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Lebenswille bringt Arzt zum Staunen

Sven Armbrust ist Kinderarzt mit Leib und Seele. Sein Job fordert ihn extrem. Lange Arbeitszeiten und schwere Schicksale gehören zum Alltag. Wir haben ihn begleitet. Eine Reportage von Marie-Luise Hartmann.

Lebenswille bringt Arzt zum Staunen

Sven Armbrust untersucht den vierjährigen Paul Leder.

NEUBRANDENBURG. Langsam wird es hell draußen. Mit dem Morgen beginnt auch eine neue Schicht im Krankenhaus. Dr. Sven Armbrust merkt davon nicht viel. Er eilt durch die Gänge. Nur die roten Augen verraten, dass er bereits eine Nachtschicht hinter sich hat. Aber der Feierabend ist noch lange nicht in Sicht.

Es ist 7.30 Uhr und die Kollegen bei der Schichtübergabe warten schon. Sven Armbrust ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Dietrich-BonhoefferKlinikums in Neubrandenburg. Ausführlich werden die Ereignisse der vergangenen Nacht besprochen. Dann eilen alle weiter. „Es ist wichtig, so wenig Zeit wie möglich für Wege zu verschwenden“, erklärt der Arzt das Tempo. In einem Krankenhaus zählt manchmal jede Sekunde.

Um 8 Uhr erwartet Dr. Konstanze Kissing-Pahl ihren Kollegen. Die Ärztin für pränatale Diagnostik hat eine Patientin, deren ungeborenes Kind Auffälligkeiten im Darmbereich aufweist. Es werden noch zwei weitere Ärzte hinzugezogen. „Wir arbeiten hier mit allen Fachbereichen eng zusammen“, sagt Sven Armbrust. „Gemeinsames Beraten und Teamarbeit sind enorm wichtig. Insbesondere bei Kindern, die mit einer angeborenen Fehlbildung auf die Welt kommen.“ Das BonhoefferKlinikum hat alle wichtigen Fachbereiche unter einem Dach. Die Kinderklinik ist die drittgrößte des Landes und eines von vier Perinatalzentren, das von A bis Z alles behandelt. So ist Armbrust nicht einfach nur Kinderarzt, sondern auch Spezialist für Frühgeborene, angeborene Herzerkrankungen und Intensivmedizin.

Mittlerweile ist es 9 Uhr. Sven Armbrust ist seit 25 Stunden auf den Beinen. Zeit für eine große Tasse Kaffee. „Mit ganz viel Koffein, bitte“, sagt er zu seiner Sekretärin und lässt sich schnaufend in einen schwarzen Ledersessel fallen. Seit nunmehr 16 Jahren übt er seinen Beruf mit Leib und Seele aus. Seine zwei Kinder packt er deswegen nicht in Watte. „Hypochonder-Eltern sind das schlimmste“. Die Kindermedizin ist in seinen Augen die schönste und fröhlichste. Auch wenn Krankheiten bei Kindern oft als besonders schwer angesehen werden und der Tod manchmal unbegreiflich erscheint, so bleibt es doch ein dankbarer Beruf. Nicht selten staunt Sven Armbrust über die Selbstheilungskräfte der kleinen Patienten und besonders über den Lebenswillen einiger Frühchen.

Arzt macht Untersuchung zum lustigen Spiel
Nach dem stärkenden Kaffee geht es zügigen Schrittes weiter zur Chefvisite auf die Station K11. An den bunt bemalten Wänden hängen Spielsachen und Bilder. Aus dem Spielraum hallt Kinderlachen. Dass einige hier schwer krank sind, ist auf den ersten Blick nicht zu merken. Der kleine Paul ist zwar erst seit einem Tag im Krankenhaus, Sven Armbrust kennt er aber bereits. Die vielen fremden Menschen im Raum schüchtern ihn ein. Tapfer drückt er sich seinen Plüschtiger vor die Brust und sucht den Augenkontakt mit seiner Mutter. Sven Armbrust macht aus der Untersuchung ein lustiges Spiel. „Die Backen aufblasen wie ein Luftballon. Jetzt die Zähne fletschen wie ein Löwe und nun den Mund machen wie ein Fisch“. Der Vierjährige lacht. „Natürlich gehen einem besondere Einzelschicksale nahe“, sagt der Mediziner. „Aber ich wahre eine professionelle Distanz.“ Allerdings sei es nicht leicht, diese immer aufrecht zu erhalten. Manchmal sei es auch notwendig, das Kind vor der Sturheit der Eltern zu schützen. Manche lehnen eine Therapie aus ethischen oder moralischen Gründen ab. Sollte dadurch Kindeswohlgefährdung oder gar Lebensgefahr bestehen, gibt es juristische Mittel, die notwendige Behandlung durchzusetzen. „Das ist für alle Beteiligten wahnsinnig nervenaufreibend und kommt Gott sei Dank selten vor“, sagt Armbrust.

Nun ist ein Besuch bei der Neonatologie dran. „Herr Doktor, es ist kurz vor 13 Uhr“, erinnert seine Sekretärin. Eine Fortbildung steht an. „Ich schaue später mal kurz rein. Jetzt gehe ich erst mal zu den Frühchen“. Die Prioritäten sind gesetzt. Auf der Frühchenstation ist es etwas wärmer und weniger offiziell. Armbrust zieht seinen Kittel aus. Abgesehen von einem jungen Vater in der Teeküche und einigen lachenden Schwestern auf dem Gang, scheint nichts los zu sein. Es herrscht beinahe beschwingte Stimmung. Liegen hier nicht die ganz Kleinen, die um ihr Leben bangen müssen? Doch. Genau so ist es. Das kleinste der hier stationierten Babys ist gerade einmal 28 Zentimeter groß und wiegt knappe 500 Gramm. Soviel wie zwei Stückchen Butter.

Humor und Leichtigkeit schützen vor Belastungen
Trotz der leicht erhöhten Raumtemperatur schleicht einem beim Anblick der Winzlinge eine Gänsehaut über den Rücken. Auch die Tränendrüse macht sich bemerkbar. Es surrt, rauscht und piept aus den vielen Apparaten. An manchen Brutkästen hängen Luftballons. „Den bekommt jedes Baby, das die 1000-Gramm-Marke geknackt hat“, erklärt Armbrust schmunzelnd. Nun ist auch klar, dass die Ärzte und Schwestern hier ein besonders dickes Fell haben müssen. Humor und Leichtigkeit schützen sie vor beruflichen, aber auch seelischen Belastungen auf der Station. „Hier passieren oft Dinge, die ich nicht erklären kann“, sagt Dr. Armbrust. „Babys und besonders die kleinsten hier haben ein unbeschreibliches Gespür. Wenn die Mutter zur Tür rein kommt, ohne ein Wort zu sagen, zeigt der Monitor schon eine ruhigere Herzfrequenz an“. Zum Ende einer sehr langen Schicht blickt Sven Armbrust dem Feierabend entgegen. Endlich. Seine Kollegen erwarten ihn am nächsten Morgen um 7.30 Uhr zur Schichtübergabe.
Stand 14.01.2014 Quelle: NK140111