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Minderjährig und mit Vollrausch in die Klinik

Immer jünger, immer voller – so beschreibt Dr. med. Sven Armbrust, Chefarzt der Neubrandenburger Kinderklinik, seine Patienten in der Notaufnahme. Entgegen dem landesweiten Trend ist die Zahl der jungen Alkoholsünder in Neubrandenburg angestiegen.

Minderjährig und mit Vollrausch in die Klinik

Dr. Armbrust, Chefarzt der Kinderklinik

NEUBRANDENBURG. Am Wochenende ist Hochbetrieb in der Neubrandenburger Notaufnahme. Neben den volljährigen Patienten hängen hier aber auch immer mehr Minderjährige in den Seilen. Zum Beispiel der Junge, der mit schwerer Unterkühlung eingeliefert wurde. Nach übermäßigem Alkoholgenuss ist er einfach im Freien eingeschlafen. Oder das Mädchen, das zu ihrer eigenen Sicherheit fixiert werden musste, bis ihr Vollrausch vorüber war.

„Die Patienten werden immer jünger und immer voller“, fasst der Chefarzt der Neubrandenburger Kinderklinik, Dr. med.Sven Armbrust, zusammen. Im Gegensatz zum landesweiten Trend ist die Zahl der jugendlichen Komasäufer in Neubrandenburg gestiegen. Zwar nur um einen Patient, auf insgesamt 30, aber die Dunkelziffer liegt wohl höher, so Armbrust. Viele jugendliche Patienten werden wegen Folgeerscheinungen einer Alkoholnacht eingeliefert, bekommen so eine andere Diagnose und fallen aus der Statistik heraus. Armbrust weist aber auch daraufhin, dass die Zahlen seit Jahren steigen und fallen.

Dass Jugendliche an ihre Grenzen gehen, sei das eine, sagt Dr. Armbrust. „Ich mache mir Sorgen, dass Kinder mit schweren Rauschzuständen kommen, die keine Reaktion mehr zeigen und wie ein nasser Sack daliegen.“ Bei jungen Menschen reichen schon geringe Mengen Alkohol um schwere Ausfälle hervorzurufen. Während 0,9 Promille bei den meisten Erwachsenen kaum auffällt, können Jugendliche bei diesem Wert schon nicht mehr ansprechbar sein. „Die Abbaumöglichkeiten der Leber sind in diesem Alter noch nicht gegeben“, erklärt Armbrust. Die Abbauwege seien zu unreif, außerdem sei die Leber in diesem Alter nicht durch regelmäßigen Alkoholkonsum trainiert, fasst der Mediziner zusammen.

Sven Armbrust sieht zwei Ursachen für den stärker steigenden Alkoholkonsum von jungen Menschen. Zum einen seien da die Eltern, die ihren Kindern keinen vernünftigen Umgang mit Alkohol beibringen. „Das kommt in allen Familien vor und ist kein Problem einer bestimmten sozialen Schicht“, erklärt der Mediziner. „Es passiert außerdem häufig, dass wir versuchen Eltern zu erreichen und diese nicht einmal wissen, wo sich ihr Kind aufgehalten hat.“

Aber Dr. Armbrust sieht auch die Gesellschaft in der Pf licht: „Wir haben ein klares, einfaches Jugendschutzgesetz, das häufig nicht umgesetzt wird.“ In Deutschland ist es Jugendlichen unter 16 Jahren verboten, Getränke wie Bier und Wein zu kaufen. Getränke ab 37,5 Prozent Alkoholgehalt dürfen erst ab 18 verkauft werden. Es sei die Aufgabe der Händler darauf zu achten, dass diese Vorgaben eingehalten werden, so Armbrust. Die meisten Kassen in Supermärkte sind extra mit Kontrollmechanismen ausgestattet. Werden Alkohol oder Zigaretten über die Kasse gezogen, ertönt ein Tonsignal und die Kasse wird gesperrt. Das Personal muss dann das Alter kontrollieren.

Trotzdem wird Alkohol immer wieder an Minderjährige verkauft. „Ich stand schon oft hinter Jugendlichen an der Kasse, die Alkohol gekauft haben und nicht kontrolliert wurden. Und da war nicht nur Bier dabei, sondern eine Flasche Schnaps.“ In solchen Fällen ist der Chefarzt der Kinderklinik knallhart: Er zeigt die betreffenden Märkte bei der zuständigen Behörde an.

M. Hantschmann

Stand 19.02.2015 Quelle: NK150217