Wirbelbruch mit Zement „repariert“
Neubrandenburger Neurochirurgen nutzen die Kyphoplastie, um nach Frakturen Schmerzen von Patienten mit porösen Knochen zu lindern.
Über eine Nadel gelangt der Ballon zur Bruchstelle. / In den Hohlraum des aufgerichteten Wirbels wird Zement gefüllt.
Schmerzen bestimmten ihren Alltag. Jeden zweiten Tag musste Edeltraud Winter aus Ahrensberg (Mecklenburg-Strelitz) zum Arzt in die Stadt fahren, um sich Spritzen geben zu lassen. „Ich war bereits bei Morphium angelangt“, erzählt die 72-Jährige. Nach einem Sturz hatten Ärzte bei ihr Osteoporose diagnostiziert. Damit teilt sie das Schicksal von 7,8 Millionen Menschen in Deutschland, vorrangig Frauen, die unter porösen Knochen leiden. Oft genügt dann wie bei Edeltraud Winter eine kleine „falsche“ Bewegung und es kommt zum Bruch eines oder mehrerer Wirbelkörper. „Fällt der Wirbel zusammen, bereitet das starke Schmerzen, weil Nerven unter Druck geraten“, sagt PD Dr. Wilfried Schulz, Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg. Folge dieser so genannten Wirbelkörperkompressionsfraktur können außerdem eine Verkürzung und übermäßige Krümmung (Kyphose) der Wirbelsäule sein. Betroffene sind in ihren alltäglichen Aktivitäten behindert, Atemprobleme, Schlafstörungen und Depressionen können auftreten. Mit Medikamenten, Physiotherapie und Sport werden Osteoporose-Patienten in der Regel behandelt. Bei Frakturen wurden bisher zumeist Bettruhe, Analgetika oder ein Korsett verordnet. Schmerzgeplagten kann jetzt zusätzlich ein neues Verfahren helfen, das 1998 in den USA entwickelt und vor zweieinhalb Jahren erstmals in Mecklenburg-Vorpommern von Neurochirurgen am Neubrandenburger Klinikum angewandt wurde. Kyphoplastie nennt sich die Behandlungsmethode, mit der sich Knochenschmerzen lindern oder gar beseitigen lassen. „Sie gehört nicht zur Grundbehandlung bei Osteoporose und kommt nur für einige Patienten in Frage“, stellt Chefarzt Wilfried Schulz klar. Doch die Ergebnisse seien überraschend gut.
Bei dem Eingriff, der unter Röntgenkontrolle erfolgt, schiebt der Arzt über einen ein Zentimeter kleinen Schnitt eine Kanüle zum gebrochenen Wirbel vor. „An deren Spitze befindet sich ein Ballon, der vorsichtig aufgeblasen wird, wobei er den gebrochenen Wirbel wieder aufrichtet“, erläutert Oberarzt Dr. Jamal Assaf. Danach wird der Ballon entfernt und Knochenzement in den im Innern des Wirbelkörpers verbliebenen Hohlraum gefüllt. Er soll den porösen Wirbel stützen.
„Als ich aus der Narkose erwachte, hatte ich zunächst Angst, mich zu bewegen, ich wartete regelrecht auf die Schmerzen – doch sie waren weg und sind es bis heute“, berichtet Edeltraud Winter, der im August am Klinikum gleich zwei Bruchstellen „repariert“ wurden. Einen Tag nach dem Eingriff war sie bereits wieder auf den Beinen. „Nun habe ich also Zement in der Wirbelsäule“, sagt Edeltraud Winter lachend und ergänzt: „Mit der Operation habe ich auch meinen Humor wieder gefunden.“ Mit ihr freut sich Operateur Dr. Assaf. „Die Kyphoplastie trägt dazu bei, die Selbstständigkeit der Patienten zu erhalten“, ist er überzeugt. Zehn Osteoporose-Patienten mit schmerzhaften Wirbelkörperbrüchen wurden bisher in Neubrandenburg nach der minimalinvasiven Methode erfolgreich operiert. Die Kyphoplastie, für die die Krankenkassen die Kosten übernehmen, kann nach Auskunft des Chefarztes auch bei anderen Diagnosen angewendet werden. „So ist der Eingriff bei Knochentumoren möglich. Ebenso nach Frakturen bei älteren Patienten, die nicht an Osteoporose leiden, deren Knochen aber keinem Verschrauben mehr standhalten würden“, sagt Dr. Schulz. „Vorausgesetzt, der Unfall liegt nicht länger als drei Monate zurück. Je früher operiert wird, desto besser.“
