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Arbeit und privat in Klinik im Einklang

BERUFSLEBEN Ein Jahr lang ließ sich die orthopädische Klinik auf Familienfreundlichkeit testen. Vor allem die Ärzte waren am Ende überrascht.

Arbeit und privat in Klinik im Einklang

Blick ins Arbeitszimmer der Schwestern: Renate Nützmann (l.) und Christin Bieck beim Sichten der Patientenunterlagen.

VON CHRISTINA WEINREICH ALTENTREPTOW. Schwester Ines Granzin ist ehrlich: Wenn sie in ein anderes Krankenhaus wechseln sollte, dann müsste der neue Arbeitgeber schon mit kräftigem materiellem Anreiz locken. Wegen des Betriebsklimas würde sie nie ihren Arbeitsplatz in der Klinik für Orthopädie am Klosterberg in Altentreptow aufgeben. Das Haus gehört zum Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum (DBK) in Neubrandenburg. Schwester Ines ist seit 1994 in der Orthopädie tätig, seit 2003 ist Altentreptow ihr Arbeitsort. Derzeit bildet sie sich zur Stationsleiterin weiter. Das bedeutet, einmal im Monat eine Woche lang die Schulbank zu drücken. Den Lehrgang bezahlt das Klinikum, sie muss für die Fahrkosten und die Unterbringung aufkommen. In ihrem Lehrgang gebe es viele, die alles allein bestreiten müssten, berichtet die 39-Jährige und ist mittendrin im Thema „Betriebsklima“.

Dass nicht nur Schwester Ines das Arbeitsklima als sehr zufriedenstellend einschätzt, belegt eine Untersuchung, die das Institut für Sozialforschung und berufliche Weiterbildung (ISBW) in Neustrelitz in der orthopädischen Klinik anstellte. Es war über ein Jahr lang im Hause in Altentreptow anwesend und hat dabei alle Mitarbeiter, von Schwester über Arzt bis hin zum Lehrling, sehr detailliert und anonym befragt. Der Fragenkatalog erstreckte sich über fünf DIN-A-4 Seiten und musste im Laufe der Untersuchung auch überarbeitet werden. In der Erhebung sollte geprüft werden, wie familienorientiert in einem Haus gearbeitet werden kann, in dem 90 Prozent der Beschäftigten weiblich sind und in den Operationssälen nicht nur von 8 bis 14 Uhr gearbeitet wird. Fragen nach Wünschen für mehr Familienorientierung waren selbstverständlich Bestandteil der Untersuchung.

Schon bevor das ISBW Dauergast in der Orthopädie wurde, zeigte das Klinikum Herz für seine Mitarbeiter. Die Liste der Angebote, die es seinen Beschäftigten offeriert, ist enorm und in der Arbeitswelt 2009 keineswegs Normalität: Der Service für Familien schließt die Reservierung von Kita-Plätzen (nur in Neubrandenburg) ebenso ein, wie die Hilfe bei der Wohnungssuche, abwechslungsreiches Essen in der Betriebskantine und betriebliche Urlaubsangebote. Rückkehrvereinbarungen, neuerdings auch Kontakthalteprogramme für Elternzeitler, Kinderzuschlag für schulpflichtige Kinder, Jobtickets für Nahverkehr (nur Neubrandenburg), 250 Euro Begrüßungsgeld für Kinder von Mitarbeitern (nach der Untersuchung eingeführt), Weiterbildungsangebote, Förderung von Vaterschaftsurlaub, Personalentwicklungsgespräche und zig Arbeitszeitmodelle, der Katalog, mit dem das Klinikum Mitarbeiter wirbt und auch hält, ihnen Zufriedenheit verschafft, liest sich spannend.

Auch in der Orthopädie wird im Schichtsystemgearbeitet, die Mitarbeiter reisen täglich unter anderem aus Greifswald, Neubrandenburg, Stralsund und Stavenhagen an. Aufgrund der medizinischen Ausrichtung des Klinikums wird in diesem Sektor körperlich besonders schwer gearbeitet.

Als die Ergebnisse der Untersuchung im Spätherbst 2008 vorgestellt wurden, waren vor allem die Ärzte etwas überrascht. Im Operationsbereich beschäftigte Schwestern wünschten sich pünktlichen Arbeitsschluss. „Wer niemanden zu Hause hat, der das Kind aus der Kita abholen konnte, für den wurde es problematisch, wenn er plötzlich länger im Saal stand, als am Morgen noch geplant“, erzählt Schwester Ines. Diese Sorge ist den Mitarbeitern genommen. Nach dem Bekanntwerden der Schwachstellen wurden diese beseitigt. Heute ist in einem der beiden OP-Säle pünktlich Feierabend, man wird nicht mehr unruhig, wenn das Kita-Ende naht. „Defizite, die mit der Befragung ans Tageslicht kamen, wurden relativ schnell beseitigt“, berichtet die Schwester.

Dass so familienfreundlich gearbeitet werden kann, da ist sie sich sicher, habe auch etwas mit der überschaubaren Größe des Hauses am Klosterberg zu tun. Es sei aber auch ein schönes Gefühl, zufrieden zur Arbeit fahren zu können. Letztlich profitierten auch die Patienten davon. Und das Klinikum: Ein gutes Klima zieht Fachkräfte an und bindet sie. Ein gläsernes Zertifikat erinnert heute daran, dass das ISBW in der Klinik war. Es steht dafür, dass hier Erwerb und Privatleben keine unüberwindbaren Gegensätze bilden, sondern durchaus sehr gut miteinander vereinbar sind. Chefetagen und Beschäftigte müssen nur bereit sein, sich einem ehrlichen Dialog zu stellen.

Studie in Zahlen und Fakten

In der Klinik für Orthopädie kümmern sich rund 100 Mitarbeiter um das Wohl der Patienten, davon sind 90 Prozent Frauen.

Altersstruktur

  • 19 bis 25 Jahre - 7 %
  • 26 bis 32 Jahre - 3 %
  • 33 bis 39 Jahre - 17 %
  • 40 bis 49 Jahre - 56 %

66 Prozent haben Kinder

  • bei 50 % sind die Kinder über 18 Jahre
  • bei 14 % sind die Kinder im Grundschulalter
  • bei 7,1 % zwischen 0 und 3 Jahren

13,3 Prozent haben einen pflegebedürftigen Angehörigen zu Hause.

FOTO: WEINREICH

Stand 02.03.2009