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Wenn Passanten den Heimweg erklären müssen

Eine Dolmetscherin, der die Vokabeln nicht mehr einfallen und die den Weg nach Hause nicht findet. So fing es bei Helga Rohra an. Diagnose: Demenz.

Wenn Passanten den Heimweg erklären müssen

Helga Rohra signiert nach ihrem Vortrag aus Betroffenen-Sicht eines ihrer Bücher

Paulina Jasmer (NEUBRANDENBURG)

In der ersten Reihe sitzt eine ältere Dame und spricht ins Mikrofon. Ihr Mann ist über achtzig. Im Pflegeheim. Dement. Wie könnte man ihm helfen? Mit einer logopädischen Therapie, fragt die Angehörige fast hoffnungsfroh.

Gerade hatte sie dem Vortrag von Helga Rohra anlässlich des Demenztages des Dietrich Bonhoeffer Klinikums gelauscht. Und Helga Rohra hat als Betroffene, als Demenz-Erkrankte mit jetzt fast 60 Jahren, so schön, so fehlerfrei gesprochen. Und die Zuschauerin schöpft nun Hoffnung für ihren Mann. Für ihren gemeinsamen Lebensabend.

Lange hält sich Helga Rohra mit der Alters-Demenz nicht auf: Sie wolle doch über die Frühbetroffenen reden, so wie sie eine war und ist, sagt sie. Es geht um Menschen, die schon in jungen Jahren die Diagnose Demenz erhalten. Um deren Probleme. Und die ältere Dame? Sie schweigt, Helga Rohra hat das Mikro und erzählt dem Publikum die Geschichte ihrer Krankheit. Ihr Lebensplan, der durch die Demenz ganz verändert wurde. Helga Rohra war damals 54 Jahre alt.

Eine Ausnahmeerscheinung ist sie wie man in den Sitzreihen hört. Helga Rohra war vor ihrer Diagnose angesehene Dolmetscherin. Sie beherrschte fünf Sprachen, übersetzte bei medizinischen Kongressen und Fachtagungen. Sie ging zum Sport, traf sich mit Freunden, kümmerte sich um ihren hochbegabten Sohn. Als sie jedoch eines Tages als Dolmetscherin einen Folgeauftrag für eine spezielle Fachtagung erhielt, musste sie passen, „ ich konnte mich nicht erinnern, worum es in der ersten Zusammenkunft ging“, berichtet sie. Solche Anzeichen häuften sich: Sie wollte den Laptop starten und wusste nicht, wie das geht. Lauschte sie Fremdsprachen, so wusste sie schon welche das ist, doch kam ihr nicht eine Vokabel über die Lippen, ging sie spazieren, musste sie Passanten nach dem Heimweg fragen. Zuerst dachte Helga Rohra an Erschöpfung, was ihr auch ein Arzt bescheinigte. BurnOut lautete die Diagnose und er schickte Helga Rohra nach Hause. Sie solle spazieren gehen und sich erholen. Doch als sie eines Tages beim Zähneputzen im Waschbecken einen Filmstreifen sah, mit Bildern aus ihrer Vergangenheit, die vorüberzogen in den schönsten Farben, da war für sie klar: Sie braucht Hilfe.

Die Diagnose war ein Schock. Demenz. Es riss sie aus dem Leben. Die Depression überkam sie. Lange hielt sie ihre Krankheit geheim. Erst viel später machte sie reinen Tisch. Sie lernte, sich so zu nehmen wie sie ist. Nun sieht sie sich als Sprachrohr der Betroffenen, die von Angehörigen mitunter auf einmal Mitleid erhalten, weil sie dement sind. Denen man nichts mehr zutraut, die für ihre Rechte kämpfen müssen, so Helga Rohra.

Sie weiß, worüber sie spricht. Sie hat ein Buch geschrieben, saß bei ZDF-Moderator Markus Lanz im TV-Sessel, hat den Sendern arte und BBC Interviews gegeben. Auf vielen Kanälen konnte und kann sie eindrucksvoll ihre Geschichte erzählen. Um – wie sie gegenüber dem Neubrandenburger Publikum mit vielen Vertretern aus Pflegebrufen der Region betont – für die Frühbetroffenen da zu sein. Für ihr Engagement erntet sie viel Bewunderung, auch bei der Signierstunde ihres Buches, dessen Erlös in den Aufbau einen Bauernhof fließen soll. Dort sollen sich Erkrankte, die als Frühbetroffene die Demenz-Diagnose ereilte, erholen können. Gratis. Das ist Helga Rohra ganz wichtig. Dafür steht sie ein. Als nach dem Vortrag ihr Telefon klingelt, fingert sie es mit einem Lächeln heraus: „Ach, vielleicht ist das ja die ARD.“

Kontakt zur Autorin: p.jasmer@nordkurier.de

Stand 02.10.2012