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Die Plätze in der Psychiatrie reichen nicht

Nervenarzt dringend gesucht

Die Plätze in der Psychiatrie reichen nicht

Chefarzt Dr. Rainer Kirchhefer

Immer mehr Menschen scheinen an psychischen Krankheiten zu leiden. Psychologen und Psychiater sind hoffnungsvoll überlaufen. Patienten müssen oft Wochen auf einen Termin warten. Vor wenigen Wochen beschrieben wir den Fall des Neubrandenburgers Jens J. Er suchte nach einer schweren Meningitis und einer Herzklappenoperation vergeblich nach einem Termin bei einem Neurologen beziehungsweise einem Psychiater. Dr. Rainer Kirchhofer, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Neubrandenburger Klinikum erklärt Frank Wilhelm, warum auch seine Klinik eine Warteliste führen muss.

Herr Dr. Kirchhefer, wie lange muss ich bei Ihnen auf einen Termin warten?
Wenn eine stationäre Behandlung als Notfall erforderlich ist, dann muss man nicht warten. Ansonsten haben wir im stationären Bereich manchmal Wartezeiten von einigen Tagen bis zu wenigen Wochen. Bei den Tageskliniken kann die Wartezeit etwas länger sein – in einigen Fällen auch leider mehrere Wochen.
Warum dauert es so lange?
Wir haben nur eine bestimmte Zahl von Behandlungsplätzen zur Verfügung. Für die Zahl der Behandlungsplätze ist das Sozialministerium zuständig. Da wir im Jahresdurchschnitt eine Überbelegung in der Klinik haben, sind die Plätze aus unserer Sicht nicht ausreichend. Wir können aber die Kapazität nicht einfach von uns aus erhöhen. Auf unseren Antrag hin wurde aber in den letzten Jahren die Zahl der TagesklinikPlätze erweitert. Vor vier Jahren hatten wir insgesamt 20 Plätze, heute sind es 47 – beantragt wurden aber mehr! Damit wir im gesamten Versorgungsgebiet präsent sind, haben wir 2012 eine Tagesklinik in Neustrelitz mit 15 Plätzen eröffnet, inzwischen sind es 20 Plätze. Wir reagieren also auf den Bedarf in der Bevölkerung und versuchen weitere Behandlungsangebote zu schaffen.
Warum eilt der Bedarf den Kapazitäten immer wieder voraus?
Wenn wir beim Sozialministerium eine Kapazitätserweiterung beantragen, müssen wir erst durch eine Überbelegung nachgewiesen haben, dass der Bedarf besteht. Gleichzeitig ist eine Überbelegung natürlich nur bedingt möglich, da die Zahl der Therapeuten auf die Planzahl des Ministeriums ausgelegt ist. Aufgrund dieses langen Planungsprozederes hinken wir beim Ausbau der Behandlungsangebote leider hinterher.
Wie viele Plätze bräuchten Sie denn noch, um die Wartezeiten deutlich verringern zu können?
Leichtere psychische Erkrankungen können und sollten ambulant behandelt werden. Da es auch in der ambulanten Versorgung Engpässe gibt, kann es sein, dass einige Menschen zwischenzeitlich schwerer erkranken, so dass sie dann stationär oder tagesklinisch behandelt werden müssen. Wir versuchen immer, dem Bedarf des Patienten entsprechend zu behandeln. Daher ist es unser Ziel, die Patienten möglichst schnell aus der stationären in die tagesklinische Behandlung zu überführen und dann, wenn es erforderlich sein sollte, in die Weiterbehandlung unserer Institutsambulanz. Durch diese Verzahnung wollen wir letztendlich die Wartezeiten auf eine Behandlung insgesamt verringern. Im Vergleich zu anderen Regionen fehlen uns aber mindestens 20 Behandlungsplätze.
Der Bedarf steigt und steigt. Heißt das gleichzeitig, dass immer mehr Menschen psychisch krank werden?
Zum einen zeigen Untersuchungen, dass sich die Zahl von psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren kaum verändert hat. Aber: Die Inanspruchnahme von Ärzten steigt. Mehr Menschen gehen wegen psychischer Erkrankungen zum Arzt oder in die Klinik.
Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Das mag gesellschaftliche Ursachen haben. Vielleicht ist es heutzutage schwieriger, mit einer leichten psychischen Erkrankung weiter arbeiten zu gehen oder seinen Alltag zu bewältigen, weil der Alltag intensiver ist. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass es mehr und bessere Angebote gibt – beispielsweise Tageskliniken und niedergelassene Therapeuten. Menschen wollen nicht unbedingt stationär in die Klinik kommen. Sie wollen auch in einer seelischen Krise lieber zu Hause übernachten, um am Tag die intensive Therapie einer Tagesklinik zu bekommen. Durch dieses Angebot erreichen wir auch psychisch kranke Menschen, die ansonsten gar nicht in Behandlung gekommen wären.
Welche Therapie ist besser – stationär oder in der Tagesklinik?
Das hängt natürlich von der Erkrankung ab. Aber die Tagesklinik bietet den Vorteil, dass der Patient weiter in der Familie, im häuslichen Umfeld lebt und sich im Alltag erproben kann.
Welche psychischen Erkrankungen behandeln Sie in der Klinik?
Eine große Gruppe der Erkrankten leidet an Depressionen. Eine weitere große Gruppe umfasst die Suchterkrankungen. Hinzu kommen Angsterkrankungen, Psychosen und psychosomatische Erkrankungen.
In der stationären Klinik bleiben die Patienten im Durchschnitt 20 Tage bei Ihnen. Wie lange dauern die Therapien in der Tagesklinik?
Ähnlich lang, etwa vier Wochen beträgt die durchschnittliche Behandlungsdauer. Das bedeutet auch, dass einige Patienten nur wenige Tage hier sind, andere dafür sogar einige Monate.
Keine Lust aufs Aufstehen oder kein Bock auf Arbeit – das Gefühl hatte sicher jeder schon mal von uns. Woran erkenne ich, dass die Ursachen dafür möglicherweise eine psychische Krankheit ist?
Eine psychische Erkrankung macht sich häufig in einem fehlenden seelischen Wohlbefinden bemerkbar. Wenn jemand über einen längeren Zeitraum eine Antriebsarmut oder eine depressive Stimmung bemerkt, immer wieder kehrende Ängste spürt, dann können das Hinweise sein, dass eine psychische Erkrankung vorliegt. In der Regel sollte man aber erst zum Hausarzt gehen, der eine organische Erkrankung ausschließt, und dann in die fachärztliche Behandlung überweist. Es gibt beispielsweise durchaus eine Antriebsarmut, die ihre Ursache in einer körperlichen Erkrankung hat.
Gibt es eine Heilung von psychischen Erkrankungen?
Den meisten Erkrankten geht nach einer Behandlung gut, so dass man von einer Heilung sprechen kann. Seltener bleiben nach einer Therapie noch Rest-Symptome übrig.
In Krisensituationen bieten Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie Hilfe
Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie behandeln psychisch kranke Erwachsene, die im Rahmen der psychiatrisch-psychotherapeutischen Krisenintervention aufgenommen werden, wie es auf der Homepage der Neubrandenburger Klinik heißt. Die Patienten werden in der Klinik behandelt, wenn eine ambulante Behandlung nicht mehr ausreichend erscheint. In der Neubrandenburger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie werden pro Jahr etwa 1300 Patienten aufgenommen – sowohl stationär als auch ambulant. Bei etwa 40 Patienten ist eine gesetzliche Unterbringung wegen Selbst- und Fremdgefährdung notwendig.

Im Gegensatz zur stationären Aufnahme hat der Patient in der Tagesklinik die Möglichkeit, den Abend und die Nacht im gewohnten häuslichen Umfeld zu verbringen. Die Tagesklinik in Neubrandenburg hat montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr geöffnet. Jeder Patient hat einen individuellen Behandlungsplan. Am Tag finden unterschiedlichste Therapien statt. Dazu gehören Einzelgespräche und Gruppentherapien: Gesprächsgruppen, Ergo-, Kreativ- und Musiktherapien.

Stand 25.02.2014 Quelle: NK140207