2. Adipositas-Symposium
Am 09.05.2009 fanden sich in Greifswald Referenten, Zuhörer und Diskutanten zusammen, um auf das weiter zunehmende Problem der steigenden Prävalenz von Übergewicht (Präadipositas) und Adipositas unserer modernen Gesellschaft, speziell auch in unserem Bundesland, aufmerksam zu machen. Die Anwesenheit von Vertretern der Kostenträger im Gesundheitswesen kann als positive Resonanz des 1. Symposiums vom 12.04.2008 gewertet werden. Sie ist Ausdruck des zunehmenden Bewusstseins auf allen Ebenen des Gesundheitswesens, dass es gemeisamer Kraftanstrengungen bedarf, der auf uns zurollenden Lawine von Folgeerkrankungen der Adipositas, insbesondere Diabetes und Herzinfarkt und Schlaganfall sowie orthopädischer Erkrankungen, zu begegnen. Der Veranstalter der Mecklenburg-Vorpommerschen Adipositas-Symposien, Volker Bohlscheid, hatte in seiner Einladung zu einer konzentrierten Aktion im Land aufgerufen.
Der einführende Vortrag von Dr. Bohlscheid (Neubrandenburg) hob auf die Ursachen, die Epidemiologie und unseren bisherigen Umgang mit der Adipositas-Epidemie ab. Nach neuen Daten sind mittlerweile ca. 2/3 der deutschen Männer und ca. die Hälfte der deutschen Frauen zwischen 18 und 80 Jahren präadipös oder adipös. Mecklenburg-Vorpommern steht bei Adipositas, Taillenumfang und Diabetes mit an der Spitze der deutschen Bundesländer. Die Ausbreitung hängt neben Bewegungsmangel und falschem Essverhalten v. a. mit genetischer Disposition zusammen, was mittlerweile eindeutig bewiesen ist. Neben der klassischen Vererbung rückt immer mehr die Epigenetik in den Fokus. Durch verschiedene Umweltfaktoren, z. B. Nahrungszusammensetzung und -menge, kommt es zu einer Veränderung der menschlichen Gene durch DNA-Methylierungen und Histonmodifikationen. Bei starker genetischer Disposition zur Adipositas ist deren Entwicklung durch die Ernährung nur äußerst schwer zu beeinflussen. Dr. Bohlscheid zeigte die schlechte Datenlage von Langzeitergebnissen konservativer Therapieformen der Adipositas: Ein Review analysierte alle zwischen 1931 und 1999 publizierten Studien zu diesem Thema und fand nur in 17 von 898 Arbeiten Angaben dazu. Die Erfolgsrate (Erhalt des teilweisen oder gesamten Gewichtsverlustes) war mit ca. 15% sehr unbefriedigend. Dies entspricht der Erfahrung aller Mitarbeiter im Gesundheitswesen: Unsere Bemühungen, durch Beeinflussung des sogenannten "lifestyles" eine dauerhafte Gewichtsreduktion unserer Patienten zu erreichen, zeigten bisher keinen nachweisbaren Erfolg.
Die Psychologin Frau Bohlscheid (Greifswald) berichtete u. a. über die Ergebnisse aus der Nationalen Verzehrstudie II, welche bei 75% der männlichen und 55% der weiblichen Hauptschüler Übergewicht ergeben hat. Im Gegensatz dazu hatten nur 66% männliche und 31% weibliche Abiturienten ein Übergewicht. "Wer faul und dick hat selten Glück" dichtete schon Wilhelm Busch und zeigte damit bereits in seiner Zeit die diskriminierende Einstellung der Gesellschaft gegenüber Adipösen, die Dicksein gleichsetzt mit Faulsein. Diese Diskrimierung ist in mehreren wissenschaftlichen Arbeiten führender Psychologen belegt. Sie führt zu schlechteren Bildungs- und Karrierechancen der Adipösen, sodass diese in der Folge gehäuft in den unteren sozialen Schichten landen. Der niedrigere Bildungs- und Sozialstatus führt einerseits wiederum zu geringeren Möglichkeiten für einen "gesunden lifestyle", sodass hier ein circulus vitiosus resultiert. Die Psychologin stellte auch die psychischen Komorbiditäten der Adipositas vor, insbesondere Depressionen als Folge, seltener als Ursache dieser Erkrankung. Psychische Erkrankungen sind nur sehr selten Ursache der Adipositas , so z. B. in 5% die binge-eating-disorder.
Nach Dr. Keil (Neubrandenburg) ist Adipositas eine chronische Erkrankung (WHO 2000), welche die Lebenserwartung verkürzt: Bei einem BMI von 30 - 35 um 2 - 4 Jahre, bei einem BMI von 40 - 50 um 8 - 10 Jahre! Eine erhebliche Addition erfolgt bei Rauchern. Für eine evidenzbasierte Indikation zur Therapie ist eine sorgfältige Exploration der Ernährung und der Bewegungshäufigkeit erforderlich, auch die biometrische Impedanzanalyse kann hilfreich sein. In der konservativen Therapie ist es vorrangig, eine auf den Patienten individuell zugeschnittene Diät zu entwickeln, die dieser auch über längere Zeit durchhalten kann und will: Diagnostik und Aufklären geht vor Verboten!
Ein gewichtiges Thema des Symposiums war die bariatrische Chirurgie. Zu dieser referierte Prof. Weiner (Frankfurt/Main) unter dem etwas provokanten Titel: "Sind nur Diabetes und Hypertonie heilbar?" Nicht ohne Grund wird die Adipositaschirurgie seit kurzem auch "Metabolische Chirurgie" genannt. Mehrere Studien haben mittlerweile belegen können, dass chirurgische Maßnahmen (Magenband, Magenbypass, Schlauchmagen) bei Adipösen in bis über 90% der Fälle "Heilungen" des Diabetes und auch der Hypertonie bewirken. Besonders bei erst kurze Zeit bestehendem Diabetes Typ II ist die Erfolgsrate sehr hoch. Bei allen übrigen Patienten konnte zumindest eine drastische Dosisreduktion der antidiabetischen Medikation incl. Insulin erreicht werden. Die vorwiegend endoskopische Chirurgie wird bei einem BMI von > 40 empfohlen, bei erheblichen Komorbiditäten ("morbide Adipositas") schon ab einem BMI > 35. Wir haben bereits sehr gute Daten aus Langzeitstudien, es sind aber weitere gute Studien erforderlich.
Über die sich für den Anästhesisten ergebenden Probleme bei hochgradig Adipösen sprach Dr. Mauermann (Neubrandenburg). Morderne Narkotika, epidurale Analgesie, druckontrollierte Beatmung, frühzeitig Extubation noch unter Operationssaalbedingungen, vor allem aber ein hoher Personalbedarf (Op und ITS) sind Voraussetzungen für einen erfolgreichen Eingriff. Bei der bariatrischen Chirurgie wird immerhin mit 10% Komplikationen gerechnet.
Prof. Felix (Greifswald) zeigte die Wege vom Metabolischen Syndrom zu Herzinfarkt und Schlaganfall auf. Dem BMI stellte er den Bauchumfang (BU) gegenüber. Dieser sei wegen des hohen Anteils an Bauchfett wichtiger für die Bewergung. Ein BU von > 102 cm bei Männern und > 88 cm bei Frauen gelten schon als Risiko-Grenzwert. Zudem wies er auf die Bedeutung leitliniengerechter Therapie von Hypertonie und Fettstoffwechselstörungen insbesondere bei Diabetikern hin.
Die den Leitlinien gerechte Therapie der Adipositas war das Thema von Prof. Wirth (Bad Rothenfelde). Ernährung soll sein: hypokalorisch, verfügbar, bezahlbar, zubereitbar, schmackhaft, sozial akzeptierbar und auch sättigend. Misserfolg ist schon vorprogrammiert, wenn eines dieser Kriterien ausfällt! Bei der Bewegungstherapie bringen nur Ausdauer und Krafttraining gemeinsam Erfolg. Gerade der hochgradig Adipöse hat aber besonders viel Hunger. Und wie soll oder kann er sich der Bewegungstherapie unterziehen? Wie wird gerade bei dieser sein Zustand sozial akzeptiert? Die Senkung der Körpermasse ist deshalb in solchen Fällen nur durch die bariatrische Chirurgie zu erreichen. Die Gewichtsreduktion liegt primär bei 30 - 40%, nach 10 Jahren immerhin noch bei 20%! Eine komplexe Ernährungsberatung und -therapie sowie die psychologische Betreuung sind unverzichtbar.
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde vor allem das Problem der Finanzierung der Adipositasbehandlung angesprochen. Die Vertreter der Krankenkassen erkennen dieses bedeutende Gesundheitsproblem der Gesellschaft, waren aber in der Vergangenheit nur selten bereit, Therapiekosten, speziell die der bariatrischen Chirurgie, zu übernehmen. Dieses Symposium habe ihm einige Zusammenhänge klarer werden lassen, so Herr Bluschke, Vorstandsvorsitzender der AOK MV, sodass er die Notwendigkeit adipositaschirurgischer Therapie bei schweren und konservativ nicht therapierbaren Fällen sehe. Er begrüßte die Initiative, ein Kompetenzzentrum zu bilden, das Behandlungspfade erarbeitet, um strukturiert den adipösen Patienten schnell und ohne überflüssige Hürden helfen zu können.
In Neubrandenburg entsteht derzeit am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum ein Adipositaszentrum für Mecklenburg-Vorpommern, um leitliniengerechte Therapie vor allem hochgradig Adipöser zu entwickeln. Auch die Prävention der Adipositas wird Thema des Adipositaszentrums Neubrandenburg.
