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Siria erobert die Herzen im Klinikum

Mit Lungenund Knochentuberkulose kam die fünfjährige Siria aus Angola nach Neubrandenburg. Jetzt geht‘s ihr schon viel besser.

Siria erobert die Herzen im Klinikum

Oh! Die Turmspitze ist abgestürzt. Wenn das Personal – so wie Schwesternschülerin Julia Wiederrich – Zeit zum Spielen hat, ist Siria am glücklichsten.

VON ANKE BRAUNS NEUBRANDENBURG. Wer bei Siria ins Zimmer guckt, kann sich fast sicher sein, dass er ein Lächeln geschenkt bekommt. Ein fröhliches Kind, das die Herzen aller Ärzte, Schwestern, Therapeuten und Erzieher auf der Station im Sturm erobert hat. Auch wenn Siria nur mit Stützen gehen kann und meistens im Rollstuhl gefahren wird, kann man kaum glauben, dass die Fünfjährige todkrank ist und nur eine Überlebenschance hat, wenn sie langfristig ihre Medikamente bekommt. Sie kam vor einigen Wochen mit schwerer Lungen- und Knochentuberkulose auf Vermittlung des Vereins „Friedensdorf international“ von Angola nach Neubrandenburg. Der Verein sucht für Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten, die nicht in ihrer Heimat behandelt werden können, in Deutschland Kliniken, die die Therapie auf eigene Kosten übernehmen. Das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum hat zugesagt, die Tuberkulose zunächst so weit zu behandeln, dass sie nicht mehr ansteckend ist.

„Besonders schwierig ist bei Siria, dass es sich nicht um den üblichen Erreger handelt, sondern einen, der multiresistent gegen fünf gängige Mittel ist. Da gibt‘s nicht mehr viele Alternativen“, erklärt Professor Dr. Hans-Joachim Feickert, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Zumal man für eine so schwere Erkrankung drei verschiedeneMittel brauche, die sehr teuer seien. „In Angola wäre eine Behandlung undenkbar. LautWeltgesundheitsorganisation wurden in Angola im Jahr 2006 pro Kopf 71 Dollar für Gesundheit ausgegeben.Wir kommen hier pro Tag auf rund 100 Euro allein für die Medikamente“, so Feickert.

Siria kommt aus einer Großfamilie in sehr ärmlichen Verhältnissen. Schweren Herzens haben ihre Eltern sie auf die lange Reise geschickt, damit ihrer Tochter geholfen werden kann. „Friedensdorf international“ versucht möglichst viele deutsche Kliniken für solche Behandlungen zu gewinnen, damit die Lasten verteilt werden. „Wir hatten auch schon andere Patienten übers Friedensdorf, aber als gemeinnütziges Krankenhaus können wir das finanziell nur in begrenztem Umfang leisten“, erklärt Hans-Joachim Feickert. Unterstützung kommt deshalb von vielen Seiten. Die Mitarbeiter des Klinikums haben beim Betriebsfest 1000 Euro für Siria gesammelt. So mancher brachte Kleidung für sie mit und die Orthopädietechnik Reichert & Jäckle spendete Gehstützen.

Über fünf Wochen musste Siria wegen Ansteckungsgefahr in ihrem Zimmer isoliert werden, die Mitarbeiter durften nur mit Mundschutz und spezieller Kleidung zu ihr. Trotzdem haben sie alle verwöhnt. Als sie vor rund zwei Wochen fünf Jahre alt wurde, stand ein ganzes Gratulationskomitee in Schutzanzügen vor ihrem Bett. Haarreifen, Bausteine und weiteres Spielzeug, sogar ein selbst genähtes Kleid von einer Assistenzärztin bekam sie geschenkt. Allen ist sie ans Herz gewachsen, zum Beispiel der pädagogischen Betreuerin Silvia Rink, die viele Spielzeiten mit ihr verbracht hat. „Sie ist ein Mädchen wie unsere Mädchen, manchmal auch eine kleine Zicke“, erzählt sie lachend. Sehr schnell habe Siria gewusst, wer wer ist unterm Mundschutz, habe gelernt, sich zu verständigen. „Am schlimmsten ist für mich immer, wenn die Spielzeit zu Ende ist und ich gehen muss, dann wirft sie mir ganz böse Blicke zu“, sagt Silvia Rink. Wie sie machen sich alle auf der Station Gedanken, wie Sirias Zukunft aussehen wird und ob sie jemals erfahren werden, wie sie sich weiter entwickelt.

Jetzt steht Sirias Zimmertür wieder offen, die TBC sei nicht mehr ansteckend, so Feickert. Sie auszuheilen werde aber mindestens ein Jahr dauern und er hoffe sehr, dass das auch in ihrer Heimat gewährleistet werden kann. „Alles steht und fällt mit der Umgebung, in die sie zurück kehrt, mit ihrem Ernährungszustand, der Hygiene“, sagt er. Voraussichtlich Ende nächster Woche soll Siria zunächst ins Friedensdorf bei Oberhausen, wo über ihre orthopädische Nachbehandlung entschieden wird, für die der Verein weitere Sponsoren in Deutschland sucht. Denn die Tuberkulose hat unter anderem eine Hüfte und dieWirbelsäule geschädigt.

Stand 30.08.2010
Contributors: Quelle: NK100821