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Wer rechtzeitig vorsorgt, bleibt länger von Krebs verschont

Er ist nach wie vor eine Geißel der Menschheit – der Krebs. Täglich werden Dr. Thomas Thomsen, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Neubrandenburger Klinikum sowie sein Kollege Dr. Norbert Grobe, Leitender Oberarzt und Chef des Onkologischen Arbeitskreises, mit der Krankheit konfrontiert. Frank Wilhelm sprach mit den Experten über Früherkennungsmöglichkeiten, die Männer als Vorsorgemuffel und den Einfluss der Lebensweise auf den Krebs.

Wer rechtzeitig vorsorgt, bleibt länger von Krebs verschont

Chefarzt Thomas Thomsen (links) und Oberarzt Norbert Grobe: Wir brauchen eine öffentliche Kampagne.

Müssen wir heute mehr Angst vor Krebs haben als vor 30 Jahren?
Grobe: Es klingt angesichts des medizinischen Fortschritts möglicherweise schizophren: Aber, ja, wir müssen mehr Angst haben vor Krebskrankheiten. Aufgrund des Älterwerdens der Bevölkerung wird auch die Krebshäufigkeit zunehmen. Das Thema wird einen größeren Platz in unserem Leben einnehmen.

Thomsen: Beim Thema Krebs sollten wir Angst im Sinne von Sensibilität verstehen. Angst im Sinne von Panikmache ist abzulehnen.

Wie meinen Sie das genau?
Thomsen: Wir wissen heute natürlich wesentlich mehr über Krebs als noch vor 30 Jahren. Von daher sollten die Menschen ihre Angst produktiv nutzen und die Möglichkeiten der Vorsorge und Früherkennung nutzen.
Die da wären?
Thomsen: Wir kennen zwei sehr erfolgsversprechende Vorsorgeuntersuchungen. Einerseits für den Gebärmutterhalskrebs bei Frauen, andererseits bei Darmkrebs für Frauen und Männer. Frauen ab 20 Jahren sollten deshalb regelmäßig zum Gynäkologen gehen, Frauen und Männer ab 50 Jahren regelmäßig zur Darmkrebsuntersuchung.
Gerade mit der Koloskopie, das heißt der Darmspiegelung, verbinden die meisten Menschen aber ja eher unangenehme Erwartungen.
Thomsen: Die Ängste sind unnötig. Rund 90 Prozent der Menschen bekommen eine leichte Narkosespritze, sie schlafen oder dösen vor sich hin und merken gar nichts. Auch danach gibt es keine unangenehmen Erinnerungen oder Schmerzen.
Viele haben auch Horror vor der übel schmeckenden Lösung, die sie einen Tag vorher zum Abführen einnehmen müssen?
Thomsen: Da haben wir mittlerweile Mittel, die sogar einigermaßen schmecken. Solcherart Argumente sind für mich vorgeschobene Gründe. Wer sich zum Vorbereitungsgespräch aufmacht, merkt das schnell.
Apropos Aufmachen. Darmkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten in Deutschland. Wie viele Menschen nutzen denn diese Vorsorge?
Grobe: Noch wie viel zu wenige. Deutschlandweit sind es rund 25 Prozent der Menschen ab 50 Jahren. In MecklenburgVorpommern sind die Werte noch schlechter. Wir gehen von 26 Prozent der Frauen und nur 17 Prozent der Männer aus.

Thomsen: Und das, obwohl es beeindruckende Möglichkeiten gibt, durch die Darmspiegelung Krebs wirklich auszuschließen.

Wie hoch liegen die Erfolgschancen?
Thomsen: Finden wir nichts, können wir davon ausgehen, dass die Patienten in den folgenden zehn Jahren zu 70 Prozent keinen Darmkrebs bekommen.

Grobe: Apropos lethargische Männer: Das gleiche Problem haben wir bei den Früherkennungsuntersuchungen für Prostata-Krebs. Auch dies nutzen zu wenige Männer.

Achten Frauen mehr auf ihre Gesundheit?
Grobe: Auf jeden Fall. Die Mammografie nutzen deutschlandweit 40 bis 50 Prozent der Frauen. Auch hier sind die Werte in MecklenburgVorpommern allerdings schlechter.
Normalerweise müssten doch auch die Krankenkassen daran interessiert sein, dass mehr Menschen zur Vorsorge und Früherkennung gehen?
Grobe: Das stimmt auf jeden Fall. Aber in Sachen Krebsvorsorge und Früherkennung haben die Krankenkassen noch viel Potenzial. Wenigstens wird 2017 das Einladungsverfahren, das es für die Mammografie bereits gibt, auch für die Darmkrebsvorsorge eingeführt. Dann werden alle Menschen ab 50 zur Vorsorge eingeladen. Wir versprechen uns davon eine deutliche Zunahme der Vorsorgeuntersuchungen. Wir brauchen aber zugleich, und das noch viel früher als 2017, eine breite gesellschaftliche Kampagne für mehr Krebsvorsorge.
Allerdings war der Sinn der Vorsorgeuntersuchungen lange umstritten. Es hieß, bei der Darmspiegelung werde mehr kaputtgemacht als letztlich erkannt.
Thomsen: Als wir in Deutschland mit den Darmspiegelungen zur Krebsvorsorge starteten, gab es in der Tat immer mal wieder Probleme. Inzwischen bewegen sich die Fehler aber im Promillebereich, gemessen an den durchgeführten Untersuchungen.

Grobe: Man muss es vielleicht auch einmal drastisch sagen: Hat sich der Krebs mit Metastasen erst einmal ausgebreitet und auf andere Organe ausgedehnt, gibt es kaum noch Heilungschancen. Dann hat man maximal noch 30 Monate zu leben! Ähnliches lässt sich über andere Krebsarten auch sagen.

Vor der Vorsorge und der Früherkennung liegt noch die gesunde Lebensweise. Welchen Einfluss hat diese auf die Anfälligkeit für Krebs?
Thomsen: Nehmen wir nur mal den Darmkrebs: Wenn wir nicht genügend Ballaststoffe zu uns nehmen, dauert die Passage krebserregender Stoffe durch den Darm länger. Damit wird er auch anfälliger gegenüber Krebs. Deshalb: Ballastreiche Kost. Tierische Fette und zu viele Fleisch sind dagegen Risikofaktoren.
Und Bewegung?
Thomsen: Es ist erwiesen, dass Bewegung allen Krebserkrankungen entgegenwirkt. Negativ wirkt sich dagegen generell Übergewicht aus.
Sind Alkohol und Rauchen auch wichtige Faktoren?
Grobe: Allerdings: Gerade bei den Krebsarten, die dem Hals-Nasen-Ohren-Bereich zuzuordnen sind, hat Nikotin verheerende Folgen. Dass der Lungenkrebs bei Frauen zunimmt, hat eindeutig mit den Lebensgewohnheiten speziell junger Frauen zu tun.

Thomsen: Wir gehen davon aus, dass Rauchen bei 80 Prozent aller Krebserkrankungen zumindest als Mitursache gilt.

Stand 08.04.2014 Quelle: NK140403