser Methode sind überwältigend“, sagt Dr. Thomas Thomsen und gerät fast ein wenig ins Schwärmen.

Stand 06.10.2009 Quelle: NK091005