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Wenn Babys durch Schütteln schwer verletzt werden

Es ist oft ein Akt der Verzweiflung – Eltern schleudern und schütteln ihre brüllenden Säuglinge. Die Folgen sind fatal.

Wenn Babys durch Schütteln schwer verletzt werden

Der Neubrandenburger Chefarzt Sven Armbrust

NEUBRANDENBURG/ROSTOCK. Der Säugling ist nicht zu beruhigen. Er brüllt und brüllt. „Babys können auch mal acht Stunden am Stück schreien“, weiß Kinderarzt Sven Armbrust. Das kann Eltern zermürben. „Sie fühlen sich seelisch und körperlich am Ende, wissen einfach nicht mehr weiter“, sagt Armbrust, der als Chefarzt die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum leitet. Manchmal gipfelt der Frust der hilflosen Eltern in einer Situation, die der Chefarzt als „Blackout“ bezeichnet. Sie packen den schreienden Säugling am Brustkorb und schütteln ihn. Das kann fatale Folgen haben.

Der Kopf des Kindes wird beim Schütteln, weil Halteapparat und Muskulatur noch sehr schwach ausgeprägt sind, nahezu ungebremst nach vorne und hinten geschleudert. Dabei prallt das Hirn an die harte Schädelwand. Der Aufprall des Hirns an das Schädelinnere verursacht Schwellungen und Quetschungen. Beim Schütteln können sich auch die Hirnteile gegeneinander verschieben, es kommt zu Gefäßabrissen und Blutungen mit schweren gesundheitlichen Auswirkungen. „Bereits ein kurzes Schütteln kann das Babygehirn irreparabel schädigen und zu schweren körperlichen sowie geistigen Behinderungen führen“, erklärt Armbrust.

Das Risiko einer falschen Anschuldigung
Etwa 100 bis 200 Säuglinge jährlich werden nach Schätzungen von Medizinern mit einem Schütteltrauma in deutsche Kliniken eingeliefert. Ein Fünftel der kleinen Patienten stirbt an den Verletzungen. Zuletzt sorgte im Oktober der tragische Fall eines drei Monate alten Babys auf der Insel Rügen für Schlagzeilen. Das Mädchen war lebensbedrohlich verletzt in der Wohnung der Eltern gefunden worden. Im Greifswalder Universitätsklinikum diagnostizierten die Ärzte bei dem Mädchen auch ein Schütteltrauma. Der 34 Jahre alte Vater steht in Verdacht, dem Säugling die Verletzungen zugefügt zu haben.

„Ein Schütteltrauma ist immer auf eine Kindesmisshandlung zurückzuführen“, erklärt Chefarzt Armbrust. Andere Übergriffe festzustellen, ist für Ärzte aber oft schwierig. Hat ein Kind mit blauen Flecken und Schwellungen nur herum getobt oder wurde es geschlagen? „ Dies herauszufinden, ist oftmals eine Gratwanderung“, sagt dazu der stellvertretende Direktor der Rostocker UniversitätsKinder- und Jugendklinik Carl Friedrich Classen. Auf der einen Seite steht der Schutz Kindes und die Suche nach der Wahrheit – auf der anderen das Risiko einer falschen Anschuldigung. Man müsse sehr behutsam aber zugleich stringent vorgehen, sagt Classen. „Genau zuhören, ist sehr wichtig“, ergänzt sein Kollege Armbrust.

Kommen die Blutergüsse tatsächlich vom Spielen?
Der Neubrandenburger Chefarzt lässt sich von den Eltern zunächst detailliert beschreiben, wie es zu den Verletzungen des Kindes gekommen ist. Klingen die Schilderungen plausibel oder sind sie nur vage und widersprüchlich. „Ein gebrochener Oberarm bei einem sechs Wochen alten Säugling ist definitiv nicht durch ‚Herumracken‘ im Bett erklärlich“, so der Neubrandenburger Kinderintensivarzt. Da müsse nachgehakt und über weitere Untersuchungen abgeklärt werden, ob noch andere Verletzungen vorliegen. Eine ähnliche Vorgehensweise schildert auch Mediziner Classen. Erklärt die Mutter die Rippenbrüche ihres Säuglings mit einem Sturz vom Wickeltisch, ist das „ein Alarmsignal“, weil es sich für einen solchen Sturz um ein eher untypisches Verletzungsbild handele. Ähnlich verhält es sich, wenn Eltern für die Blutergüsse auf dem Gesäß und Rücken ihres Kindes als Ursache einen Unfall beim Spielen angeben.

Bei Verdachtsfällen setzt sich an der Rostocker Klinik eine Arbeitsgruppe aus Kinderärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Kinderkrankenschwestern und Rechtsmedizinern zusammen. Auch das Neubrandenburger Klinikum verfügt über eine spezielle Kinderschutzgruppe. Gibt es eindeutige Hinweise auf eine Kindesmisshandlung, „dann wird neben der Therapie beraten, welcher Weg für Kind und Familie am besten ist“, erklärt Armbrust. Dabei gehe es nicht zwingend um Strafe für die Eltern, sondern darum wie man den Beteiligten helfen kann, dass es nie wieder passiert.

Stand 20.11.2014 Quelle: NK141113