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Zeit ist Hirn beim Schlaganfall

Es ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Doch für Betroffene besteht Hoffnung: Die Katastrophe ist behandelbar – wenn der Patient schnell genug die Klinik erreicht. Ein Besuch in einer Spezialstation.

Zeit ist Hirn beim Schlaganfall

Torsten Rehfeldt überwacht die Gesundheit seiner Patienten auch mit solchen Monitoren. Mehr als 900 Patienten landen pro Jahr in der Schlaganfall-Station Neubrandenburg, sie sind im Durchschnitt 74 Jahre alt.

NEUBRANDENBURG. Es beginnt im rechten Arm. Die 46 Jahre alte Frau aus einem Ort in der Nähe von Neubrandenburg hat keine Kontrolle mehr über ihn, er fühlt sich seltsam an, ganz anders als gewohnt. Zwei Stunden später klappt auch das Sprechen nicht mehr richtig. Der Ehemann ruft den Notarzt – keine Sekunde zu früh. Um 11.35 Uhr trifft die Patientin im Neubrandenburger Klinikum ein und wird untersucht. Um 12 Uhr, dreieinhalb Stunden nachdem die ersten Symptome aufgetreten sind, liegt sie in der Schlaganfall-Station und wird behandelt.

„Das war definitiv ein Schlaganfall“, befindet Dr. Torsten Rehfeldt wenige Tage später. Der leitende Oberarzt und Leiter der SchlaganfallStation im Dietrich-BonhoefferKlinikum erinnert sich an den Fall. Am Morgen nach der Behandlung, erzählt er, merkte man bis auf die etwas stockende Sprache der Patientin wenig von dem Unglück. Neun Tage nach ihrer Einlieferung soll die Patientin die Klinik verlassen. „Wir sind weiter als vor 25 Jahren“, sagt Torsten Rehfeldt. „Wir machen nicht nur Rehabilitation, wir können den Schlaganfall auch behandeln.“

Bei einem Schlaganfall fallen Teile des Gehirns aus, weil sie nicht mehr richtig durchblutet werden. Hauptursache dafür sind Blutgerinnsel, die Arterien verstopfen – so auch bei der 46-jährigen Patientin. Die Frau hatte aber Glück im Unglück: Sie erfüllte die Voraussetzungen für eine Behandlung, bei der das Blutgerinnsel mit Medikamenten aufgelöst wird. Das ist nicht immer möglich, nur etwa zehn Prozent der eingelieferten Patienten kann die Neubrandenburger Spezialstation auf diese Weise behandeln. Eine der Voraussetzungen dafür ist, dass die Betroffenen innerhalb von viereinhalb Stunden nach Auftreten der ersten Symptome in der Klinik landen. „Zeit ist Hirn“ – so lautet die goldene Formel der Schlaganfall-Behandlung.

Die Neubrandenburger Schlaganfall-Station ist eine von sieben solchen Stationen in Mecklenburg-Vorpommern, eine weitere befindet sich im brandenburgischen Eberswalde. Sie alle sind als sogenannte Stroke Units zertifiziert. Das heißt, sie erfüllen bei der Behandlung von Schlaganfällen besondere Maßstäbe.

Äußerlich betrachtet ist die Neubrandenburger Spezialstation ein unspektakulärer Ort: der gleiche Linoleumfußboden, die gleichen Raufasertapeten, die gleichen Krankenbetten wie überall sonst in der Klinik. Das Besondere hier ist – neben der fachlichen Kompetenz bei Schlaganfällen – die intensive Betreuung der Patienten. Bis zu acht von ihnen können in den ersten 72 Stunden genau überwacht werden, damit Blutdruck, Körpertemperatur und Blutzucker sich immer im optimalen Bereich befinden.

Normalerweise werden die Patienten nach durchschnittlich zwei Tagen auf der Stroke Unit in eine normale Station verlegt. In der Neubrandenburger Schlaganfall- Station stehen acht weitere Betten bereit, in denen Patienten nach der akuten Phase versorgt werden. Das Ziel von Torsten Rehfeldts Team ist es, sie auf diese Weise möglichst umfassend zu betreuen – bis sie nach etwa einer Woche wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Vielen geht es dann nicht so gut wie der 46-jährigen Patientin, deren Ehemann schnell genug reagierte. „Trotz erfolgreicher Behandlung bleiben oft Restsymptome bestehen, die sich nur durch eine langfristige Reha bessern lassen“, so Torsten Rehfeldts Erfahrung.

Wie gefährlich der Schlaganfall ist, zeigen Statistiken der Stiftung Deutsche Schlaganfall Hilfe. Demnach sterben rund 20 Prozent der Schlaganfall-Patienten innerhalb von vier Wochen. Innerhalb eines Jahres nach dem Schlaganfall ist jeder dritte Patient tot.

Nach einem Schlaganfall ist ein starkes soziales Netz besonders wichtig – das bieten unter anderem Selbsthilfegruppen. Wer an der Einrichtung einer solchen Gruppe im Raum Neubrandenburg interessiert ist, kann sich bei der Selbsthilfekontaktstelle Neubrandenburg melden unter Telefon 0395 5603955.

Stand 09.05.2014 Quelle: NK140424