VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG. Hände so klein, dass sie gerade mal den Zeigefinger eines Erwachsenen umgreifen können. Die Haut so dünn wie Pergament. Tayler hatte es besonders eilig, auf die Welt zu kommen. Statt idealerweise in der 40. wurde er bereits in der 29. Schwangerschaftswoche geboren. 950 Gramm wog das Leichtgewicht bei seinem Frühstart, weniger als eine Tüte Zucker Jetzt liegt er im Inkubator auf der Neugeborenen-Intensivstation im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg. Er muss nachholen, was er im Mutterleib nicht vollenden konnte.
Wie Tayler kommen nach Angaben des Bundesverbandes „Das frühgeborene Kind“ in Deutschland jedes Jahr 60.000 Kinder als Frühchen zur Welt, also vor Beendigung der 37. Schwangerschaftswoche. „In denmeisten Fällen sind Infektionen, von denen die Mütter oft gar nichts spüren, die Auslöser“, sagt Prof. Dr. Hans-Joachim Feickert, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendmedizin am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum. Von den durchschnittlich 900 Babys, die jährlich in der Neubrandenburger Frauenklinik geboren werden, waren im vergangenen Jahr 77 Frühchen.
„Kinder, die nach nur 23 Schwangerschaftswochen zur Welt kommen, sind zum Glück sehr selten“, sagt Professor Feickert. Der mit 275 Gramm weltweit leichteste Neugeborene aus Göttingen, der jetzt für Schlagzeilen sorgte, sei eine Ausnahme. „Die biologische Grenze liegt bei einem Geburtsgewicht von 350 bis 400 Gramm, mit dem ein Neugeborenes überleben kann. Damit ist aber noch keine Aussage zur Lebensqualität getroffen“, gibt der Kinderarzt zu bedenken. „Es ist nicht so, dass diese Kinder nur kleiner sind“, sagt Professor Feickert. Oft sei die Lunge noch nicht ausgereift und die Frühgeborenen könnten nicht selbstständig atmen. Eine maschinelle Beatmung aber könne das zarte Gewebe der Lunge schädigen. „Im Endresultat werden weniger Lungenbläschen gebildet, ein lebenslanger Defekt“, erläutert Professor Feickert. „Eine typische spätere Krankheit der extrem Frühgeborenen ist darum die Bronchopulmunale Dysplasie“. Weitere gefürchtete Komplikationen sind schlaganfallähnliche Hirnblutungen, Schädigungen der Augennetzhaut, die zur Erblindung führen können, und lebensbedrohliche Infektionen.
Weil der Frühstart so viele Risiken birgt, ist eine sofortige kompetente medizinische Versorgung des noch unreifen Kindes wichtig. „In den ersten zwei Lebensstunden werden Weichen gestellt“, so Professor Feickert. Am Neubrandenburger Klinikum, wo seit 1981 Frühchen betreut werden, kommen die kleinen Frühstarter im Regelfall umgehend auf die neonatologische Intensivstation.
Bei extremen Frühchen, die vor der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, übernehmen die Neubrandenburger die Primärversorgung, weiter betreut werden die Babys in Greifswald. Mit der Universitätskinderklinik der Hansestadt bildet die Neubrandenburger Kinderklinik das sogenannte Perinatalzentrum Ost in Mecklenburg-Vorpommern. Weitere derartige Zentren gibt es in Rostock und Schwerin. „Die Versorgung von Frühgeborenen in Mecklenburg-Vorpommern ist vorbildlich geregelt“, sagt der Neubrandenburger Chefarzt. Die Neonatologen, Experten für Frühgeborene, arbeiten in einer Landesarbeitsgemeinschaft zusammen. Professor Feickert: „Wir werten regelmäßig Behandlungsergebnisse aus und organisieren Fortbildungen, um eine hohe Qualität der Betreuung zu halten“.

So ein Frühchen-Zentrum gleicht einer High-Tech-Station: Die Kleinen, mit winzigen Sensoren versehen, werden intensiv überwacht. Im Inkubator herrscht, abhängig vom Gewicht des Kindes, eine Temperatur von 31 bis 35 Grad Celsius. Jedes dieser speziellen Wärmebettchen ist mit einem Überwachungsgerät verbunden, auf dem Monitor können EKG, Puls, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und andere lebenswichtige Kontrolldaten der Babys abgelesen werden. Mini-Infusionsbestecke und spezielle Tuben zur Beatmung der Winzlinge stehen den Ärzten zur Verfügung. Mit einem Intensivtransportinkubator können Frühgeborene aus umliegenden Krankenhäusern ins Neubrandenburger Zentrum geholt werden.
Doch braucht so eine Station nicht nur moderne Technik, sondern auch ein kompetentes Behandlungsteam, wie Chefarzt Feickert sagt. Drei Kinderfachärzte für Neonatologie und speziell ausgebildete Kinderintensivschwestern sorgen in Neubrandenburg rund um die Uhr für die intensivemedizinische Versorgung und sanfte Pflege der Kleinen. „Anders als vor 30 Jahren haben Frühchen mit einem Geburtsgewicht von 700 bis 1500 Gramm heute prima Chancen auf ein normales Leben“, sagt Professor Feickert.
Tayler hat Besuch bekommen. Viele Stunden am Tag verbringt seine Mutter an seinem Bettchen. Juliane Z. schaut auf ihren Sohn, der ein kleiner Kämpfer zu sein scheint. Auf maschinelle Beatmung können die Ärzte bei ihm inzwischen verzichten, er atmet selbstständig. „Er muss sich sehr anstrengen, aber er macht das gut“, lobt der Kinderarzt. ˘
˘Früher wurden Frühchen zunächst generell maschinell beatmet. „Ist eine Spontan-Atmung vorhanden, unterstützen wir heute nur leicht“, sagt Professor Feickert. So erhält Tayler zusätzlich Sauerstoff. Außerdem wird der Winzling über eine dünne Kanüle ernährt. Saugen kann er noch nicht alleine, er braucht seine ganze Kraft zum selbstständigen Atmen.
Mit einem Finger berührt die ˘Mutter sanft den Armihres Sohnes. Und schon huscht über das Gesichtchen unter der großen wärmenden Mütze ein Lächeln. Hautkontakt ist wichtig. „Känguruhen“ steht darum regelmäßig auf der Tagesordnung dieser Intensivstation. Dabei werden die Babys für einige Zeit aus dem Inkubator genommen und, warm eingehüllt, den Eltern auf Brust oder Bauch gelegt. „Das fördert die Entwicklung der Kinder enorm“, sagt der Arzt.
Tayler, zwei Wochen nach seiner Geburt 1150 Gramm schwer, wird noch einige Zeit auf der Intensivstation bleiben müssen. Wie lange, hängt nicht nur vom Gewicht ab. „Früher galten 2500 Gramm als Maß“, sagt der Arzt. „Heute fragen wir auch: Trinkt das Kind gut? Ist seine Temperatur stabil? Atmet es ordentlich? Ist es infektionsfrei? Erst dann kann es nach Hause.“
Juliane Z. ist optimistisch. „Ich bin sicher, dass mein Sohn hier gut aufgehoben ist“, sagt sie.