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Telemetrische Hirndruckmessung

Mehr Lebensqualität durch kleines Implantat

Telemetrische Hirndruckmessung

R. Reimann und Dr. M. Fritsch

„Ich habe einen härteren Schädel als die meisten anderen“, sagt Romano Reimann augenzwinkernd. Mehrere Operationen hat der 20-Jährige aus Greifswald schon hinter sich. Seitdem ihm Neurochirurgen am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum ein Funkimplantat zur Übermittlung der Hirndruckdaten einsetzten, sollen ihm künftig Operationen weitestgehend erspart bleiben. Er ist der erste Patient, dem Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern diesen winzigen Sensor implantierten.

Bereits mit vier Jahren wurde bei Romano Reimann ein Hirntumor festgestellt und operativ weitgehend entfernt. „Zum Glück gutartig“, sagt der junge Mann. Folge der Tumorerkrankung war ein Hydrocephalus, im Volksmund Wasserkopf genannt. „Die Krankheit ist gar nicht so selten. Sie entsteht in der Regel, wenn mehr Hirnflüssigkeit (Liquor) gebildet wird, als abfließen kann, oder wenn der Abfluss blockiert ist. Dies führt zu einem Druckanstieg und somit zu einer Erweiterung der inneren Hirnkammern“, erläutert PD Dr. med. Michael J. Fritsch, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie in Neubrandenburg. Wird der Druck zu hoch, können Betroffene neben Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen auch unter Müdigkeit, Gangstörungen, Inkontinenz oder Demenz leiden. Um das zu verhindern, wird Hydrocephalus-Patienten häufig ein so genanntes Shunt-System implantiert: Über einen dünnen Silikonschlauch wird die überschüssige Hirnflüssigkeit abgeleitet, zum Beispiel in den Bauchraum. Das reduziert den Hirndruck. Reguliert wird dieser dann über ein kleines Ventil hinter dem Ohr des Patienten. Funktioniert dieses System allerdings nicht richtig, können die Beschwerden wieder auftreten. „Die individuelle Einstellung des optimalen Ventilöffnungsdrucks erweist sich bei manchen Patienten als schwierig“, sagt Dr. Fritsch.

Auch der Greifswalder Azubi litt erneut unter Kopfschmerzen und Erbrechen. Zum Jahreswechsel kamen dann auch noch Probleme mit den Augen hinzu, wie er erzählt. Eine „Stauungspapille“ wurde diagnostiziert. „In solchen Situationen wissen wir Ärzte oft nicht, was wirklich los ist“, beschreibt Neurochirurg Michael Fritsch das Problem. Eine sichere Analyse des Hirndrucks war bisher nur durch eine Operation möglich. Für einige Patienten bedeutete dies einen Operations-Marathon. „Als mir die Neubrandenburger Neurochirurgen im Januar vorschlugen, eine Telemetriesonde zu implantieren, die den Hirndruck zuverlässig messen und die Daten senden kann, habe ich darum nicht lange überlegt“, sagt Romano Reimann. Der lebenslustige 20-Jährige, der in der Freizeit gern Bassgitarre spielt und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist, erhofft sich von dem einen Zentimeter kleinen Implantat mehr Lebensqualität.

Den Sensor zur Druckmessung und die Antenne zur Datenübertragung haben die Neurochirurgen während einer Operation in das liegende Shunt-System integriert. Über ungefährliche Funkwellen werden die Messdaten durch die Haut gesendet und von einem Lesegerät erfasst. Ist der Hirndruck tatsächlich zu hoch oder zu niedrig, kann der Arzt das Ventil am Shunt-System stärker öffnen oder schließen, ohne einen neurochirurgischen Eingriff vornehmen zu müssen. „Die telemetrische Hirndruckmessung funktioniert sehr gut. Bei unserem jungen Patienten konnten wir so von einer weiteren Operation absehen“, zeigt sich der Neubrandenburger Neurochirurg zufrieden. Wie zum Beweis legt Romano Reimann die Messschleife an seinen Kopf und guckt auf das Kästchen am Bett. „6 mm Hg – das ist gut“, erläutert er fast fachmännisch. „In Zukunft werden Patienten dieses Gerät vielleicht mit nach Hause nehmen können und selbst ein Messprotokoll führen – ähnlich wie es beim Blutdruckmessen schon Praxis ist“, hofft Dr. Fritsch.

Stand 15.06.2012