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Kombi-Pillen erleichtern Therapietreue
Schlaganfall, Herzinfarkt, Nierenversagen oder Gefäßverschlüsse in den Beinen – all das sind Auswirkungen von Bluthochdruck. Was man selbst dagegen tun kann und welche Medikamente helfen, erfuhr Cornelia Langbecker im Gespräch mit dem Kardiologen Dr. Volker Bohlscheid, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 3 am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg.
Blutdruckkontrolle: Auch die eigene Messung erlaubt realistische Werte.
- Dieser Sommer hat sich oft von seiner besten Seite gezeigt. War das auch erfreulich für Bluthochdruck-Patienten?
- Zunächst schon. Denn der Blutdruck sinkt und das Herz wird entlastet, weil Wärme zur Erweiterung der Blutgefäße führt. Temperaturen über 25 Grad Celsius aber können Schwerstarbeit für das Herz bedeuten.
- Bluthochdruck gilt als Volkskrankheit. Wieviel Menschen sind betroffen?
- In Deutschland gibt es etwa 10 Millionen Hochdruckpatienten, auch Hypertoniker genannt. Die Dunkelziffer ist ziemlich hoch, man geht von mindestens 25 Millionen Hypertonikern aus. Bluthochdruck verursacht lange Zeit keine Beschwerden, wird daher häufig erst spät entdeckt.
- Dennoch richtet er Schaden an. Wie?
- Hypertonie führt zu einer Verdickung der Gefäße, deren Elastizität, die Vitalität der Arterieninnenhaut lässt nach. Auf Dauer werden Herz, Gehirn und Nieren geschädigt. Das kann zu Herzinfarkt, Beinarterienverschluss – dem „Raucherbein“ – oder Schlaganfall führen. Auch Darminfarkte, Erblindungen und Nierenversagen bis zur Dialysepflicht können die Folge sein.
- Was treibt den Blutdruck hoch?
- Es gibt einige wenige behandelbare Erkrankungen, die eine Hypertonie verursachen: Hormonerkrankungen und Verengungen der Nierenarterien beispielsweise. Bei mehr als 90 Prozent der Patienten sind allerdings keine organischen Ursachen zu finden, wir sprechen dann von einer essentiellen Hypertonie. Risikofaktoren indes sind bekannt. Adipositas, also krankhaftes Übergewicht, Bewegungsmangel, ein erhöhter Salzkonsum, Östrogene und Alkoholkonsum gehören dazu. Auch wer zu oft echte Lakritze nascht, Appetitzügler oder Anabolika nimmt, geht ein Bluthochdruck-Risiko ein.
- Gehört auch Stress zu den Risikofaktoren?
- Ja, aber eher der „innere“ (intrinsic) Stress. Viel Arbeit, ein harter Job, verursachen „äußeren“ (extrinsic) Stress, der ist wenig schädlich. Hingegen ist ein Langzeitarbeitsloser, der sich ständig um die Zukunft seiner Familie sorgt, durch diesen intrinsic Stress eher gefährdet einen höheren Blutdruck zu bekommen.
- Wieviel Salz darf es denn täglich sein?
- Fünf Gramm. Diese Grenze nicht zu überschreiten, ist schon wegen der vielen „versteckten“ Salze in Lebensmitteln schwierig. Mein Rat: Auf Fertigprodukte weitestgehend verzichten. Gesünder ist selbst zubereitete Kost aus frischen Produkten.
- Mit welchen Sportarten kann man hohem Blutdruck davonlaufen?
- Jahrelang wurde Ausdauertraining als gute Prophylaxe propagiert. Heute wissen wir, dass ein Intervalltraining mit abwechselnden Belastungs- und Erholungsphasen besser ist. Zu empfehlen ist für Jung und Alt ebenso ein dosiertes Krafttraining, das die kleinen Muskelgruppen stärkt. Bewegung ist wichtig, schon ein zehnminütiger Spaziergang am Tag verringert das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen.
- Ab wann ist Bluthochdruck behandlungsbedürftig?
- Optimal sind Blutdruckwerte bis 120/80. Ob eine medikamentöse Therapie erforderlich ist, richtet sich aber nicht allein nach den gemessenen Blutdruckwerten. Zu beachten sind stets die individuellen Risikofaktoren und Begleiterkrankungen. Einen jungen Patienten, der mit einem Wert von 140/90 in die Arztpraxis kommt, der aber keine weiteren Erkrankungen hat, wird der Arzt auf eine Veränderung seines Lebensstils orientieren. Bei einem Diabetiker mit denselben Werten sind sofort Medikamente einzusetzen. Bei einem Nierenkranken gelten noch niedrigere Zielwerte.
- Sollte man seinen Blutdruck selbst kontrollieren?
- Ja, das ist zu empfehlen. Zu Hause in Ruhe sind realistische Messwertemöglich. Zur Diagnostik kann der Arzt aber auch den Blutdruck unter Belastungsbedingungen messen oder ein Langzeitmessung über 24 Stunden mit einem am Körper zu tragenden Gerät veranlassen.
- Welche Medikamente helfen?
- Die jüngere Wirkstoffgruppe der Sartane hat die ACE-Hemmer teilweise abgelöst. Beide vermindern die Wirkung des körpereigenen, gefäßverengenden Gewebshormons Angiotensin II. Sartane kommen vor allem bei Patienten zum Einsatz, die ACE-Hemmer nicht vertragen, weil sie von diesen einen Reizhusten bekommen. Diuretika senken den Salzgehalt, vermindern den Gefäßtonus und befreien zudem den Körper durch ihre harntreibendeWirkung von überschüssiger Flüssigkeit, senken so das Blutvolumen, entlasten Herz und Gefäße. Beta-Blocker wurden früher häufig verschrieben, sie sind ein wenig in den Hintergrund geraten. In einer aktuellen Metaanalyse gibt es aber Hinweise, dass sie möglicherweise doch besser sind als ihr aktueller Ruf. Doch können Beta-Blocker wie auch Diuretika eine Diabetes-Entwicklung begünstigen. Wichtig ist, dass, wenn ein einzelnes Medikament nicht anschlägt, nicht einfach so weit wie möglich hochdosiert wird, sondern dass rechtzeitig an Wirkstoff-Kombinationen gedacht wird. Diese verstärken durch Synergieeffekte die Wirkung, ohne die Nebenwirkungen zu maximieren. Klassisch ist die Kombination von ACE-Hemmern mit Diuretika und Kalzium-Antagonisten. Bei gleichzeitiger Herzschwäche kommt eine Kombination mit Beta-Blockern in Betracht, bei Nierenpatienten Sartane.
- Zwei von drei Patienten folgen der Einnahme-Empfehlung ihres Arztes allerdings nur unzureichend, hat die Deutschen Herzstiftung mitgeteilt. Sind es Nebenwirkungen, die dazu führen, die Pillen nicht zu schlucken?
- Die fehlende Therapietreue ist ein großes Problem, deren Ursachen sind vielschichtig. Eine Bluthochdruck-Behandlung ist für den Körper eine große Umstellung. Aufgabe des Arztes ist es, dem Patienten klarzumachen, dass sich der Organismus erst einmal an den niedrigen Blutdruck gewöhnenmuss. Viele Patienten fühlen sich zu Beginn der Therapie müde und abgeschlagen, aber das ändert sich mit der Zeit. Nicht sinnvoll ist es, einen Hochdruckpatienten schlagartig auf einen optimalen Blutdruck einstellen zu wollen. Der käme aus dem Bett nicht mehr raus. Beta-Blocker und Diuretika können Potenzstörungen verursachen. Betroffene sollten die Pille nicht eigenmächtig absetzen, sondern sich ein Alternativpräparat verordnen lassen.
- Gerade für ältere Patienten scheint auch die Einnahme mehrerer Medikamente ein Problem zu sein ...
- Kombinations-Präparate können helfen. Sie enthalten zwei oder drei Wirkstoffe in einer Tablette und reduzieren so die tägliche „Tablettenlast“. Weglassen oder inkonsequente Einnahme von Medikamenten können gefährlich werden. Denn Bluthochdruck lässt sich nicht heilen.
- Das heißt, auch an heißen Tagen sollten Blutdrucksenker nicht reduziert werden, obwohl sich Betroffene schlapp und schwindlig fühlen?
- In der Regel reicht es aus, wenn ausreichend getrunken wird. Vor allem bei der Einnahme von Diuretika. Bei Hitze braucht der Körpermehr Flüssigkeit undMineralstoffe, die ausgeschwitzt werden. Das wird oft nicht beachtet. Ein Reduzieren der Medikamentendosis ist in der Regel nicht erforderlich.
Bei der Blutdruckmessung werden zwei Zahlen angegeben, der systolische und der diastolische Wert. Pumpt das Herz Blut in den Körperkreislauf, muss ein bestimmter Druck erreicht werden, damit sich die Klappe der Hauptschlagader (Aorta) öffnet. Dieser systolische Druck ist die höhere Zahl, die bei Blutdruckwerten vorne steht. Nach dem Schließen der Klappe wird Blut zur erneuten Füllung des Herzens angesaugt, die Aorta sorgt in dieser Phase mit ihrer Elastizität für den geringeren diastolischen Druck. Er ist die letzte der beiden Zahlen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in ihren Richtlinien klare Grenzwerte für den Blutdruck festgelegt. Danach gilt ein Wert über 140/90 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) als Bluthochdruck (Hypertonie). Optimal ist ein Blutdruck von 120/80 mmHg. NK
Stand
21.08.2010
Quelle: NK100809
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