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Auf einmal fängt Opa an zu trinken

Wieder macht Großmutter so einen komischen Eindruck, hat sie auch heute zur Flasche gegriffen? Zeit ihres Lebens war sie für Alkohol eher nicht zu haben. Kann es sein, dass sie jetzt als reife Frau davon abhängig wird? Sucht im Alter ist ein Thema, das Angehörige, Therapeuten und Mediziner beschäftigt. Mit Dr. Rainer Kirchhefer, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums, sprach Hartmut Nieswandt darüber.

Auf einmal fängt Opa an zu trinken

Dr. Rainer Kirchhefer

Kann ein Schicksal, wie ich es zu Anfang unseres Gesprächs konstruiert habe, in Wirklichkeit passieren?
Durchaus. Von den älteren Alkoholabhängigen kommt etwa ein Drittel erst im höheren Lebensalter zur Sucht. Wie bei den Jüngeren sind Männer stärker betroffen als Frauen.
Gibt es Zahlen?
Ja, die sind aber unterschiedlich. Ich stütze mich auf folgende: 3,1 Prozent aller über 65-jährigen Männer sind alkoholabhängig. Bei den Frauen sind es 0,5 Prozent. Zum Vergleich: In der Altersgruppe der 18 bis 29-jährigen Männer sind es 17 Prozent.
Wenn junge Leute bedenkenlos zu tief ins Glas gucken und abhängig werden, passt das irgendwie ins Bild. Aber warum kommen ältere, gestandene Menschen zur Sucht?
Zum Beispiel, weil sich ihr Leben verändert. Sie gehen in die Rente, die Arbeit als stabilisierenden Faktor gibt es nicht mehr. Soziale Kontakte gehen verloren, der Tod des Partners macht schwer zu schaffen, viele Menschen sind eigenen Erkrankungen und ihrer Einsamkeit ausgesetzt. Wem es nicht gelingt diese Umbrüche zu meistern und dann vermehrt Alkohol trinkt, hat ein erhöhtes Risiko, abhängig zu werden.
Wie kann diese Sucht aussehen? Wie Komasaufen wohl nicht.
Nein, das Trinkverhalten ist anders, weniger auffällig. Trink-Exzesse treten kaum auf, ältere Menschen trinken selten in der Öffentlichkeit, eher heimlich, still und leise zu Hause, und das regelmäßig.
Alkoholabhängigkeit ist ein Thema, das Betroffene lieber unter der Decke halten. Ist das bei älteren Menschen anders?
Im Gegenteil, bei den Themen Trinken und Alkohol ist das Schamgefühl bei Älteren eher größer. Darum versuchen sie meist, das Trinken im Verborgenen zu halten. Die negativen Folgen für die Gesundheit aber können gravierender sein als bei jungen Menschen, weil Ältere meist nicht mehr so fit sind. Bei ihnen ist auch deshalb die Abhängigkeit oft nicht so leicht zu erkennen. Sind sie schwach und plagen sie Schwindel, weil es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten steht, oder ist das eine Folge der Abhängigkeit, kann eine wichtige Frage lauten.
Ergibt sich bei der Abhängigkeit von Medikamenten ein ähnliches Bild?
Manche Medikamente können potenziell abhängig machen. Aus der Verordnung, die Linderung bringen soll, kann Gewöhnung und schließlich Sucht werden. Bestimmte Angstlöser und Beruhigungsmittel bergen diese Gefahr.
Gibt es – auch für ältere Menschen – bei Alkohol eine Art Maß oder Selbsttest dafür, bei welcher Trinkmenge Abhängigkeit beginnt?
Eher unbedenklich ist, wenn nicht mehr als ein Drink pro Tag konsumiert wird. Das wäre ein kleines Bier oder ein Glas Wein von 0,1 Litern.Und dazu an zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol verzichtet werden kann. Das gilt für jüngere und für ältere Menschen. Folgenden Selbsttest kann jeder machen: Wer regelmäßig mehrere Tage ganz ohne Alkohol auskommen kann, ist höchstwahrscheinlich nicht abhängig. Allerdings muss immer auch individuell abgewogen werden: bei einigen Erkrankungen oder der Einnahme von bestimmten Medikamente sollte generell kein Alkohol getrunken werden.
Wenn ein Älterer mit seiner meist schwächeren Gesundheit aber doch abhängig wurde – ist in dieser Situation jede Hoffnung vergebens?
Nein, ganz und gar nicht. Denn Abhängigkeit lässt sich gut behandeln. Vor allem bei Leuten, die erst spät dazu kamen. Mutlosigkeit und Verzweiflung sind also ganz und gar nicht angebracht.
Wo gibt es Hilfe für Betroffene oder deren Angehörige, die Fragen dazu haben?
Über den Hausarzt, der sich auch um die möglicherweise notwendige Entgiftung kümmert. Ebenfalls bei Suchtberatungsstellen sind Menschen, die helfen.
Die hier besprochene Sucht im Alter ist offenbar so wichtig, dass sie zu einem Vortragsthema für die Seniorenakademie wurde.
Ich beschäftige mich bereits seit vielen Jahren mit dem Thema. Auch im Rahmen der Suchtwoche und der Fortbildungsakademie der Ärztekammer gab es in diesem Jahr Veranstaltungen zur Sucht im Alter. Die Veranstaltungen waren sehr gut besucht. Dies zeigt das große Interesse einerseits von Ärzten und Suchttherapeuten und andererseits von Betroffenen und ihren Angehörigen. Mein Ziel ist es, diesen Menschen Mut zu machen, weil eine Abhängigkeit behandelt werden kann.
Stand 14.01.2014 Quelle: NK140104