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Chefarzt: Impfen ist für mich gelebter Kinderschutz

Jeder fünfte Deutsche steht dem Pikser für Kinder skeptisch gegenüber. Sind Bedenken gegen das Impfen berechtigt? Marina Spreemann fragte nach bei Dr. Sven Armbrust, Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik am Dietrich-BonhoefferKlinikum in Neubrandenburg.

Chefarzt: Impfen ist für mich gelebter Kinderschutz

Dr. Sven Armbrust

Schreikrämpfe, Unwohlsein, Fieber, eitrige Geschwüre an der Impfstelle – manche Eltern bedauern nach solchen Leiden ihrer Kinder, dass sie die Lütten impfen ließen. Haben Sie dafür Verständnis?
Nein. Impfen ist sicher. Natürlich gibt es – wenngleich sehr überschaubar – ein Restrisiko, zum Beispiel für einen Abszess, wenn ich in die Haut steche. Es kann auch passieren, dass es einem Kind nach der Impfung ein paar Tage nicht so gut geht. Wir lösen ja beim Impfen eine gewünschte Reaktion des Abwehrsystems aus, damit der Körper dann vorbereitet ist, wenn später Kontakt zu einem echten Erreger besteht. Nach ein paar Tagen ist das vorbei, dem Kind geht es wieder gut und es ist geschützt.
Nebenwirkungen nehmen Mütter und Väter in Kauf, wenn es um Impfungen gegen gefährliche Krankheiten wie Diphterie oder Kinderlähmung geht. Bei Masern, Mumps oder Windpocken ist vielen das Risiko im Vergleich zu den als harmlos geltenden Krankheiten zu hoch...
Ich kenne diese Unterteilung in böse und vermeintlich nicht so schlimme Krankheiten. Aber das ist falsch. Kinderkrankheiten sind nie harmlos. Das Masernvirus etwa kann Lungenentzündung und akute Gehirnentzündung verursachen, die in die chronische Gehirnentzündung SSPE übergehen kann, an der die Kinder sterben. Allein in Österreich gibt es derzeit 20 SSPE-Fälle. Wegen der relativ hohen Impfquote, gerade in MV, sind hier zum Beispiel Masern sehr selten geworden. Aber damit ist die Gefahr auch aus dem Fokus geraten. Der Mensch neigt ja dazu, Schlechtes auszublenden und zu verharmlosen. Aber in der Dritten Welt sterben Kinder nach wie vor an Masern. Wir leben hier nicht unter einer Käseglocke. Infektionskrankheiten sind immer noch die häufigste Todesursache auf der Welt. Hier ist das aus dem Bewusstsein heraus. Erst solche Fälle wie der EbolaAusbruch in Afrika führen uns die Gefahren wieder vor Augen. Aber auch das ist für viele weit weg. Uns geht es mit Hygiene und moderner Medizin gut. In Deutschland ist die Kindersterblichkeit sehr gering, gerade auch weil wir impfen können. Impfen ist für mich gelebter Kinderschutz.
Warum überzeugen solche Argumente Eltern nicht immer?
Ich denke, das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wir haben einen hohen Grad an Gesundheit erreicht. Es geht uns gut. Wie sagt man: Wenn die Maus satt ist, schmeckt das Mehl bitter. Wer gegen das Impfen ist, muss aber eben auch in Kauf nehmen, dass ohne solche Spritzen wieder mehr Kinder sterben. Wenn mein Auto kaputt ist, gehe ich in die Werkstatt und wenn der Meister dort sagt, was gemacht werden muss, dann vertraue ich ihm oder hole mir noch mal in einer anderen Werkstatt Informationen. Aber die Auto-Kompetenz sitzt in der Werkstatt, die Gesundheits-Kompetenz beim Arzt. Man muss den Experten einfach auch mal trauen. Ein Arzt will ja, dass es seinen Patienten gut geht.
Also sind kritische Nachfragen nicht erlaubt?
Doch natürlich. Konkrete, sachliche Fragen sind immer zu beantworten und gute Aufklärung ist wichtig. Dabei unterliegt die Arzt-PatientBeziehung einem besonderen Vertrauensverhältnis. Nur wenn der Patient gut informiert den Weg mitgeht, kann der Arzt erfolgreich arbeiten. Auch das Robert-Koch-Institut ist eine gute Quelle. Dort werden von verschiedenen Spezialisten unabhängig internationale wissenschaftliche Studien ausgewertet, um Empfehlungen auszusprechen. Wenn am Ende aller guten Argumente dann aber nur noch die diffuse Generalangst vor der „Weltherrschaft der Pharmaindustrie“ bleibt, dann ist es schwierig, mit sachlichen Argumenten zu überzeugen.
Stand 04.09.2014 Quelle: NK140819