Kleine Patienten schneller wieder fit
Neubrandenburger Kinderchirurgen wenden verstärkt minimal-invasive Methoden an.
Ohne Bauchschnitt haben Kinderchirurgen am Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum einen dreimonatigen Säugling am Darm operiert. Der kleine Tim war mit einer als Morbus Hirschsprung bezeichneten Fehlbildung geboren worden. „Beim Morbus Hirschsprung fehlen dem Dickdarm in einem bestimmten Abschnitt Ganglienzellen, die die Muskeln zur Kontraktion anregen“, erläutert Dr. Wolfgang Beyer, Chefarzt der Kinderchirurgie. Der Stuhl könne nicht transportiert werden. So entwickeln sich im darüber liegenden Darmsegment oft riesige Erweiterungen, Megacolon genannt. Die Folge: schwere Verstopfungen, Blähungen, Erbrechen. Ohne Behandlung kann es zu Vergiftungserscheinungen kommen. Die Erkrankung tritt nach Auskunft des Arztes etwa bei einem von 4000 Kindern auf.
Tim war den Kinderärzten am Neubrandenburger Klinikum frühzeitig aufgefallen. Bei ihm fehlte der als „Kindspech“ bezeichnete Neugeborenenstuhl. Auch 72 Stunden nach der Geburt hatte das Baby keinen Stuhlgang, dafür einen geblähten Leib. Eine radiologische Untersuchung mittels eines Kontrastmitteleinlaufs zeigte eine sehr enge Stelle im Dickdarm.
Die endgültige Diagnose konnte allerdings erst nach der sechsten Lebenswoche gestellt werden. „Bis dahin sind Ganglienzellen noch nicht voll ausgereift“, sagt der Arzt. Baby Tim wurde in dieser Zeit mit abführenden Maßnahmen behandelt. Die Rektumstufenbiopsie, eine Gewebeentnahme an verschiedenen Stellen des Mastdarms und die anschließende histologische Untersuchung in der Pathologie bestätigten dann den Verdacht. Der kranke Darmabschnitt musste entfernt werden. „Bisher wurde offen operiert mit großem Bauchschnitt. Bei dem Jungen haben wir uns erstmals im Klinikum und wohl auch in Mecklenburg-Vorpommern zu einer Operation nach De la Torre entschieden“, erläutert der Chefarzt. Bei diesem neuen, schonenden Verfahren wird der Darm über den Anus operiert. Der Analkanal wird dazu vorsichtig erweitert, der Darm mobilisiert und der kranke Abschnitt außerhalb des Körpers entfernt. Zweieinhalb Stunden dauerte der Eingriff. „Mit erfahrenen Anästhesisten ist das heute kein Problem“, so der Arzt. Die Vorteile für den Patienten sind eindeutig: „Der Eingriff ist sehr schonend, blutarm. Narbenbildung und spätere Verwachsungen werden vermieden. Vor allem aber gelingt es, den kranken Darmabschnitt vollständig zu entfernen“, sagt der Kinderchirurg. Tims Operation liegt ein Vierteljahr zurück. Seine Verdauung funktioniere jetzt normal, wissen die Ärzte. Zu Verstopfungen sei es bisher nicht gekommen. Die nach Darmoperationen gefürchtete Inkontinenz sei ausgeblieben.
Minimal-invasive Methoden werden immer häufiger auch bei kleinen Patienten angewendet. „Die Kinderchirurgie befindet sich im Umbruch“, sagt Dr. Beyer. Fast-Track-Chirurgie (auf Deutsch: Überholspurchirurgie) soll auch den jüngsten Patienten durch optimierte interdisziplinäre Fürsorge weniger Schmerzen und raschere Genesung sichern. „Hier am Kinderzentrum sind wir aufgrund intensiver Zusammenarbeit verschiendener Fachrichtungen in der Lage, neue Methoden anzubieten.“
Laparoskopisch, also durchs „Schlüsselloch“, wurde ebenfalls von Neubrandenburger Kinderchirurgen erstmals in Mecklenburg-Vorpommern einem siebenjährigen Mädchen und einem einjährigen Jungen jeweils eine kranke Niere entfernt. Was für die Operateure Filigranarbeit bedeutete und viel Erfahrung voraussetzte, brachte auch in diesen Fällen den Patienten Gewinn. Chefarzt Beyer: „Die Kinder waren schneller wieder fit.“

