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„Schaufensterkrankheit“ gestoppt

VERSCHLUSSSACHE Wenn Becken- oder Beinarterien verstopfen, kann das Gehen zur Qual werden. Radiologen bieten eine schonende Therapie.

„Schaufensterkrankheit“ gestoppt

Dr.JörnAlbrecht bei einer Katheter-Untersuchung(Angiographie), assistiert von Marion Schallge und Gabriele Schnetzer(links)

VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG. Es sind nicht immer die Schaufensterauslagen, deretwegen manche Menschen in der Stadt stehen bleiben. Schmerzen in den Beinen zwingen oft zum Stopp. Laut Deutscher Gefäßliga leidet ab 65. Lebensjahr jeder Fünfte unter der sogenannten Schaufensterkrankheit. Ärzte nennen sie periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK). Deutschlandweit sind mehr als vier Millionen Menschen betroffen.

Auch Uwe M. (*) bereiteten die Durchblutungsstörungen der Becken- und Beinarterien große Probleme. „Der Weg zur Mülltonne war eine einzige Quälerei“, sagt der 67-Jährige, der in einem Dorf in der Mecklenburger Schweiz zu Hause ist. „Ich konnte nur noch 40 Meter gehen, dann kam der Schmerz – eine Druckgefühl, das sich zum Krampf in der Wade steigerte. Dann musste ich stehen bleiben, bis der Schmerz nachließ.“ Auch habe er bereits kein Gefühl mehr im linken Fuß gehabt. „Wenn ich Rad fuhr, wusste ich nicht, ob der Fuß auf der Pedale war.“ Autofahren war ihm gar nicht mehr möglich. Außerdem sei der linke Fuß immer kalt gewesen. Als Uwe M. ins DietrichBonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg kam, war seine größte Angst: „Hoffentlich muss das Bein nicht amputiert werden!“ Uwe M. hatte Glück.

In Deutschland gibt es jährlich rund 30.000 Amputationen aufgrund der „Schaufensterkrankheit“. „Dank immer besserer Behandlungsmöglichkeiten ist diese Zahl aber rückläufig“, sagt Dr. Jörn Albrecht, Oberarzt der Klinik für Radiologie und Neuroradiologie des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums. Doch wachse mit zunehmender Lebenserwartung die Anzahl der Menschen, die unter PAVK leiden.

Zu 95 Prozent ist die Ursache für die „Schaufensterkrankheit“ Arteriosklerose, bei der es zu Ablagerungen an der Gefäßinnenwand kommt. „Raucher sind dreimal häufiger betroffen als Nichtraucher“, sagt der Radiologe. Diabetes, Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck sind weitere Risikofaktoren. Auch genetische Veranlagungen würden eine Rolle spielen. Die „Schaufensterkrank heit“ gilt als Marker für andere gefährliche Krankheiten. Denn wenn Ablagerungen die Blutgefäße in den Beinen und Armen verstopfen, drohen gleichzeitig auch Herzinfarkt und Schlaganfall. Eine frühzeitige Diagnose ist also wichtig. Sie kann vom Hausarzt oft schon nach Patientengespräch und Pulsstatus gestellt werden. Mit der Duplex-Sonographie, einer speziellen Ultraschalluntersuchung,mit MRT und vor allem mit der digitalen Subtraktionsangiographie (DSA) kann das Ausmaß der Gefäßerkrankung noch exakter bestimmt werden.

Doch die Krankheit verläuft schleichend. Im ersten Stadium spüren Betroffene in der Regel nichts. „Manchmal gibt es einen Zufallsbefund“, sagt der Arzt.

Im Stadium zwei (Claudicatio intermittens) meldet sich wegen mangelnder Durchblutung die Wadenmuskulatur schmerzhaft beim Gehen – zunächst nach langen, später nach immer kürzeren Wegstrecken. Beim Stehen erholen sich die Muskeln wieder. Im dritten Stadium der Krankheit stellen sich die Schmerzen auch in Ruhe ein. Im letzten Stadium stirbt Gewebe ab; die verminderte Durchblutung der Beine führt außerdem zu einer schlechten Wundheilung.

„Die stadiengerechte Behandlung von Patienten mit PAVK erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit“, sagt Dr. Jörn Albrecht. Am Neubrandenburger Klinikum setzen die Radiologen darum auf ein enges Miteinander mit Gefäßchirurgen und Internisten im Haus sowie mit niedergelassenen Ärzten.

Weit oben auf der Therapieliste steht bei Durchblutungsstörungen das Gehtraining, ein kontrolliertes Gehen bis zur Schmerzgrenze. Das fällt schwer, wenn die Beweglichkeit bereits eingeschränkt ist. Aber es lohnt sich. Forscher der Berliner Charité konnten nachweisen, dass sich durch die Behandlung der Grunderkrankungen und regelmäßiges Training kleine „Ersatzblutgefäße“ aktivieren lassen, so dass die Durchblutung wieder verbessert wird.

„Bewegung jeden Tag so viel wie möglich – ob Spaziergänge oder Radfahren“, empfiehlt auch die Neubrandenburger Physiotherapeutin Gloria Baudson. „Ebenso können Massagen, Wassertherapie und Bäder die Durchblutung fördern.“ Welche Anwendungen gut sind, müsse stets individuell entschieden werden.

Schreitet die Krankheit trotz Medikation und Training fort, ist nicht immer gleich eine große Operation unter Vollnar kose erforderlich. Häufig kann ein schonender, minimal-invasiver Eingriff Hilfe bringen. Die Ballon-Dilatation – auch perkutane transluminale Angioplastie genannt – gilt als Standardmethode. Dabei schieben Ärzte unter Röntgenkontrolle einen Gefäßkatheter von der Leistengegend oder dem Arm aus bis zur verengten oder verschlossenen Arterienpassage. Dort wird der Ballon an der Katheterspitze aufgeblasen und das Gefäß von innen aufgedehnt. Unter bestimmten Voraussetzungen kann zusätzlich eine Gefäßstütze, ein Stent, eingesetzt werden, um einenWiederverschluss der Arte rie zu verhindern. „Wichtig ist, dass nach dem Einsetzen der Stents vomHausarzt spezielle Medikamente zur Blutverdünnung über sechs Wochen weiter verordnet werden“, sagt der Radio loge. Um besonders hartnäckige Ablagerungen zu entfernen, können Ärzte am Neubrandenburger Klinikum seit kurzem Spezialinstrumente nutzen. „Mit dem Silverhawk-Katheter lassen sich zugesetzte Gefäße von innen abfräsen“, erläutert Dr. Albrecht, der den Arbeitsbereich Angiographie und Interventionen leitet.

Etwa 130 therapeutische Eingriffe per Katheter erfolgen nach seinen Angaben jährlich in der Neubrandenburger Radiologie zur Beseitigung von Engpässen und Verschlüssen in peripheren Arterien. Tendenz steigend. Auch ambulant seien am Bon hoeffer-Klinikum die Angiographie zur Diagnostik sowie kleinere Eingriffe unter Röntgenkontrollemöglich. Gravierende Gefäßverschlüsse in den Beinen lassen sich indes auchmit einer BypassOperation beheben. Dabei überbrücken Chirurgen die verschlossene Arterie mit einem Venenstück, das demBein entnommen wurde. „Manchmal ist auch eine Kombination verschiedener Methoden für eine optimale Behandlung ratsam“, so der Radiologe. Für den Patienten lohne es sich darum, ein medizinisches Zentrum aufzusuchen, in dem interdisziplinär gearbeitet wird.

Bei Uwe M. konnte das Team umDr. Albrechtmit Stents die Durchblutung des Beins wieder herstellen. Bereits am Tag nach dem Eingriff geht der 67-Jährige ohne Unterbrechung den Klinikflur entlang und zur „Raucherinsel“ nach draußen. „Morgen darf ich nach Hause“, sagt er. Nach einer großen Operation hätte er zehn Tage bleiben müssen, weiß Uwe. M. Am rechten Bein wurde ihm vor sieben Jahren bereits ein Bypass gelegt. „Der hält zum Glück noch immer“, freut er sich.

  • Name geändert

Zu einer interdisziplinären Veranstaltung über Diagnostik und Therapie von PAVK lädt die Radiologische Klinik am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum am 2. Dezember um 16 Uhr interessierte Mediziner ein.

Stand 02.12.2009 Quelle: NK091130