Fettsucht: Experten schlagen Alarm
Beim 1. Adipositastag im Klinikum finden Mediziner und Betroffene drastische Worte. Politiker und Kostenträger stehen in der Kritik.
VON INGMAR NEHLS „Es kommt eine Kostenlawine auf uns zu gerollt“, prognostiziert Volker Bohlscheid vom Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. Nicht nur der Chefarzt hat beim 1. Adipositastag, den das Klinikum gemeinsam mit dem Landesverband Adipositas in der Bethesda-Klinik ausrichtete, drastische Töne gefunden. Auch andere Experten, die in Vorträgen über die Krankheit informiert haben, schlagen Alarm. Denn Fettsucht, wie Adipositas aus dem Lateinischen übersetzt heißt, ist dabei, Rauchen als Hauptursache für Krebs abzulösen. „Adipöse Patienten leiden und werden krank“, mahnt Volker Bohlscheid und zählt einige Krankheiten auf: Schlaf-Apnoe, Kurzatmigkeit, Gicht, Krebserkrankungen, eingeschränkte Fruchtbarkeit und vor allem Diabetes. „Der Schlanke lebt länger“, fasst Bohlscheid das Problem kurz zusammen.
430.000 Menschen im Land sind adipös. Mecklenburg-Vorpommern nimmt bundesweit einen der Spitzenplätze ein. „Es ist nicht mehr normal, schlank zu sein“, sagt Volker Bohlscheid angesichts dieser Zahlen, die sich noch verschlimmern könnten, denn jedes fünfte Kind ist fettsüchtig. In den Köpfen der Politiker und der Kostenträger sei diese Dramatik allerdings nicht angekommen, kritisiert Bohlscheid. „Es geistert immer noch die Meinung um, dass die Betroffenen selbst schuld seien und einfach weniger essen müssten“, sagt Bohlscheid.
Auch Wilfried Freier, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands Adipositas und Vorsitzender der Selbsthilfegruppe „Lichtblicke trotz Übergewicht“, nimmt die Politik in die Verantwortung. „Es ist für mich unverständlich, dass das Sozialministerium nur die adipösen Kinder und Jugendlichen im Auge hat. Es ist nachweisbar, dass Kinder von adipösen Eltern auch adipös werden.Was bringt es, wenn wir in Schulen und Kindergärten gesundes Essen servieren, aber zu Hause gibt es dann Eisbein“, kritisiert Wilfried Freier, selbst adipös. Freier wirbt für die Gründung einer Selbsthilfegruppe in Neubrandenburg.
Die könnte eine gute Ergänzung zum Adipositas-Zentrum sein, das sich langsam am Klinikum manifestiert. Vor drei Jahren sei die umfassende Behandlung von adipösen Patienten gestartet. 70 seien derzeit in Behandlung, sagt Volker Bohlscheid. Noch ist das Zentrum nicht offiziell anerkannt. Der Bedarf sei aber auch in der Sportstadt Neubrandenburg enorm. „Das Image der Sportlerstadt bezieht sich nur auf den Leistungssport. Der Breitensport wird nicht mehr gefördert als anderswo“, meint Bohlscheid. Mangelnde Bewegung ist eine der Hauptursachen für Übergewicht. „Wer wenig Geld hat, kann sich keine hochwertigen Lebensmittel kaufen. Aber auch das Geld für den Mitgliedsbeitrag im Sportverein ist nur sehr schwierig zu bezahlen“, sagt Wilfried Freier. Freier kritisiert, dass die Kennzeichnung von Lebensmitteln durch eine Lebensmittelampel abgelehnt worden ist.
Die Erfolgsrate durch Ernährungsumstellung liege bei adipösen Patienten bei lediglich 13 Prozent, sagt Volker Bohlscheid. Auch Sport sei nur bedingt möglich. Der Chefarzt macht sich deshalb stark für die Bariatrische Chirurgie, bei der beispielsweise der Magen verkleinert wird. „Erstaunlicherweise ist bei 95 Prozent der Fälle auch die Zuckerkrankheit weggegangen“, sagt Bohlscheid. Bariatrische Chirurgie sei aber nur im Zusammenspiel mit einer guten Nachsorge möglich, wie es sie im Adipositas-Zentrum auch gäbe. Während diese Behandlungsmethode in den USA und auch in europäischen Nachbarländern häufig stattfinde, sei sie in Deutschland nur selten praktiziert. Der Chefarzt kritisiert den geringen Kenntnisstand auch unter Medizinern. Bundesweit gebe es nur zwei Lehrstühle für Adipositas. Aufklärungsarbeit soll darum ein landesweites Fachsymposium im Mai leisten. Bohlscheid kündigt große wissenschaftliche Kapazitäten für die Veranstaltung in Neubrandenburg an.
