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Durchs Schlüsselloch in die Zukunft

1.000 Operationen finden hier pro Jahr statt. Vor 20 Jahren wurde am Neubrandenburger Klinikum die Klinik für Neurochirurgie gegründet. Mit Chefarzt Dr. Michael J. Fritsch sprach Hartmut Nieswandt

Durchs Schlüsselloch in die Zukunft

Im Operationssaal: Chefarzt Dr. Michael J. Fritsch (links) und Assistenzärztin Daniela Lange.

Aus welchen Gründen war vor 20 Jahren die Zeit reif für die Gründung einer Klinik für Neurochirurgie?
Das Klinikum wäre ohne die Neurochirurgie irgendwann wie ein Tisch mit drei Beinen gewesen – der steht zwar, ist aber nicht besonders stabil. Damals war das Klinikum bereits ein großes Versorgungskrankenhaus. Und zu diesem Konzept, dieser Vielfalt gehört unbedingt die Neurochirurgie. Das wurde damals richtig erkannt und umgesetzt.
Menschen mit welchen Erkrankungen kann durch die Neurochirurgen geholfen werden?
Menschen mit Erkrankungen des Gehirns, der Schädelbasis, des Rückenmarks, der Wirbelsäule und der Nerven. Alles, was in diesen Fällen chirurgisch behandelt werden muss, ist unsere Domäne.
Woran leiden Patienten vor allem, die in Ihre Klinik kommen?
Dazu zählen Tumorerkrankungen, Blutungen, degenerative Abnutzungen der Wirbelsäule, Verletzungen des Gehirns, der Wirbelsäule und des Rückenmarks und Fehlbildungen.
Und auf welchen Wegen kommen die Patienten zu Ihnen?
Über die Notfallaufnahme des Klinikums, durch die Übernahme von Patienten aus anderen Kliniken unseres Hauses, zum Beispiel der Klinik für Neurologie. Und durch die so genannte prästationäre Ambulanz. Das betrifft Patienten, die der Hausarzt schickt. Wir prüfen dann, ob eine Operation dieser Patienten notwendig und sinnvoll ist.
Wie viele Operationen haben Sie in Ihrer Klinik pro Jahr zu bewältigen, wo liegen die Schwerpunkte?
Es sind insgesamt knapp 1000. Schwerpunkte sind Tumoroperationen am Gehirn und Eingriffe bei der Abnutzung der Wirbelsäule – wenn Spritzen und die Physiotherapie nicht mehr weiterhelfen. Weiterhin möchte ich noch Operationen bei Wasserkopf und solche mit Hilfe der Schlüsselloch-Chirurgie am Gehirn, an der Schädelbasis und an der Wirbelsäule nennen.
Mit Blick auf das zuletzt genannte: Modernste Technik spielt also auch in Ihrer Klinik eine Rolle.
Natürlich. Neurochirurgie ist ein hochtechnisiertes Fachgebiet mit einer rasanten Entwicklung. Ein Beispiel: Wir haben ein hochmodernes Mikroskop, das uns Untersuchungen während der Operation ermöglicht. So können wir während eines Eingriffs an einem Blutgefäß am Gehirn in eben diesem Gefäß den Grad der Durchblutung kontrollieren, was sehr hilfreich ist. Nennen möchte ich auch die Neuronavigation. Mit einem Navi vergleichbar wie im Auto können wir uns so bei komplizierten anatomischen Situationen zum Beispiel im Gehirn millimetergenau orientieren. Jeder Millimeter Treffgenauigkeit kann entscheidend dafür sein, wie es dem Patienten nach der Operation geht.
Zum Thema Zukunft in der Neurochirurgie: Was könnte moderne Gerätetechnik alles möglich machen?
Da gibt es viele interessante Entwicklungen, wir erproben verschiedene Dinge. Zum Beispiel das telemetrische Hirndruckmessen von außen – ohne Kabel oder Schlauch, nur mit einem Sensor. Der Hirndruck hat einen Normalwert. Bei Erkrankungen wie dem Nervenwasserstau kann sich der Druck extrem erhöhen, das kann lebensgefährlich werden. Der Patient hat die Möglichkeit, dieses Messgerät mit nach Hause nehmen und allein zu messen – so ähnlich wie bei mobilen Blutdruck-Messgeräten, die schon seit längerem bekannt sind.
Sicher sind ebenfalls die so genannten SchlüssellochTechnologien auch in Zukunft ein wichtiges Feld.
Ja, es wurde eine Stabilisierungsoperation an der Wirbelsäule mittels dieser Technologie entwickelt. Bis jetzt war es so, dass wir mit einem Hautschnitt von rund 12 Zentimetern die Wirbelsäule zur Operation freilegten. Nach der neuen Methode sind noch vier kleine Hautschnitte von je acht Millimetern Länge notwendig. So hat der Patient weniger Schmerzen, weniger Blutverlust und ein geringeres Infektrisiko. Außerdem verheilt alles schneller. So zeigt auch dieses Beispiel: Unsere Arbeit kann noch schneller, besser und effektiver werden.
Die Klinik für Neurochirurgie in Neubrandenburg besteht jetzt seit 20 Jahren. Ist dieser Anlass ein Grund zum Feiern?
Wir veranstalten aus diesem Anlass ein wissenschaftliches Symposium, auf dem es um die Entwicklung der Klinik, den Stand der Dinge und die Herausforderungen der nächsten Jahre geht.
Wie sind Sie zur Neurochirurgie gekommen, das ist ja nicht Bestandteil des Studiums.
Einerseits wollte ich als Mediziner schon immer handwerklich arbeiten. Und andererseits hatte ich eine sehr gute Anatomieausbildung bezüglich des Gehirns während meines Studiums. so sind beide Interessen zusammen gekommen.
Wo haben Sie studiert und schließlich gearbeitet, bevor Sie vor rund zwei Jahren an das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg kamen?
Ich stamme aus Berlin-Treptow und habe Medizin an der Charité studiert. Meine Arbeit führte mich unter anderem in die Vereinigten Staaten sowie nach Kiel und Greifswald.
Jetzt nach Neubrandenburg. Wie gefällt es Ihnen hier?
Ich arbeite gern hier mit meinem Team. Meine Frau redet im Zusammenhang mit Neubrandenburg immer vom Angekommensein. Das geht mir ganz genau so, wir haben hier unseren Platz gefunden.
Stand 16.09.2013 Quelle: NK130905