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3. Adipositas-SymposiumADIPOSITAS Die Fettsucht hat sich zur Epidemie entwickelt. Interdisziplinär wollen Neubrandenburger Ärzte in einem Zentrum den XXL-Patienten helfen. Adipositas-Symposium in dritter AuflageNEUBRANDENBURG (CL). Deutschland fehlt „eine Infrastruktur konservativer Ernährungsberatung“, betonte Prof. Dr. Volker Schusdziarra aus München beim 3. Mecklenburg-Vorpommerschen Adipositas-Symposium am Wochenende in Neubrandenburg. Eingeladen hatte die Klinik für Innere Medizin 3 am Bonhoeffer-Klinikum. Ärzte, Therapeuten und Betroffene diskutierten Ursachen und Therapie von Übergewicht und krankhafter Fettleibigkeit (Adipositas), unter der jeder fünfte Deutsche leidet. So stellte Prof. Schusdziarra das am Fresenius-Zentrumfür Ernährungsmedizin der TU München praktizierte Konzept der individuellen Ernährungsumstellung auf Basis der Energiedichte der Lebensmittel vor. Erstmals in der Veranstaltungsreihe standen Probleme extrem übergewichtige Kinder im Blickfeld. Bedauert wurde von Organisatoren und Teilnehmern, dass weder Krankenkassen, noch Politiker der Einladung zum Symposium gefolgt waren. „Wir brauchen deren Unterstützung zum Aufbau von Adipositas-Zentren“, betonte Wilfried Freier von der Selbsthilfegruppe „Lichtblicke trotz Übergewicht“ aus Rostock. Zu dieser Thematik sei im Juni ein Rundtischgespräch geplant, zu dem zwar Kliniken und Krankenkassen zugesagt hätten. Vom Sozialministerium in Schwerin aber sei außer Ratschlägen bisher nichts gekommen. VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG. „Ich wäre viel lieber in einem schlanken Körper zu Hause“, sagt Brigitte Müller (*). Doch die 65-Jährige war schon als Kind ein Moppelchen, das von Mitschülern gehänselt wurde, sich im Schwimmbad nicht mehr ausziehen mochte und sich letztlich immer weniger bewegte. Heute bringt die Frau bei einer Körpergröße von 1,58 m 152 kg auf die Waage. Sie leidet unter erhöhtem Blutdruck, die Blutzuckerwerte drohen sich zum Diabetes auszuweiten, Arthrose in den Gelenken und Lymphstau in den Gliedmaßen lassen Bewegungen zur Belastung werden, nachts leidet die stark übergewichtige Frau unter Atemaussetzern, einer Schlafapnoe. Und es tut ihr weh, wenn selbst manche Ärzte sagen: „Essen Sie nicht soviel, dann haben Sie auch keine gesundheitlichen Probleme mehr.“ Denn alle Versuche der Lehrerin abzunehmen scheiterten – ob Brigitte-Diät, Weight-Watchers oder die Kuren. „Ich habe mich strikt an alle Anweisungen dort gehalten, wirklich nicht ,gesündigt‘ und letztlich nur zwischen drei und fünf Kilo abgenommen – das ist frustrierend“, sagt Brigitte Müller. Irgendwie habe sie sich einen „dicken Panzer“ zugelegt, um mit diskriminierenden Bemerkungen in der Gesellschaft zurechtzukommen. „Ich nehme mich oft selbst auf die Schippe, bevor sich andere lustig machen.“ Seit einem Jahr nun aber hat die Seniorin wieder Hoffnungen, doch noch ihr schwerwiegendes Problem in den Griff zu bekommen. Ihr Hausarzt überwies sie ans Neubrandenburger Klinikum in eine Spezialsprechstunde. „Ich werde von Ärzten endlich ernst genommen“, sagt die 65-Jährige. Brigitte Müller steht mit ihren Problemen nicht allein. Deutschland ist Übergewichts-Europameister: Etwa zwei Drittel der deutschen Männer und mehr als die Hälfte der deutschen Frauen sind zu dick. Bei der Fettleibigkeit liegen zwar die Briten vorn. Aber immerhin: Auch jeder fünfte deutsche Erwachsene leidet unter Adipositas, einem starken bis extremen Übergewicht (BMI 30 und darüber). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Adipositas als Krankheit anerkannt und mittlerweile zur Epidemie erklärt. „In Deutschland hat sie sich am stärksten in Mecklenburg-Vorpommern ausgebreitet, insbesondere bei jungen Frauen und Kindern“, sagt Dr. Volker Bohlscheid, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 3 am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum. Neben falschem Essverhalten und mangelnder Bewegung gelten genetische Dispositionen als Ursache. Es gibt Hinweise, dass adipöse Schwangere, die sich fettreich und überkalorisch ernähren, bereits beim ungeborenen Kind das genetische Programm für Fettleibigkeit anlegen. Wissenschaftler nennen dies Epigenetik. „Da liegt ein wesentlicher Schlüssel für die Epidemie“, ist der Arzt überzeugt, der am Wochenende zum dritten Mecklenburg-Vorpommerschen Adipositas-Symposium nach Neubrandenburg einlud. Um der Kostenlawine zu begegnen, die durch Fettsucht und deren Folgen wie zum Beispiel Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall und orthopädische Leiden auf das Gesundheitswesen zurollt, fordert Dr. Bohlscheid konzertierte Aktionen und spezialisierte Therapie-Zentren. „Es reicht nicht, wenn Politiker Äpfel an Schulkinder verteilen“, sagt der Arzt. „Die Politik sollte auf die Primärprävention zielen und diemuss bereits bei den werdenden Müttern ansetzen.“ Täglich Sport auf dem Stundenplan und gesünderes Schulessen seien zwar äußerst wichtig, aber bereits Sekundärprävention für genetisch auf Adipositas programmierte, noch normalgewichtige Kinder. Während die Deutschen europaweit sozusagen den Bauch vorn haben, ist die medizinische Versorgung der Fettleibigen alles andere als rekordverdächtig. „Da sind wir eher ein Entwicklungsland“, kritisiert Dr. Bohlscheid. „Meine adipösen Patienten konnten bisher nirgendwo imLand umfassend versorgt werden“, berichtet der Kardiologe und Intensivmediziner, der immer wieder mit Herzinfarkt und Schlaganfall als Folgen des „dicken Bauches“ konfrontiert wird. Seit zwei Jahren engagiert er sich darum für den Aufbau eines Adipositas-Zentrums für Mecklenburg-Vorpommern am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum. „Unser Haus bietet ideale Voraussetzungen für das interdisziplinäre Konzept“, so der Chefarzt. Wenn die Krankenkassen grünes Licht geben, sollen neben der bereits laufenden Adipositas-Sprechstunde alle etablierten konservativen und operativen Methoden in Neubrandenburg angeboten werden, um adipösen Menschen zu helfen. „Die Kostenträger stehen unserem Konzept positiv gegenüber“, sagt Dr. Bohlscheid und in dem Satz schwingt viel Hoffnung mit. Denn bisher haben sich Krankenkassen oft mit den Argumenten „Dicke sind selber schuld“ und „es gibt keinen Grund, einen gesunden Magen-Darm-Trakt zu operieren“ gegen die Kostenübernahme von sogenannten bariatrischen Operationen gewehrt, wie er sagt. Und obwohl Adipositas im Nordosten Deutschlands am stärksten verbreitet ist, werden hier die wenigsten dieser chirurgischen Eingriffe gegen Fettleibigkeit durchgeführt. Lediglich vier waren es 2006 in Mecklenburg-Vorpommern, acht im Land Brandenburg. Zum Vergleich: in Hessen wurden 309 Patienten operiert. „Die Erfolge dieser Operationen sind inzwischen gut belegt“, sagt Dr. Bohlscheid. Fettleibigen gelingt damit nicht nur ein schnelles Abspecken. „Bis zu 95 Prozent der schwer übergewichtigen Typ-2-Diabetiker werden beispielsweise nachweislich nach dem Eingriff ihren Zucker los.“ So gesehen, sei es billiger zu operieren, als über Jahre Insulinspritzen und andere Therapien zu bezahlen, habe kürzlich auf dem Diabetiker-Kongress auch ein Krankenkassen-Ökonom bestätigt. Am Neubrandenburger Klinikum wurde bisher vereinzelt bei stark übergewichtigen Patienten das Magenband eingesetzt, das zwischen Speiseröhre und Magen einen künstlichen Engpass herstellt. „Künftig“, so Chirurg Arnaud Friton, „werden wir alle größeren bariatrischen Eingriffe anbieten“. Dazu gehört zum Bespiel die Schlauchmagenbildung. „Durch die drastische Verkleinerung des Magens wird einerseits die Nahrungsaufnahme vermindert, andererseits die Produktion des appetitanregenden Hormons Ghrelin reduziert, so dass der Patient weniger Hunger verspürt“. erläutert der Chirurg. Am häufigsten in der bariatrischen Chirurgie seien derzeit die Magenbypass-Operationen. Dabei werde der Magen nahe dem Eingang der Speiseröhre durchtrennt und der kleine Restmagen an den Dünndarm angeschlossen. Auch der Zwölf-Finger-Darm werde umgangen. Auf diese Weise sollen vor allem Teile des verzehrten Fetts durch den Verdauungstrakt rauschen, statt adsorbiert zu werden. „Welche Methode im Einzelfall Anwendung findet, muss stets individuell entschieden werden“, sagt Arnaud Friton. Grundsätzlich sind derartige Operationen Menschen mit einem BMI von mindestens 40 vorbehalten, bei Fettleibigen mit Begleiterkrankungen gilt ein Mindest-BMI von 35. Ausführliche Gespräche, der Ausschluss anderer Erkrankungen und eine individuelle Ernährungstherapie, eventuell auch Bewegungs- und Verhaltenstherapie gehen der Entscheidung zum chirurgischen Eingriff voraus. Brigitte Müller hat das alles hinter sich und einen Antrag auf Kostenübernahme bei ihrer Krankenkasse eingereicht. Sie weiß, dass die Therapie kein Spaziergang sein wird. Mit der Magenverkleinerung allein sei das eben nicht getan. Wenn erst die Pfunde purzeln, wie sie hofft, müssen noch überschüssige Hautfalten wegoperiert werden. „Auch sonst ist eine intensive langfristige Nachbetreuung der Patienten notwendig“, sagt Dr. Bohlscheid. So müssten zusätzlich unter anderem Eisen und Vitaminpräparate gegeben werden. Das Adipositas-Zentrum werde dabei mit niedergelassenen Ärzten zusammenarbeiten.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Adipositas als chronische Erkrankung eingestuft. Um gesundheitlichen Risiken bei Übergewichtigen einzuschätzen, ist auch der Taillenumfang stärker ins Blickfeld gerückt. Name* geändert
Stand
31.05.2010
Quelle: NK100531
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