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„Schaufensterkrankheit“ oft zu spät erkannt

Irgendwann werden die Schmerzen in den Beinen so schlimm, dass Patienten nur wenige Meter zurücklegen können. Heilen können Mediziner die Schaufensterkrankheit, von der womöglich jeder Fünfte betroffen ist, nicht. Wohl aber die Folgen mildern, sagt Jörn Albrecht, Oberarzt der Klinik für Radiologie und Neuroradiologie am Bonhoeffer-Klinikum. Bei einem Gesundheitsforum beantwortet er am 8. Juni um 17 Uhr in der BethesdaKlinik Fragen zu dem oft unerkannten Leiden. Susanne Schulz hatte vorab Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Experten.

„Schaufensterkrankheit“ oft zu spät erkannt

Mit der Angiografie können Dr. Jörn Albrecht und Schwester Marion Schallge die verengten Gefäße sichtbar machen.

Sie beschäftigen sich mit einer Krankheit, die so einen heiteren Spitznamen hat.Dazu ulkte ein Kollege: „Das hat meine Frau auch. Wird immer teuer, wenn sie bummeln geht.“
Ja, so was kenne ich auch. Der Name der Krankheit ist allerdings entstanden, weil Leute solche Schmerzen in den Beinen haben, dass sie beim Gehen immer wieder innehalten müssen. Und stehenbleiben wollen sie verständlicherweise nicht irgendwo, sondern wo sie so tun können, als schauten sie etwas an. Die Ursache ist eine durch verengte Arterien behinderte Blutzufuhr, die sich erst wieder normalisieren muss. Dies ist eine Form der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, kurz pAVK.
Wie dramatisch ist diese Krankheit?
Sie verläuft in mehreren Stadien und bleibt meist lange unbemerkt. Wird sie frühzeitig erkannt, kann eine Veränderung von Lebensund Ernährungsgewohnheiten Abhilfe schaffen. Später aber sind operative Eingriffe bis hin zur Amputation nötig. Das größte Problem ist: Die meisten Betroffenen wissen nicht, dass sie daran leiden. Experten haben ausgerechnet, dass jeder fünfte Deutsche betroffen ist. Aber die Krankheit wird oft zu spät erkannt.
Woran merken Betroffene, dass Handlungsbedarf besteht?
Wenn die Schmerzen in den Beinen nicht aufhören. Beim Hausarzt werden dann zunächst meist alle denkbaren Ursachen anatomischer und orthopädischer Natur untersucht, und erst ganz zum Schluss kommt ein Gefäßproblem in Betracht. Dabei können einfache Untersuchungen darauf hindeuten, zum Beispiel wenn man den Blutdruck am Arm und am Fußknöchel misst. Liegt der Quotient unter 0,9, sollte man aufmerksam werden. Oft geht die pAVK auch einher mit Herzproblemen und besitzt ein erhöhtes Schlaganrallrisiko. Man sagt so schön: Ein Gefäß kommt selten allein.
Welche Lebensumstände und Vorerkrankungen erhöhen das Risiko?
Da ist in erster Linie Diabetes zu nennen, erhöhte Fettwerte und eine ungesunde Lebensweise - Rauchen sowieso. Aber auch genetische Veranlagungen spielen eine Rolle. Und überhaupt ist Bluthochdruck ja ein Hinweis auf mögliche Kalkablagerungen in den Blutgefäßen, also eine Arteriosklerose.
Wie fortgeschritten ist die Erkrankung bei den Patienten, die zu Ihnen ins Klinikum kommen?
Oft erst in fortgeschrittenen Stadien, wenn bereits eine erhebliche Gehstreckenbegrenzung vorliegt. Oder drastischer ausgedrückt: meist zu spät, wenn schon sichtbare Anzeichen für eine Durchblutungsstörung vorhanden sind, sogar Nekrosen - abgestorbenes Gewebe. Letztlich trifft zweierlei zusammen: Die Leute gehen zu spät zum Arzt, und dort wird die Krankheit zu spät erkannt. Gerade bei Diabetikern ist oft ein Bagatelltrauma Auslöser für eine nicht mehr heilende Wunde bei unzureichender Blutzufuhr.
Und was können Mediziner dann tun?
Wenn die Krankheit noch nicht so weit fortgeschritten ist, lässt sich mit Medikation und einer vernünftigen Lebensweise schon einiges machen. Wenn es bereits verengte Stellen oder sogar Verschlüsse gibt, können wir hier in der Radiologie mittels Ultraschall, Magnetresonanztherapie und Computertomografie die Gefäße detailliert darstellen. Und auch wenn immer noch viele denken, in der Radiologie machen wir nur Bilder: Gegenüber der Diagnostik nimmt der therapeutische Anteil zu. Wir machen jährlich bis zu 1000 Angiografien, also Gefäßdarstellungen, und nehmen rund 200 sogenannte periphere Eingriffe an Beingefäßen vor: Gefäßaufweitungen entweder mit einem Ballon, der nach der Prozedur wieder entfernt wird, oder einem Stent, der im Körper bleibt und das Gefäß stabilisiert. Oder es werden Ablagerungen von der inneren Gefäßwand abgefräst. Wenn all das allerdings nicht hilft, bleibt nur eine Operation. Dann bekommt der Patient einen Bypass, gewissermaßen eine Umgehung des verschlossenen Gefäßabschnitts. Wir versuchen auf jeden Fall, Amputationen zu vermeiden oder wenigstens hinaus zu zögern. Dennoch verlieren deutschlandweit jedes Jahr 30 000 bis 50 000 Menschen einen Fuß oder Unterschenkel wegen einer solchen Durchblutungsstörung.
Haben wir hier eine Zivilisationskrankheit, der Sie machtlos gegenüberstehen?
Die Zahl der Betroffenen steigt, weil die Menschen älter werden. Und weil sie weniger laufen. Das muss ich auch meinen Patienten klar sagen: Wenn wir das Gefäß freilegen, und Sie bewegen sich nicht genug - dann wird das Problem wieder auftreten. Es sind nicht wenige Patienten, die zum wiederholten Mal zu mir kommen. Natürlich hängt auch viel davon ab, wo der Verschluss auftritt: Wenn ich im Oberschenkel einen Stent lege, liegen die Chancen auf Besserung bei 95 Prozent. Bei den engeren Gefäßen im Unterschenkel ist das schon schwieriger.
Warum sind gerade Unterschenkel und Füße betroffen - weil sie im Blutkreislauf am weitesten vom Herzen entfernt sind?
Und weil dort die Blutgefäße immer kleiner und immer enger werden. Wenn sich in einem Zwei-Millimeter-Gefäß ein Millimeter Kalk ablagert, ist das natürlich gravierender als in einem größeren Gefäß. Und gerade in der stark belasteten Wadenmuskulatur melden dann die Rezeptoren, dass es nicht mehr weitergeht.
Wenn die Krankheit oft lange unerkannt bleibt – werden Sie jetzt womöglich von Patienten mit den beschriebenen Beschwerden überrannt, für die diese Diagnose in Frage kommt? Was raten Sie Menschen, die unsicher sind?
Natürlich liegt nicht bei allen Menschen mit diesen Beschwerden die Verschlusskrankheit vor. Viele leiden ja auch ein einer venösen Insuffizienz. Ob es tatsächlich ein arterielles Problem gibt, kriegt man dann aber ’raus. Auch wenn mal der Fuß einschläft, ist da wahrscheinlich nichts Ernstes. Aber wenn die Beschwerden wiederkehren, erst recht bei schlagartigen Schmerzen und blasser Haut, sollten Sie sofort zum Arzt gehen. Die Erstdiagnostik mit Pulsmessung und Ultraschall dauert nicht lange und tut nicht weh.
Was können Patienten denn selbst tun, um das Risiko zu mindern?
Die Antwort ist ein Klassiker: gesünder leben. Sich gesund ernähren, auf den Blutdruck achten, den Zucker gut regulieren und sich viel bewegen. Patienten, die schon einmal wegen der Schaufensterkrankheit behandelt wurden, rate ich: Schaffen Sie sich einen Hund an, und los!
Stand 04.06.2015 Quelle: NK150603