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Patient plaudert über Musik während der Tumoroperation

Erste Wach-Kraniotomie in der Klinik für Neurochirurgie – Gratwanderung für Anästhesie

Wie viele Jahreszeiten gibt es? Nennen Sie drei Blumen! Zählen Sie in Zweierschritten! Was sich wie ein Wissenstest anhört, ist ein Gespräch im OP-Saal. Geführt zwischen einer Logopädin (Sprachtherapeutin) und einem Patienten. Während dieser sich auf die Antworten konzentriert, wird hinter einem blauem Tuch aus seinem Gehirn ein Tumor entfernt. Bei vollem Bewusstsein.

Zum ersten Mal am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum operiert Neurochirurg Dr. med. Michael J. Fritsch einen Patienten mit Hirntumor im Wachzustand. Wach-Kraniotomie nennen Ärzte diesen Eingriff. „Manchmal befinden sich Tumore in Bereichen des Gehirns, die wichtige Funktionen wie Bewegung oder Sprache steuern, so genannte eloquente Gehirnbereiche“, erläutert Dr. Fritsch, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie. Sprachdefizite oder Kraftminderung in Armen und Beinen können dann bereits zur Zeit der Diagnose auftreten. Auch bei der Operation sei das Risiko für neurologische Defizite hoch. „Mit der Wach-Kraniotomie ist es uns möglich, so viel Tumor wie möglich zu entfernen und dabei das eloquente Areal so gut wie möglich zu schonen“, sagt der Neurochirurg. Der 44-jährige Patient war bereits vor zehn Jahren wegen eines Hirntumors operiert worden. Die Geschwulst konnte nicht vollständig entfernt werden. Nun drohte sie, auf das Sprachzentrum überzugreifen, wie die MRT-Aufnahmen zeigten. Ärzte und Patient entschieden sich für die Operation im Wachzustand, die radikalste Tumorentfernung bei bestmöglichem Erhalt aller Funktionen. Gemeinsam bereiteten sie sich auf den Eingriff vor. „Wir haben viele Gespräche zur Aufklärung geführt“, sagt Dr. Fritsch. Diese Operation sei eine völlig neue Situation für alle Beteiligten – für den Operateur, die OP-Schwester und den Anästhesisten ebenso wie für den Patienten. Dieser wird während der Entfernung der Geschwulst wach sein. Im OP-Raum ist es ruhig. Positive Anspannung nennt es Oberarzt Matthias Müller-Fritz. Der Neurologe hat den Patienten bisher betreut und hält nun seine Hand. Später reicht er auf Wunsch Wasser zum Trinken. Gemeinsam mit Logopädin Dr. paed. Andrea Levenhagen begleitet er die OP, um zum Beispiel Veränderungen in der Sprachverarbeitung frühzeitig zu erkennen. Aber auch um den Patienten zu beruhigen, wenn er Sorgen hat.

Der Kopf des Patienten ist mit der so genannten Mayfield-Klemme wie in einem Schraubstock fixiert. Der Schädel ist geöffnet, die schmerzempfindliche Hirnhaut ebenfalls. Das Gehirn selbst, Sitz der Schmerzverarbeitung, ist berührungsunempfindlich. Und so spürt der Patient auch nichts, als Neurochirurg Dr. Fritsch das Tumorgewebe zu entfernen beginnt. Der 44-Jährige beantwortet statt dessen zügig die Fragen, die er bereits vor der Operation mit der Logopädin durchgesprochen hat: Wo steht der Eiffelturm? Ist eine Zitrone süß oder sauer? Zwischendurch muss er immer mal wieder die Nase rümpfen, den Mund spitzen, die Daumen bewegen. Alles in Ordnung, auch mit der Motorik! Dann wiederum plaudert der Patient mit der Logopädin über seine Lieblingsmusik und seinen Hobbyraum. Ganz entspannt, wie auf dem Sofa zu Hause. Dem Chef-Anästhesisten Dr. med. Knut Mauermann ist die Gratwanderung gelungen. Der Patienten ist angst- und schmerzfrei und dennoch in der Lage, mit Arzt und Therapeutin zu kommunizieren. Eingesetzt hat der erfahrene Anästhesist für diese besondere Operation neben anderen Anästhetika ein neues Medikament mit dem Wirkstoff Dexmedetomidin zur Sedierung. Ganz niedrig dosiert bringt es zusammen mit einem starken Opioid-Analgetikum die erwünschte Wirkung: Beruhigung, Schmerz- und Angstfreiheit statt Narkose-Schlaf. Ansonsten überwachen Anästhesist und Anästhesieschwester Blutdruck, Atmung, Sauerstoffgehalt im Blut und Herzrhythmus – alles wie bei einem Patienten in Vollnarkose.

„Wir kommen gut voran“, sagt Dr. Fritsch, der am Operationsmikroskop konzentriert arbeitet. „Danke. Mir geht es gut“, erwidert der Patient klar und deutlich. Damit ihm das Sprechen nicht zu schwer fällt, wird ihm zwischendurch immer wieder die Wasserflasche mit dem Trinkröhrchen gereicht. Nach dreieinhalb Stunden nähert sich die Operation ihrem Ende. „Jetzt werde ich sehr müde“, sagt der Patient. Auch er hat eine Schlacht geschlagen.

Einen Monat später, zur Nachuntersuchung in der Ambulanz der Klinik für Neurochirurgie, kann sich der Mann an diesen gemeinsamen „Feldzug“ gegen den Tumor kaum noch erinnern. „Von der ganzen Operation ist mir vielleicht eine halbe Stunde bewusst“, erzählt der lebhafte 44-Jährige. Beim Sprechen hat er keinerlei Probleme. Und auch sonst fühle er sich gut, versichert er.

Zufrieden ist auch Neurochirurg Dr. Fritsch. „Die Operation ist ein Beispiel für gute interdisziplinäre Zusammenarbeit“, sagt er. Wo es möglich und sinnvoll ist, will er auch künftig Patienten im Wachzustand operieren. Bei 350 Operationen am Gehirn im Jahr werden es vermutlich fünf Wach-Kraniotomien jährlich am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum sein.

Cornelia Langbecker

Stand 28.02.2013