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Die Sprache wiedergefunden

SCHLAGANFALL Schnelles Handeln garantiert beste Behandlungserfolge. Ein Aktionstag in Neubrandenburg will den Blick auch auf die anschließende Rehabilitation lenken.

Die Sprache wiedergefunden

Schlaganfall-Patienten, die innerhalb von viereinhalb Stunden in eine Spezialstation eingeliefert werden, haben die größten Überlebenschancen. FOTO: DPA

NEUBRANDENBURG (NK). Es traf sie wie ein Schlag aus heiterem Himmel. AmVortag hatte LisaM. (*) noch imGartenMöhren gesät. „Ich fühlte mich wohl“, sagt die sportliche 72Jährige. Doch dann brach sie am nächsten Morgen plötzlich im Badezimmer zusammen. Schlaganfall diagnostizierte der Notarzt. Den hatte ihr Mann über den Notruf 112 umgehend gerufen. So kam Lisa M. rechtzeitig in die Klinik.

„Ein Schlaganfall ist stets ein Wettlauf mit der Zeit. Mit jeder Minute sterben Gehirnzellen ab“, sagt der Neubrandenburger Neurologe Dr. Torsten Rehfeldt. Der Schlaganfall ist zweithäufigste Todesursache in Deutschland und häufigste Ursache für erworbene Behinderungen im Erwachsenenalter. „Kommt der Patient innerhalb der ersten viereinhalb Stunden auf unsere Station, haben wir die größten Chancen, das Gerinnsel, das die Blutgefäße im oder zum Gehirn verstopft, aufzulösen“, sagt der Neurologe. Wird das Gehirn wieder rechtzeitig mit Sauerstoff versorgt, kann die Gefahr von Schädigungen gebannt oder verringert werden.

Dr. Rehfeld ist Oberarzt der Stroke Unit, einer Spezialstation für Schlaganfallpatienten, am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. Mehr als 180 dieser spezialisierten Einrichtungen gibt es bundesweit. Außer in Neubrandenburg befinden sich zertifizierte Schlaganfallstationen in Mecklenburg-Vorpommern in Rostock, Greifswald und Plau am See. Regionale Zentren arbeiten auch in Güstrow und Stralsund. Stroke Units stehen für ein modernes Konzept der Schlaganfallbehandlung mit gründlicher Diagnose, neuesten Therapien und Rund-um die Uhr-Überwachung des Patienten. „Wir arbeiten in einem interdisziplinären Team“, erläutert Dr. Rehfeldt. Das ermögliche verschiedene Behandlungsansätze. Ist ein Gefäßverschluss die Ursache für den Schlaganfall und eine Hirnblutung ausgeschlossen, können Ärzte das Blutgerinnsel mit Hilfe einer Thrombolyse auflösen. Dabei erhält der Patient das Medikament über einen Tropf. Im Einzelfall kann der Neuroradiologe das Medikament aber auch über einen Katheter direkt an das Gerinnsel spritzen. Oder es wird ein Stent eingesetzt, der die zum Gehirn führende Schlagader offenhält.

Parallel zur medizinischen Intensivtherapie beginnen bereits am ersten Tag speziell geschulte Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten mit rehabilitativen Übungen. „Wenn der Allgemeinzustand des Patienten stabilisiert ist, sollte die Reha möglichst früh einsetzen, um neurologischen Ausfällen wie zum Beispiel Lähmungen und Sprachstörungen entgegenzuwirken“, sagt Dr. Rehlfeldt. Das Gehirn könne sofort umzulernen: Andere Hirnregionen übernehmen die Aufgaben geschädigter Bereiche und kompensieren neurologische Ausfälle.

„Ich musste alles wieder neu lernen, selbst das Schlucken“, erzählt Lisa M, die einseitig gelähmtwar, als sie in der Klinik wieder zu sich kam. Ärzte, Familie und Freunden sprachen ihr Mut zu. Doch die bis dahin lebenslustige Frau war zunächst nur traurig, haderte mit ihrem Schicksal. „Plötzlich war ich völlig hilflos. Ich konnte nicht sprechen, nicht gehen, meine linke Hand war wie ein Fremdkörper“, erzählt die Seniorin.

Immer wieder muss sie beim Sprechen Pausen einlegen. „Aber ich habe meine Sprachewiedergefunden“, freut sich Lisa M. Dafür ist sie der Logopädin Dr. Andrea Levenhagen dankbar. „Sie hat mich aus meinem Tief herausgeholt“, sagt Frau M..

Logopäden behandeln Schluckstörungen, Sprach-, Artikulations- und Stimmstörungen. „Wir arbeiten dabei mit Ärzten, Schwestern, Pflegern und anderen Therapeuten eng sehr eng zusammen, sagt Dr. Levenhagen. „Eine exakte Diagnostik und die ständigen Rückkopplungen im Team zum Sprachgebrauch des Patienten helfen mir, herauszufinden, mit welchen rehabilitativen Maßnahmen ich ihm am besten helfen kann, wobei er das Therapieziel mitbestimmt.“ Dabei gehe es zunächst gar nicht so sehr darum, jedes Wort deutlich zu artikulieren.

„Schlaganfall-Patienten haben oft große Angst, nicht mehr verstanden zu werden, sich nicht unterhalten zu können. Wir helfen ihnen, die kommunikativen Fähigkeiten alltagsorientiert zu verbessern, wieder aufzubauen oder Kompensationstechniken zu nutzen, damit Sprachlosigkeit möglichst gar nicht erst entsteht“, erläutert die Logopädin, die auch Angehörige berät. „Ehepartner oder Kinder sind oft dankbar, wenn wir ihnen zeigen, wie sie dem Sprech- oder Sprachgestörten die Kommunikation erleichtern können“,weiß die Logopädin.Wenn erforderlich, gebe es auch Tipps zur Nahrungszubereitung, was wichtig bei Schluckstörungen ist.

Lisa M. kann drei Wochen nach dem Schlaganfall wieder gehen und sich verständigen, wenn auch noch mit Mühen. In einer Reha-Klinik in Feldberg bereitet sie sich auf ihre Rückkehr in den Alltag vor. „Die Anschlussrehabilitation klappt in der Regel gut. Wünschenswert wäre, wenn auch danach die Reha-Kette nicht abreißt“, sagt Dr. Rehfeldt. Je nach Schwere des Schlaganfalls würden Patienten weiterhin Behandlungen brauchen, um zum Beispiel die Feinmotorik oder das Sprechen zu trainieren, um ihre Selbstständigkeit weitestgehend zurückzuerlangen. Darüber will das Team der Stroke Unit während eines Schlaganfall-Aktionstages am 17. Mai aufklären.

Lisa M. hofft, dass sie eines Tages wieder Sport treiben und Rad fahren, Blumen pflanzen und von Gartenfrüchten Marmelade kochen kann. „Ich habe den festen Willen“, sagt sie leise, aber bestimmt. Die Adressen von Therapeuten in ihrem Heimatort hat sie sich bereits geben lassen.

  • Name geändert

Der Rehabilitation nach einem Schlaganfall widmet sich der 6. Schlaganfall-Aktionstag am 17. Mai 2011 ab 15:30 Uhr in der BethesdaKlinik am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. Das Team der Stroke Unit der Klinik für Neurologie lädt Patienten, Angehörige, Hausärzte, Pflegedienste und andere Interessierten ein. Angeboten werden auch ein individueller Risikotest, Aufklärung über Symptome und Verhalten beim Schlaganfall. Vorträge zur Rehabilitation sind ab 16:30 Uhr vorgesehen.

Stand 18.05.2011 Quelle: NK110516